Weiter Höchstwert: 28.338 Menschen vor zweitem Lockdown in Tirol ohne Job

Die Arbeitslosigkeit lag Ende Oktober in Tirol noch immer um 38,9 Prozent über dem Vorjahresniveau, was den stärksten Anstieg in Österreich ausmacht. Insgesamt waren in Österreich 423.750 Menschen ohne Job. Durch den Lockdown könnte die Zahl über den Winter auf über 500.000 steigen.

Am stärksten stieg die Arbeitslosigkeit in den saisonal stark schwankenden Branchen wie Bau und Tourismus, wo die Zuwächse im Oktober knapp über 30 Prozent betrugen.
© Thomas Böhm

Wien – 423.750 Menschen in Österreich sind heuer im Oktober ohne Job gewesen, in Tirol gab es 28.338 Arbeitslose. Das ist ein Anstieg von 38,9 Prozent oder 7829 gegenüber dem Oktober 2019. In Gesamt-Österreich beträgt der Anstieg 19,7 Prozent oder 69.724 gegenüber dem Vorjahresniveau, wie das Arbeitsministerium am Montag mitteilte.

Durch den zweiten Lockdown im November ist mit einem weiteren Anstieg der Arbeitslosenzahlen zu rechnen. Ökonomen schließen nicht mehr aus, dass die Zahl über den Winter in Österreich auf über 500.000 steigt.

Auch in Tirol wird in den nächsten Wochen eine noch verschärftere Situation für die betroffenen Betriebe und Arbeitslosen zu bewältigen sein, so Sabine Platzer-Werlberger vom AMS Tirol. "Das trifft uns alle hart. Das AMS geht aber gut vorbereitet in die nächsten Wochen und ist ein verlässlicher Partner bei der Auszahlung von Arbeitslosengeld und der Kurzarbeitsbeihilfe. Die Schulungen und Kurse im Rahmen der Corona-Joboffensive finden weiterhin – unter Einhaltung der Covid-19-Maßnahmen – statt", sagt Platzer-Werlberger.

Arbeitslose in den Bezirken

Nach Regionen betrachtet kommt es in allen Tiroler Bezirken zu einem deutlichen Anstieg der Arbeitslosigkeit.

  • Innsbruck: plus 3673 (plus 61,6 Prozent)
  • Schwaz: plus 1137 (plus 47,3 Prozent)
  • Imst: plus 811 (plus 46,4 Prozent)
  • Reutte: plus 401 (plus 41,9 Prozent)
  • Kitzbühel: plus 708 (plus 38,3 Prozent)
  • Kufstein: plus 877 (plus 34,0 Prozent)
  • Landeck: plus 230 (plus 7,0 Prozent)
  • Lienz: plus 92 (plus 5,6 Prozent)

Stärkster Arbeitslosenzuwachs in Bau und Tourismus

Von den 28.338 Menschen ohne Job in Tirol befanden sich 2189 Personen in Schulungs- und Ausbildungsaktivitäten des AMS. Das sind im Vorjahresvergleich um -72 Personen oder -3,2 Prozent weniger. In Österreich waren von den 423.750 Menschen ohne Job 358.396 Personen beim AMS arbeitslos vorgemerkt. Weitere 64.354 Personen befanden sich in einer Schulung. Die Zahl der sofort verfügbaren offenen Stellen sank gegenüber dem Vorjahr um 11.511 auf 64.666.

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Am stärksten stieg die Arbeitslosigkeit in den saisonal stark schwankenden Branchen. Sowohl am Bau als auch im Tourismus betrugen die Zuwächse knapp über 30 Prozent. Auch im Handel war die Arbeitslosigkeit mit 25,6 Prozent überdurchschnittlich hoch. In der Arbeitskräfteüberlassung stieg sie hingegen mit 14,5 Prozent unterdurchschnittlich stark.

