Mammutprozess zu Pariser Anschlägen mit 130 Toten soll 2021 beginnen

Es waren die schwersten Anschläge in der Geschichte Frankreichs: Islamisten töteten vor fünf Jahren in Paris 130 Menschen. Der Prozess soll kommendes Jahr starten.

130 Menschen wurden bei den gezielten Anschlägen in Paris getötet.
© STEPHANE DE SAKUTIN / AFP

Paris – Ein Mammutprozess und viele offene Fragen: Fünf Jahre nach den Pariser Anschlägen vom 13. November 2015 mit 130 Toten steht das Verfahren gegen eine Reihe von Verdächtigen aus. Es soll im ersten Halbjahr 2021 beginnen und Licht in das islamistische Terror-Netzwerk mit Verbindungen nach Belgien und möglicherweise auch Deutschland bringen.

❓ Was geschah am 13. November 2015?

Am Abend des milden Herbsttags sprengten sich während eines Fußballspiels Deutschland gegen Frankreich drei Selbstmordattentäter vor dem Stadion Stade de France nördlich von Paris in die Luft. Anschließend überfielen Terrorkommandos den Pariser Konzertsaal Bataclan und Restaurants und Bars in einem beliebten Ausgehviertel mit Kalaschnikows. Die Islamisten töteten 130 Menschen und verletzten mehr als 350. Zu den schwersten Anschläge in der französischen Geschichte bekannte sich die Jihadistenmiliz IS (Daesh).

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❓ Worum geht es in dem kommenden Prozess?

Im Mittelpunkt steht der einzige überlebende Attentäter Salah A. Der 31-jährige Franzose mit marokkanischen Wurzeln sitzt in Isolationshaft, ihm droht lebenslange Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung. Bei einer richterlichen Anhörung soll er sich ein einziges Mal zu seinem Motiv geäußert haben: "Wir greifen euch nicht an, weil ihr Schweinefleisch esst, Wein trinkt oder Musik hört – die Muslime verteidigen sich gegen diejenigen, die sie angreifen", sagte er laut dem Sender RTL mit Verweis auf die französischen Luftangriffe in Syrien.

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Bei einem Prozess in Brüssel betonte A. zudem 2018, die Muslime würden "auf die schlimmste aller Arten beurteilt und behandelt: ohne Mitleid". In dem Verfahren wurde er zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt, weil er nach den Pariser Anschlägen in Brüssel abtauchte und dort in eine Schießerei verwickelt war, bei der mehrere Polizisten verletzt wurden.

❓ Wer kommt noch vor Gericht?

Die Pariser Anti-Terror-Staatsanwaltschaft will neben dem Hauptangeklagten 19 weitere Verdächtige anklagen. Ihnen drohen lebenslange Haftstrafen wegen Mordes, Bildung einer Terrorgruppe und Freiheitsberaubung. Die meisten sitzen in Frankreich in Untersuchungshaft. Sechs Verdächtige werden mit internationalem Haftbefehle gesucht, einige von ihnen könnten jedoch nach Erkenntnissen der Ermittler und von Geheimdiensten bereits tot sein.

Während eines Konzerts drangen Attentäter in das Bataclan ein und schossen wild um sich.
© STEPHANE DE SAKUTIN / AFP

❓ Wann beginnt der Prozess?

Ursprünglich wurde ein Prozessbeginn im Jänner 2021 erwartet, wegen der Corona-Pandemie ist der Termin aber noch nicht bestätigt. An dem Mammutverfahren wollen mehr als 1700 Zivilkläger teilnehmen, viele von ihnen sind Angehörige der Opfer. Aus dem 562-seitigen Strafantrag der Anti-Terror-Staatsanwaltschaft geht nach Angaben von Opferanwalt Jean Reinhart hervor, dass die Anschläge "von mindestens 15 Menschen akribisch vorbereitet wurden".

❓ Wer waren die Drahtzieher?

Ein französisch-belgisches Netzwerk mit Verbindungen zur IS-Miliz soll hinter den Anschlägen stecken und die Attentäter unter anderem in Syrien ausgebildet haben. Als einer der Drahtzieher gilt ein Belgier marokkanischer Herkunft. Er gehörte zu den Terrorkommandos, die am 13. November 2015 Pariser Bars und Restaurants angriffen. Er wurde wenige Tage nach den Attentaten bei einer Razzia der Pariser Polizei getötet.

Gedenken an die Opfer der Terroranschläge von Paris.
© AFP/Joel Saget

Die Pariser Anti-Terror-Ermittler weisen daneben auch Oussama A. eine Hauptverantwortung zu. Der sogenannte "Emir" der IS-Miliz mit belgischer Staatsbürgerschaft soll von Syrien aus die Anschläge in Paris und auch die in Brüssel vom März 2016 mit 35 Toten koordiniert haben. Nach Einschätzung des französischen Geheimdienstes ist A. ebenfalls tot.

