Gesundheitssystem „jetzt vollkommen ausgelastet": Experten warnen vor Triage

Vor der Bekanntgabe der verschärften Maßnahmen durch die Bundesregierung schilderten Experten im Kanzleramt die "dramatische" Corona-Lage in Österreich.

Susanne Rabady (Vizepräsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin), Klaus Markstaller (Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Anästhesie, Reanimation und Intensivmedizin) und Herwig Ostermann (Geschäftsführer der Gesundheit Österreich).
© HERBERT NEUBAUER

Wien - Das Gesundheitssystem in Österreich ist angesichts der Corona-Pandemie "jetzt vollkommen ausgelastet". Das sagte Susanne Rabady, Vizepräsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin, am Samstag bei einer Pressekonferenz im Bundeskanzleramt in Wien.

Würde keine Trendumkehr gelingen, gäbe es "in den nächsten Tagen die Situation einer Triage", warnte Klaus Markstaller, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Anästhesie, Reanimation und Intensivmedizin.

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Derzeit sind 567 Betten von 2000 Intensivbetten bereits mit Covid-19 Patienten belegt. Wenn der steigende Trend anhält, werde es immer schwieriger, "Patienten auf Intensivbetten zu bekommen, die sie brauchen", sagte Markstaller. Hier würde dann die Situation einer Triage eintreten, wo der Mediziner darüber entscheiden muss, welche Patienten intensivmedizinisch betreut werden. Wenn "das so weitergeht", werde dies in den "nächsten Tagen" eintreten.

Auch Rabady unterstrich die dramatische Situation. Man sei zwar so gut vorbereitet gewesen "wie man nur sein kann", aber das Gummiband würde irgendwann reißen. Allerdings zeigte sie auch einen Hoffnungsschimmer auf. Die Pandemie werde - so wie jede zuvor - "vorübergehen".

Stichwort: Triage

Die Coronavirus-Pandemie überfordert derzeit zahlreiche Krankenhäuser bis hin zu ganzen Gesundheitssystemen. Ressourcenknappheit kann zu Rationierungen führen. Tritt die Situation einer Triage ein, müssen Mediziner in der Covid-Krise darüber entscheiden, welche Patienten intensivmedizinisch betreut werden.

Der Begriff "Triage" leitet sich von dem französischen Wort "trier" ab, das "sortieren" oder auch "aussortieren" bedeutet. Entwickelt wurde die Triage von dem russischen Arzt Nikolai Pirogow, um im Krimkrieg (1853 bis 1856) mit der hohen Zahl verletzter Soldaten umzugehen. Bis heute wird die Triage in außergewöhnlichen Situationen wie Naturkatastrophen, Unfällen mit zahlreichen Opfern und nach Anschlägen angewendet. Binnen kurzer Zeit werden Patienten nach der Dringlichkeit ihrer Behandlung eingeteilt.

Bei einem Mangel an Personal, aber auch Material wie Intensivbetten, Geräte, Medikamente, Masken, Handschuhe etc. sind Beschränkungen erforderlich. Ärztinnen und Ärzte haben dann unter Zeitdruck Entscheidungen zu treffen. "Ethisch/rechtliche Grundlagen müssen dabei, gleich wie unter 'normalen' Bedingungen, Basis ärztlicher Indikationsstellung bleiben", hält die ARGE Ethik der Österreichische Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin (ÖGARI) fest.

Im Rahmen einer Triage ist nur für diejenigen Patienten eine maximale Therapie indiziert, die im Rahmen einer Schaden/Nutzen-Abwägung durch eine technisch machbare medizinische Behandlung prognostisch eine hohe Überlebenswahrscheinlichkeit haben. "Gleichwertig zum Ziel der Lebenserhaltung muss die Frage nach der künftigen Lebensperspektive und der Vermeidung einer 'Chronisch Kritischen Erkrankung' die Indikationsstellung begründen", heißt es in den Empfehlungen der ARGE Ethik anlässlich der Covid-Pandemie.

Betont wird aber: Intensivtherapie darf in der Triage-Situation nur nach Ausschöpfung aller möglichen Alternativen vorenthalten oder beendet werden.


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