© APA-Grafik

Beim ersten Corona-Lockdown im März und April schossen die Arbeitslosenzahlen auf ein Rekordhoch seit 1945. Mitte April waren 588.000 Personen in Österreich ohne Job, ein Plus von 220.000 Betroffenen gegenüber dem Vorjahreszeitpunkt. Von Mitte April bis September sanken die Arbeitslosenzahlen, seitdem steigen sie wieder. Ende September gab es 408.853 Arbeitslose und AMS-Schulungsteilnehmer, die Anzahl der krisenbedingten Arbeitslosen lag ebenfalls bei um die 70.000. Das Arbeitsministerium betonte, dass der derzeitige Anstieg der Arbeitslosigkeit noch dem üblichen Saisonmuster der vergangenen Jahre folge.

Zweite Pandemie-Welle deutlich merkbar

Die durch die Pandemie verursachte angespannte Lage am Arbeitsmarkt sieht man vor allem bei der Vormerkdauer und den Langzeitarbeitslosen. So stieg die durchschnittliche Vormerkdauer im Oktober um 42 auf 248 Tage. Die Zahl der Personen, die länger als ein Jahr arbeitslos gemeldet sind, stieg um 51,3 Prozent, von 46.947 um 24.073 auf 71.020. Die Vormerkdauer und die Zahl der Langzeitarbeitslosen zeigen, dass die Stellensuche durch die Coronakrise deutlich schwieriger geworden ist und im Schnitt länger dauert.

"Wir konnten heuer über 550.000 Menschen wieder in Beschäftigung bringen und die Arbeitsaufnahmen seit Mai deutlich steigern. Das war in den letzten Wochen und Monaten ein gutes Signal, das zeigt, dass der Arbeitsmarkt trotz Corona-Pandemie in Bewegung ist. Die krisenbedingte Arbeitslosigkeit ist im Oktober auf rund 70.000 Personen gesunken", erklärte Arbeitsministerin Christine Aschbacher (ÖVP) zu den Zahlen. Die zweite Welle der Pandemie und die notwendigen Gegenmaßnahmen seien aber "deutlich merkbar" am Arbeitsmarkt. "Mit gezielten Maßnahmen wie der Corona-Kurzarbeit und der Corona-Joboffensive, sowie weiteren Instrumenten wie bspw. dem Neustartbonus, sind wir für die kommenden Wochen und Monate gerüstet", so die Ministerin.

Neue Zahlen zur Kurzarbeit gab es am Montag nicht. Ende September waren knapp 300.000 Personen in Kurzarbeit. Im Oktober veröffentlichte das Arbeitsministerium wegen der einmonatigen Übergangsphase keine Kurzarbeitszahlen. Die dritte Phase startete mit Oktober und wurde erst diesen Sonntag wegen des neuerlichen Lockdowns nochmals adaptiert. Arbeitnehmer in den Lockdown-Branchen können nun wieder ganz zu Hause bleiben - bekommen aber trotzdem 90 Prozent ihres Gehalts.

Ausländer und Ältere besonders stark betroffen

Besonders betroffen von der Krise sind Ausländer. Bei Personen ohne österreichische Staatsbürgerschaft stieg die Arbeitslosigkeit überdurchschnittlich stark – um 31,6 Prozent gegenüber Oktober 2019, in Tirol 63,4 Prozent mehr Ausländer betroffen als im Vorjahr.

Bei Älteren ab 50 Jahren betrug der Anstieg österreichweit 22,2 Prozent, in Tirol 30,7 Prozent. Bei Jugendlichen (15 bis 24 Jahre) stieg die Arbeitslosenzahl österreichweit um 19,0 Prozent, in Tirol um 24,9 Prozent.

© APA-Grafik

Stärkster Zuwachs im Bundesländervergleich in Tirol

In Wien und Niederösterreich suchten Ende Oktober 2020 weiterhin deutlich mehr Jugendliche eine Lehrstelle als offene Lehrstellen angeboten werden. Demgegenüber sind in Oberösterreich, Salzburg und Tirol deutlich mehr offene Lehrstellen verfügbar als Lehrstellensuchende gemeldet. Über ganz Österreich und alle Branchen betrachtet gab es Ende Oktober 7832 Lehrstellensuchende und 7319 als frei gemeldete Lehrstellen.