❓ Welche Verbindungen gibt es nach Deutschland?

Der Berliner Weihnachtsmarkt-Attentäter könnte Verbindungen zu der europäischen Terrorzelle gehabt haben, wie der Spiegel 2019 berichtete. Der Tunesier war im Dezember 2016 mit einem Lkw in den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz gerast und hatte zwölf Menschen getötet. (APA/AFP)

Ein Protokoll zum Geschehen am Abend des 13. November 2015

▶️ 21.17 Uhr: Während des Fußball-Länderspiels Frankreich gegen Deutschland ist im Stade de France in der Pariser Vorstadt Saint-Denis plötzlich eine Explosion zu hören: An Eingang D sprengt sich ein Selbstmordattentäter in die Luft und tötet auch einen Passanten. Eine gute halbe Stunde später werden zwei weitere Täter an anderen Eingängen ihre Sprengstoffgürtel zünden und mehrere Menschen verletzen. Es gelingt ihnen aber nicht, in das Stadion einzudringen, in dem sich Frankreichs Präsident Francois Hollande mit 80.000 Menschen das Spiel anschaut.

▶️ 21.25 Uhr: In einem beliebten Ausgehviertel im Osten von Paris eröffnen drei Islamisten das Feuer auf Gäste des Asia-Restaurants "Le Petit Cambodge" und der gegenüberliegenden Bar "Le Carillon". 14 Menschen werden im Kugelhagel getötet. Unter den drei Angreifern ist auch der mutmaßliche Drahtzieher der Anschläge, Abdelhamid Abaaoud.

▶️ 21.32 Uhr: Das "Terrassenkommando", wie es die Ermittler später nennen, fährt in einem schwarzen Seat weiter und schießt mit Schnellfeuergewehren auf Gäste des nahe gelegenen Restaurants "Bonne Biere" und der Pizzeria "Casa Nostra". Fünf Menschen sterben.

▶️ 21.36 Uhr: In der weiter südlich gelegenen Rue de Charonne attackieren die Islamisten das Restaurant "La Belle Equipe", es gibt 20 Tote. Knapp einen Kilometer weiter zündet einer der Angreifer im Cafe "Le Comptoir Voltaire" seinen Sprengstoffgürtel und verletzt rund ein Dutzend Menschen, davon einen schwer. Die beiden anderen Angreifer - darunter Drahtzieher Abdelhamid Abaaoud - tauchen unter und werden fünf Tage später bei einem Polizeieinsatz in Saint-Denis nördlich von Paris erschossen.

▶️ 21.40: Drei weitere Islamisten stürmen mit Kalaschnikows die Konzerthalle Bataclan, in der die US-Band Eagles of Death Metal vor rund 1500 Zuhörern ein Konzert gibt. Die Angreifer schießen in die Menge und bringen Menschen in ihre Gewalt. Im Laufe der mehr als zweieinhalbstündigen Geiselnahme töten sie 90 Menschen.

▶️ 21.54 Uhr: Einem Polizisten gelingt es, vor Eintreffen der Spezialeinheiten in das Bataclan zu gelangen. Im Inneren des Clubs erschießt er einen Islamisten, muss sich dann aber zurückziehen. Die beiden anderen Angreifer verschanzen sich mit Geiseln im Obergeschoss.

▶️ 22.15 Uhr: Spezialeinheiten treffen am Bataclan ein und sichern nach und nach das Innere der Konzerthalle.

▶️ 22.30 Uhr: Frankreichs Präsident Francois Hollande hat das Fußballspiel frühzeitig verlassen und trifft zu einer ersten Krisensitzung im Innenministerium ein.

▶️ 22.52 Uhr: Im Stade de France wird das Spiel Frankreich-Deutschland beim Stand von 2:0 abgepfiffen. Die Zuschauer werden nach und nach von Sicherheitskräften aus dem Stadion gebracht. Die deutsche Nationalmannschaft harrt mit Trainer Joachim Löw bis zur Entwarnung am Morgen im Stadion aus und wird dann direkt zum Flughafen gebracht.

▶️ 23.15 Uhr: Im Bataclan gelangen die Elitepolizisten zur Tür eines Ganges, auf dem sich die beiden noch lebenden Islamisten mit ihren Geiseln aufhalten. Es beginnen telefonische Verhandlungen.

▶️ 23.55 Uhr: Hollande spricht im Fernsehen von "Terroranschlägen beispiellosen Ausmaßes". Das Kabinett verhängt über ganz Frankreich den Ausnahmezustand, alle Sicherheitskräfte werden mobilisiert und die Grenzen geschlossen.

▶️ 00.18 Uhr: Die Elitepolizisten stürmen den Gang im Bataclan. Einer der Islamisten wird erschossen, der andere sprengt sich in die Luft. Alle verbleibenden Geiseln können gerettet werden.


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