WEGA-Chef zum Terror-Einsatz: „Den Nerv musst du haben“

WEGA-Kommandant Albrecht berichtet, wie der Terror-Einsatz am vergangenen Montag in Wien abgelaufen ist. Die Beamten hätten „ihr Leben riskiert“. Besonderen Respekt zollt Albrecht jenen Bezirkspolizisten, die versuchten, den Täter von seinen Zielen abzulenken.

Polizei-Großeinsatz in der Nacht des Anschlags in Wien.
© JOE KLAMAR

Wien – Ernst Albrecht hat lange Tage hinter sich. Als Montagabend der Einsatz über eine Schießerei in der Innenstadt kam, hat der Kommandant der Wiener Einsatzgruppe Alarmabteilung (WEGA) noch nicht geahnt, was auf ihn zukommt. Ein Kollege von ihm hatte nach mehrfachen Schusswechseln den Wiener Attentäter neun Minuten nach dem Notruf ausgeschaltet. „Die Beamten haben ihr Leben riskiert“, so Albrecht.

Dabei sprach er nicht nur von den top-ausgebildeten WEGA-Beamten, sondern auch von den Kollegen einer Polizeiinspektion im 1. Bezirk. „Amokläufer und Terrorattentäter wollen in kürzester Zeit möglichst viel Schaden anrichten“, sagte Albrecht. Eine Strategie der Einsatzkräfte ist dabei, sich selbst zur Zielscheibe zu machen, damit er von seinem eigentlichen Ziel – Passanten auf der Straße – ablässt. Und das haben die Einsatzkräfte, die zuerst eingetroffen sind, gemacht. „Die zwei Bezirkskollegen bekommen von mir einen Orden. Den Nerv musst du haben“, sagte der WEGA-Kommandant.

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Als die beiden als eine der ersten am Tatort eintrafen, machten sie auf sich aufmerksam, gingen bei Schussabgaben in Deckung und setzten dennoch dem Täter nach. Einer der Beamten wurde dabei schwer durch einen Schuss am Oberschenkel verletzt. „Es ist ein Glücksfall, dass alles so funktioniert hat.“ Der Täter war mit einer schlagkräftigen Kalaschnikow ausgestattet. „Ein Batzenrisiko für Polizeibeamte“, so Albrecht. „Unter dem Aspekt der Bewaffnung hat jeder einzelne bei dem Einsatz sein Leben riskiert.“

„Die zwei Bezirkskollegen bekommen von mir einen Orden. Den Nerv musst du haben.
WEGA-Chef Ernst Albrecht

Am Heimweg von Anschlag erfahren

Eigentlich war Albrecht gerade am Heimweg, als über Funk der Einsatz einer Schießerei nahe der Israelitischen Kultusgemeinde kam. „An der Tonlage des Kollegen hab ich schnell gemerkt, dass es ernst ist.“ Immer wieder wurde „Schüsse, Schüsse“ durchgegeben, und dann „Kollege getroffen“ mit der Bitte um ärztliche Hilfe. In kurzer Zeit machten sich die WEGA-Beamten von vier Sektorstreifen bereit, legten ihre Sturmgewehre an. Vier Beamte verfolgten den Täter, bis er unterhalb der Ruprechtskirche nahe des Ausgehviertels Bermuda-Dreieck in die Enge getrieben wurde. Mit zwei Mitgliedern der Spezialeinheit lieferte sich der 20-Jährige mehrfach Schusswechsel, ehe er von einem Beamten in dem Feuergefecht erschossen wurde.

Die beiden WEGA-Beamten, die den Attentäter gestellt und niedergestreckt haben, erhielten die Goldene Medaille am roten Bande für Verdienste um die Republik Österreich, die sogenannte Lebensretter-Medaille.
© ARNO MELICHAREK

Nachdem die Beamten geprüft hatten, dass der Terrorist seinen Verletzungen erlegen war, bemerkten sie den vermeintlichen Sprengstoffgürtel und sicherten den Bereich ab. Später stellte sich das Ganze als Attrappe heraus.

Dennoch machte das Gerücht von einem oder mehreren Komplizen die Runde. „Am Anfang bist du immer in der Chaosphase“, sagte Albrecht. „Aber die Anfangsphase ist extrem wichtig“, meinte er, denn es galt die Bevölkerung zu schützen. Hinzu kommt, wenn die Wiener Bewohner in Sicherheit sind, können eventuell noch herumlaufende Täter schneller ausfindig gemacht werden.

Rasch wurde beim Salztor Ecke Franz-Josefs-Kai gemeinsam mit der Cobra eine mobile Einsatzzentrale errichtet. Mittlerweile hatten sich bei Albrecht rund 100 weitere WEGA-Beamte freiwillig in den Dienst gestellt. „Am Ende hatte ich 140 Kollegen im Dienst.“ Er hielt mit der Cobra, der Stadt Wien, der Rettung und der Feuerwehr ständig Kontakt. „Das ist wie als Teamtrainer beim Fußball, einmal spielst du offensiv, dann wieder defensiv. Du kannst Direktiven geben, aber nicht ins Geschehen eingreifen. Du bist der Libero, nicht der Mittelstürmer“, erklärte Albrecht.

Lange Unklarheit über mögliche Mittäter

Dass der 20-jährige Attentäter letztendlich allein agiert hat, wurde sehr spät klar, nicht am ersten Abend. Hinzu kam, dass durch den Einsatz die Sensibilisierung der Bevölkerung erhöht wurde und rund 50 weitere Einsätze gemeldet wurden – von einer Geiselnahme in einem Lokal bis hin zu einem Mann mit einer Langwaffe in einer U-Bahn. „Du hast möglicherweise einen zweiten Täter, der sich vielleicht wo versteckt“, sagte Albrecht. Deshalb wurde es so schwierig, die Lokale gleich zu räumen. „Die 100-prozentige Sicherheit hatten wir nicht, dass sich darunter nicht ein möglicher weiterer Täter befindet.“

Der Großteil der Menschen hat sich gegenüber den Beamten kooperativ gezeigt. „Es ist schwierig, man ist selbst angespannt, muss die Leute aber beruhigen“, sagte Albrecht. Zudem schauen die Spezialeinheiten in ihrer Montur – die Sicherheitsweste wiegt bis zu 25 Kilo – selbst bedrohlich aus. „Wie sag ich das zum Beispiel einem Kind, dass es in Sicherheit ist, aber dennoch nicht raus darf.“

Der Beamte, der letztendlich den tödlichen Schuss gegen den Terroristen abgegeben hat, sei ein erfahrener Kollege, der seit über zehn Jahren bei der WEGA ist. Es ist üblich, dass der Beamte nach so einer Situation nicht mehr lange im Dienst belassen wird, „auch wenn ich da echt jede Kraft gebraucht habe“, sagte Albrecht. Danach folgte sofort der „Peer Support“ – die psychologische Kollegen-Unterstützung – und der Einsatz musste dokumentiert werden.

Noch überlagert der Stress das kognitive Denken, sagte Albrecht. Aber aus Erfahrung weiß er, dass dann nach dem ersten freien Tag, nach dem ersten Ausschlafen eine posttraumatische Belastungsstörung auftreten kann. Albrecht hatte noch keine Zeit zum Ausruhen, in vier Tagen hat er insgesamt sieben bis acht Stunden geschlafen. (APA)


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