Steigende Arbeitslosenzahlen verzeichneten aufgrund der Krise alle neun Bundesländer. Am stärksten ist der Zuwachs in Tirol (+38,9%) und Vorarlberg (+30,6%). Dann folgen Wien (+26,4%), Salzburg (+25,6%), Oberösterreich (+25,4%), die Steiermark (+23,6%), das Burgenland (+20,4%), Niederösterreich (+18,9) sowie Kärnten (+9,5%).

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Arbeitslosenzunahme auch durch Reisewarnungen

Vor allem für die Betriebe im Tourismusbereich und in der Gastronomie seien die Reisewarnungen ein harter Schlag gewesen, so LH Platter.
© Julian Angerer

Dennoch liegt Tirol mit einer Arbeitslosenquote von 7,9 Prozent im Oktober unterhalb des Österreich-Schnitts von 8,7 Prozent und Wien mit 13,7 Prozent. Laut LH Günther Platter war die Zunahme im Vergleich zum Vormonat September auch durch die vermehrten Reisewarnungen zu erwarten. Vor allem für die Betriebe im Tourismusbereich und in der Gastronomie sei dies ein harter Schlag gewesen, weshalb auf die Unterstützungsleistungen des Bundes gesetzt werde. Sie würden genau darauf abzielen, dass es im erneuten Lockdown zu keinem weiteren Abbau von Arbeitskräften kommt.

In dieser schwierigen Zeit geht es jetzt vor allem darum, Arbeitsplätze zu sichern und private Existenzen zu schützen.
LH Günther Platter (ÖVP)

„Dass wir in den vergangenen Jahren gut gewirtschaftet haben, zeigt die Zahl der unselbständig Beschäftigten, die mit 329.000 Personen noch immer sehr hoch liegt, aber natürlich durch die Coronakrise auch eine Delle aufzuweisen hat“, betont Platter.

Arbeits- und Bildungslandesrätin Beate Palfrader (ÖVP) erwähnt die Unterstützungsmaßnahmen des Landes: „Auch wenn die Entwicklung der Arbeitslosenzahlen der sich verstärkenden Coronakrise in Österreich und ganz Europa geschuldet ist, wollen wir das nicht einfach so hinnehmen, sondern sind weiterhin bemüht, mit entsprechenden Unterstützungen die arbeitslos gewordenen Menschen nicht alleine zu lassen“. Bereits in Umsetzung seien dazu die Neuauflage der „Tiroler Bildungskarenz plus", die Offene Arbeitsstiftung, ein stark ausgebautes Beratungs- und Betreuungsangebot, ein gemeindenahes Beschäftigungsprogramm sowie die dritte Förderperiode des Covid-ArbeitnehmerInnenfonds.

Die Arbeitslosenquote nach nationaler Definition liegt in Österreich derzeit bei geschätzten 8,7 Prozent, ein Anstieg von 1,7 Prozentpunkten gegenüber dem Oktober 2019. Nach internationaler Erhebungsmethode gemäß Eurostat betrug die Arbeitslosenquote im September 2020 5,5 Prozent. Österreich - einst EU-Spitzenreiter - liegt damit im europäischen Vergleich an der elften Stelle bei der Arbeitslosenquote. (TT.com, APA)

