Pflegekräfte auch in Tirol am Limit: „Wir halten noch durch"

Der Tiroler ÖGB-Landesvorsitzende Philip Wohlgemuth ortet ein „bisher nie dagewesenes Arbeitspensum" für das Pflegepersonal. „Wir sind an der Grenze der Belastbarkeit", sagt auch der Pflegedirektor des LKH Hall. Der Wiener Personalvertreter Edgar Martin sieht eine Gefahr des Ausbrennens von Mitarbeitern. Ein Schul-Lockdown wäre fatal.

(Symbolbild)
© Fabian Strauch

Wien – Die Situation in den Spitälern wird angesichts massiv gestiegener Coronavirus-Infektionszahlen zunehmend herausfordernder – auch für das medizinische Personal und die Pflegekräfte. Vor allem letztere sind durch die 24-Stunden-Einsätze bereits am Rande der Belastbarkeit angelangt, wie der Wiener Personalvertreter Edgar Martin im Interview mit der APA warnte. Die Gefahr, dass Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter ausbrennen, sei akut.

Auch das Pflegepersonal in Tirols Spitälern sei am Limit, warnte Philip Wohlgemuth, Vorsitzender des Tiroler ÖGB am Donnerstag. Noch sei die Situation zwar „machbar", berichtete der Pflegedirektor am Krankenhaus in Hall in Tirol, Stephan Palaver, doch man „stoße an die Grenzen der Belastbarkeit". Zahlreiche Mehrbelastungen würden Zeit und Energie kosten, Stationen seien bereits geschlossen worden, um den Mehrbedarf zu decken.

„Es geht auch um die Gesundheit der Beschäftigten"

„Die Beschäftigten im Pflegebereich sind an ihrem absoluten Limit angelangt und leisten seit Monaten teils Unmenschliches!", zeigte sich Wohlgemuth alarmiert. Man hätte bereits vor Monaten reagieren und über den Sommer Konzepte erarbeiten müssen, denn, so Wohlgemuth, „es geht auch um die Gesundheit der Beschäftigten". Eine weitere Ausbreitung des Virus in Pflegeheimen und Krankenhäusern wäre ihm zufolge „verheerend".

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Die größte „körperliche, anspannungstechnische Belastung" verortete Pflegedirektor Palaver im intensivmedizinischen Bereich. „Das Pflegepersonal arbeitet in vier- bis fünfstündigen Schichten im Isolierzimmer. Während dieser wird weder gegessen noch getrunken, die Leute können auch die Toilette nicht aufsuchen", schilderte er. „Die Kollegen kommen platschnass, vollkommen durchgeschwitzt und fertig von der Schicht, müssen dann aber auf der Normalstation weiterarbeiten", erzählte er und sprach von einer „massiven Mehrbelastung". Die Versorgung von Covid-Patienten sei zudem komplex und körperlich extrem anstrengend.

Spezielle Herausforderung auf der Psychiatrie in Hall

Das An- und Ausziehen der Schutzausrüstung – FFP2-Maske, Schutzbrille, Schutzanzug, doppelte Handschuhe – dauere „seine Zeit" und verzögere den ganzen Prozess. Eine Personalverschiebung wurde nötig, am Krankenhaus Hall hätte man schon Stationen schließen müssen, um den Mehrbedarf zu decken, berichtete Palaver. Normalerweise stünden auf einer Station mit 30 Betten fünf bis sechs Pfleger untertags und zwei Personen nachts im Dienst, nun seien es acht bis neun tagsüber und drei bis vier im Nachtdienst.

Hinzu kommen im Krankenhaus Hall spezielle Herausforderungen auf der Psychiatrie. Covid-Erkrankte mit psychischen Vorerkrankungen würden häufig keine Rücksicht nehmen und seien zudem manchmal „hochaggressiv", berichtete Palaver. „Es kommt vor, dass Patienten unser Personal anspucken und Schutzmaßnahmen schlicht nicht einhalten". Die Angst vor einer Ansteckung unter dem Personal sei vor allem in diesem Bereich groß, die Versorgung jener Patienten erfordere „viel Kraft und Personalressourcen". Sollten die Infiziertenzahlen weiter steigen ortete Palaver ein „Risiko, die Gesundheitsversorgung nicht mehr auf diesem Niveau gewährleisten zu können".

„Angst, etwas falsch zu machen, ist da"

Schwierig sei die Lage nicht zuletzt deswegen, weil Corona jeden auch persönlich betreffe, sagte Martin. Er ist diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger im Gesundheitsverbund und stellvertretender Vorsitzender der Hauptgruppe II in der Gewerkschaft younion. „Ich glaube, was die Leute am meisten beschäftigt, ist der emotionale Rucksack, den sie mit sich herumtragen." Man müsse sich daheim auch um Kinder oder Partner kümmern bzw. sorgen. Die Krankheit lasse man nicht zurück, wenn man das Spital verlasse. Diese permanente Belastung sei nicht zu unterschätzen: „Das macht etwas mit dir."

„Viele müssen auch angestammte Bereiche verlassen und in Sonderbereiche hineinrotieren." Zwar dürfte man dort natürlich nur tätig sein, wenn man eingeschult sei, aber man sei dort nicht so erfahren wie das Personal, das üblicherweise dort tätig ist, gab er zu bedenken. Das betreffe vor allem die Intensivstationen: „Somit ist das mit massiver Unsicherheit verbunden, wenn man das gewohnte Terrain verlässt. Die Angst, etwas falsch zu machen, ist da."

Triage ließe Belastung weiter ansteigen

Sollte es jemals zur Triage kommen – also das notgedrungene Aussuchen von Corona-Intensivpatienten im Falle einer Überlastung der Intensivkapazitäten – würde die Belastung weiter massiv ansteigen, zeigte sich Edgar Martin überzeugt. Noch könne man mit der Situation fertig werden: „Wir halten noch durch." Würde die nächste Stufe erreicht werden, könnte sich das aber ändern, warnte der Gewerkschafter.

Auch andere Berufe leiden

Schon jetzt zeige sich auch, dass sich die Belastung höchst unterschiedlich bei den Betroffenen auswirke: „Es gibt Kollegen, die am liebsten alles hinschmeißen würden und andere, die viele Überstunden machen wollen." Zuletzt habe auch das Attentat in Wien – nach dem zahlreiche Menschen in den Wiener Krankenhäusern versorgt werden mussten – für emotionale Belastungen gesorgt. „Das sitzt tief drinnen", meint der Gewerkschafter.

Martin warnte jedoch davor, nur die Mediziner und die Pflegekräfte im Auge zu haben. Auch Verwaltungspersonal, Reinigungskräfte und Techniker würden unter der momentanen Lage leiden – aber nicht so im Fokus wie die Kerngruppe stehen. Es bestehe die Gefahr, dass diese unbemerkt ausbrennen.

Psychologen derzeit sehr gefordert

Der Personalvertreter hob hervor, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter betreut werden: „Unsere Psychologen sind derzeit sehr gefordert. Aber die Aufarbeitung wird erst passieren, wenn der Druck draußen ist." „Wenn aktuell jemand ausfällt, wird umgehend das Problem verschärft", schilderte Edgar Martin. Dramatisch wäre es, wenn viele demnächst daheimbleiben müssten, um Kinder zu betreuen: „Ein Schul-Lockdown würde uns pulverisieren." (APA)


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