Terroranschlag in Wien: Was wir wissen und was nicht

Nach dem Terroranschlag am Montagabend in der Wiener Innenstadt liefen die Ermittlungen am Dienstag auf Hochtouren. Noch gibt es offene Fragen. Was bisher bekannt ist und was nicht.

In Linz wurde am Dienstag ein Mann festgenommen, der mit dem Terroranschlag in Wien in Zusammenhang stehen soll.
© WERNER KERSCHBAUMMAYR

Was wir wissen

Anschlag: Der Terrorangriff ereignete sich wenige Stunden vor Beginn des Lockdowns. Die ersten Schüsse fielen am Montagabend gegen 20 Uhr nahe der Hauptsynagoge im Ausgehviertel Bermudadreieck. Nach Augenzeugenberichten feuerte der Täter wahllos in die Lokale und Schanigärten. Ein Mann brach tödlich getroffen auf einem Gehsteig zusammen. Passanten rannten in Panik davon. Einige erhoben die Hände, um der Polizei zu zeigen, dass sie nicht bewaffnet sind. Es gibt fünf Tote (darunter auch der Attentäter) und mehr als ein Dutzend Verletzte durch Schussverletzungen.

Der Attentäter war bei dem Anschlag mit einer verkürzten Kalaschnikow, einer Faustfeuerwaffe und einer Machete bewaffnet. Ein Sprengstoffgürtel stellte sich als Attrappe heraus.

📽️ Video | Was wir bisher zum Anschlag in Wien wissen

Opfer: Vier Zivilpersonen wurden getötet, laut Innenminister Karl Nehammer handelt es sich um zwei Frauen und zwei Männer. Insgesamt werden 23 Opfer des Angriffs in mehreren Spitälern behandelt – vorwiegend mit Schuss-, aber auch mit Schnitt- und Stichverletzungen. Eine Frau war in der Nacht auf Dienstag gestorben. Sieben Opfer kamen mit leichteren Blessuren davon. Die Patienten stammten nach Informationen der APA aus Österreich und aus Deutschland. Eine Verletzte kam aus der Slowakei. Unter den Verletzten ist auch ein 28-jähriger Polizist. Dieser befinde sich nach einer erfolgreichen Operation in „stabilem“ Zustand, teilte der Innenminister am Nachmittag mit.

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Täter: Der Attentäter, der am Montagabend um 20.09 Uhr, also neun Minuten nach der ersten Schussabgabe, von Beamten der Wiener Einsatzgruppe Alarmabteilung (Wega) erschossen wurde, war 20 Jahre alt und einschlägig wegen Beteiligung an einer terroristischen Vereinigung (§ 278b StGB) vorbestraft. Das gab Nehammer am Dienstag bekannt.

Der Mann wurde am 25. April 2019 zu 22 Monaten Haft verurteilt, weil er versucht hatte, nach Syrien auszureisen, um sich dort dem IS anzuschließen. Bereits Anfang Dezember wurde er gegen Auflagen auf freien Fuß gesetzt und bekam einen Bewährungshelfer sowie eine Betreuung des auf Deradikalisierung radikalislamistischer Straftäter spezialisierten Vereins Derad beigestellt. Geschickt dürfte er seinen Betreuern die Abkehr von der IS-Ideologie vorgetäuscht haben.

Der Mann wurde in Österreich geboren und besaß neben der österreichischen auch die nordmazedonische Staatsbürgerschaft. Ein Verfahren zur Aberkennung der österreichischen Staatsbürgerschaft verlief laut Nehammer im Sand.

Tatorte: Es gibt insgesamt sechs bestätigte Tatorte in der Wiener City: Ausgangspunkt war die Seitenstettengasse in unmittelbarer Nähe der Synagoge. Weiter Tatorte waren der Morzinplatz, das Salzgries, der Fleischmarkt, der Bauernmarkt und der Graben.

Razzien und Festnahmen: Bereits in der Nacht kam es zu mehreren Hausdurchsuchungen und Festnahmen im Umfeld des Täters. Am Dienstag gerieten zwei Adressen in St. Pölten in den Fokus der Ermittlungen. Insgesamt wurden laut Innenminister 18 Hausdurchsuchungen in Wien und Niederösterreich durchgeführt und 14 Personen festgenommen.

Was wir nicht (mit Sicherheit) wissen

Komplizen: Ob der Mann allein handelte oder mehrere Attentäter beteiligt waren, ist nach wie vor nicht vollständig geklärt. Die Polizei geht inzwischen jedoch von einem Einzeltäter aus. Den Ermittlern wurden von Bürgerinnen und Bürgern rund 20.000 Videos des Anschlags zur Verfügung gestellt. Die bisher ausgewerteten Sequenzen hätten keinen Hinweis auf einen zweiten Täter ergeben, erklärte Nehammer am Nachmittag. Da die Auswertung aber noch nicht abgeschlossen ist, könne man nicht mit Sicherheit ausschließen, ob nicht doch ein zweiter Täter beteiligt gewesen sei.

Unklar ist auch noch, ob der getötete Schütze Unterstützer im Hintergrund hatte. Offen ist etwa, wie er sich die Waffen besorgen konnte. Nach Behördenangaben wurden in seiner Wohnung Munitionsteile gefunden.

Motiv: Die Ermittler gehen von einem islamistischen Motiv aus. Der eliminierte Attentäter sei ein Anhänger der Terrormiliz IS (Daesh) gewesen, sagte Nehammer. Trotz der Verbindung zum IS ist das konkrete Motiv für die Tat noch unbekannt. Ob der Schütze Panik im gut besuchten Ausgehviertel verbreiten wollte oder ob er sich die Synagoge als Ziel ausgesucht hatte (die zum Zeitpunkt der ersten Schüsse bereits geschlossen war), ist Gegenstand von Ermittlungen.

Laut Nehammer postete der Mann vor dem Anschlag auf seinem Instagram-Account ein Foto, das ihn mit zwei Waffen zeigte, die er später bei dem Anschlag verwendet haben dürfte. (TT.com)


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