Zahlen in Tirol im Detail

  • Geschlecht: Sowohl bei den 15.802 Frauen (+4402 Personen oder +38,6 %) als auch bei den 12.536 Männern (+3527 Personen oder +39,1 %) kam es zu einem deutlichen Anstieg der Arbeitslosigkeit.
  • Alter: Die Arbeitslosigkeit ist bei allen Altersgruppen gestiegen. Bei den 461 Jugendlichen zwischen 15 und 19 Jahren stieg die Arbeitslosigkeit um +24,9 % oder +92 Personen. Bei den 2647 arbeitslosen 20- bis 24-Jährigen kommt es zu einem Anstieg um +34,5 % oder +679. Bei den 16.621 Personen zwischen 25 und 49 Jahren stieg die Arbeitslosigkeit um +44,7 % oder +5.136 an. Bei den 8.609 Personen über 50 Jahren erhöhte sich die Arbeitslosigkeit um +30,7 % oder +2022 Personen.
  • Herkunftsland: Von den insgesamt 28.338 arbeitslosen Personen sind 10.289 Personen AusländerInnen. Das sind um +3.994 Personen oder +63,4 % mehr als im Vergleichsmonat des Vorjahres.
  • Ausbildung: 40,5% der insgesamt 28.338 arbeitslosen Personen haben maximal einen Pflichtschulabschluss. Der Anteil der betroffenen Personen mit Lehrausbildung beträgt 36,4 %. 9,4 % der arbeitslosen Personen besitzen eine höhere Ausbildung, 5,7 % einen akademischen Abschluss.
  • Langzeitarbeitslosigkeit: Bei den 1568 länger als 1 Jahr vorgemerkten Arbeitslosen ist ein Anstieg um +660 Personen oder +72,7 % zu verzeichnen. Die Zahl der 6 Monate und länger Vorgemerkten stieg um +4203 Personen oder +194,6 % auf 6363 an.
  • Dynamik: Tirol verzeichnet einen Zugang in die Arbeitslosigkeit von 13.704 Personen, das sind um +1384 oder +11,2 % mehr als im Vorjahresvergleich.
  • Wirtschaftsklasse: Den größten Anstieg nach Wirtschaftsabschnitten betrachtet, gab es im Abschnitt Beherbergung und Gastronomie mit +3.283 Personen oder +35,3 %. Im Wirtschaftsabschnitt Handel, Instandhaltung und Reparatur von Kraftfahrzeugen stieg die Arbeitslosigkeit um +991 Personen oder +41,3 %. Es folgen der Abschnitt Erbringung von sonstigen wirtschaftlichen Dienstleistungen mit einem Anstieg um +693 Personen oder +43,5 %, Verkehr und Lagerei mit einem Anstieg um +550 Personen oder +39,3 % und der Abschnitt Herstellung von Waren mit einem Anstieg um +516 Personen oder +42,4 %.
  • Beruf: Nach ausgewählten Berufsobergruppen ist der markanteste Anstieg im Fremdenverkehr mit +3.157 Personen oder +35,6 %, im Handel mit +750 Personen oder +41,0 %, bei den Hilfsberufen mit +651 oder +40,4 % und in den Büroberufen mit +626 Personen oder +38,8 % feststellbar.
  • AL und Schulung: Inklusive der Personen in einer AMS-Schulung betrug die Zahl der beim AMS Tirol vorgemerkten Personen Ende Oktober 2020 30.527, das ist ein Anstieg gegenüber dem Vorjahr um +7.857 bzw. +34,7 %.
  • Schulung: Mit Stichtag 31.10.2020 befanden sich 2.189 Personen in Schulungs- und Ausbildungsaktivitäten des AMS Tirol. Das sind im Vorjahresvergleich um -72 Personen oder -3,2 % weniger.
  • Stellenmarkt: Im Laufe des aktuellen Monats Oktober wurden dem AMS Tirol 3323 Stellen gemeldet, das ergibt ein Minus von 1379 Stellen oder -29,3 % im Vergleich zum Vorjahresmonat. Zum Stichtag 31.10.2020 betrug der Bestand an sofort verfügbaren offenen Stellen 4.338, ein Rückgang um -1.106 Stellen oder -20,3 %. Die Laufzeit bis zur Besetzung einer freien Stelle beträgt 39 Tage.
  • Lehrstellenmarkt: Ende Oktober waren insgesamt 1386 Lehrstellen zur Besetzung gemeldet (Anstieg um +30 oder +2,2 %). Davon standen 1.012 (+96 oder +10,5 %) für sofortige, 374 Lehrstellen (-66 oder -15,0 %) für zukünftige Vermittlung bereit. Lehrstellensuchend ließen sich insgesamt 544 Personen registrieren, das sind im Vorjahresvergleich um +78 Personen oder +16,7 % mehr.

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