Rekordchampion und Opinion Leader: Das ist Lewis Hamilton

Mit seinem siebenten WM-Titel ist Formel-1-Superstar Lewis Hamilton nun zum Rekordweltmeister der Motorsport-Königsklasse aufgestiegen. Diese Bestmarke von Michael Schumacher galt lange Zeit als unantastbar, doch mittlerweile hat der 35-jährige Brite mit 94 Grand-Prix-Siegen die deutsche Legende (91) bereits überholt.

Mit seinem Sieg in Istanbul vor Sergio Perez und Sebastian Vettel sicherte sich Lewis Hamilton einen weiteren Eintrag in den Geschichtsbüchern der Formel 1.
© MURAD SEZER

Istanbul – Hamilton ist aber in diesem von der Coronakrise überschatteten Jahr nicht nur zum Rekordmann, sondern ebenso endgültig zum Meinungsführer geworden - auch abseits der Formel 1. Über die Sozialen Netzwerke inszeniert er sich und seine Sicht auf die Welt. So zählt der schwarze Formel-1-Pionier etwa zu den prominentesten Unterstützern der "Black Lives Matter"-Bewegung gegen Rassismus und Polizeigewalt.

Dazu beschäftigen Hamilton der Klimawandel und Naturkatastrophen genauso wie die Themen Tierhaltung, fleischlose Ernährung und nachhaltiger Anbau von Lebensmitteln. Seit rund vier Jahren lebt der Engländer mittlerweile vegan. Als Topsportler fühlt er sich dadurch fitter. "Der Darm ist dein zweites Gehirn", meinte der Nachfahre einer aus der Karibik eingewanderten Familie einmal über den Einfluss von Ernährung.

Hamilton will deshalb klimaneutral leben - den augenscheinlichen Widerspruch zu seinem Dasein als Jet-Setter in einer Hybrid-Serie muss er akzeptieren. "Ich erlaube niemandem in meinem Büro oder meinem Haushalt, irgendwelches Plastik zu kaufen. Ich will, dass alles wiederverwertbar ist, bis hin zur Zahnbürste", erklärte er schon vor einem Jahr. "Ich versuche in meinem privaten Bereich so viel zu verändern, wie nur geht. Ich habe auch mein Flugzeug verkauft und versuche noch weniger unter dem Jahr zu fliegen."

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Auch beim Saisonstart Mitte März in Melbourne baute Hamilton als einziger Pilot eine Druckkulisse auf die Formel-1-Bosse auf. "Schockierend" fand er es, dass sich die PS-Szene auf dem Albert Park Circuit versammelte, während längst in anderen Ländern aufgrund der Coronavirus-Pandemie die Alarmglocken schrillten. Hamiltons Bedenken wurden wenig später mit dem ersten positiven Testresultat eines McLaren-Mitarbeiters bestätigt und das Rennwochenende in Australien unmittelbar vor dem ersten Training abgesagt.

Der Mut, öffentlich Stellung zu beziehen, entwickelte sich bei Hamilton erst im Laufe der Zeit. Courage besaß er aber eigentlich schon immer. Als Zehnjähriger war er auf den damaligen McLaren-Boss Ron Dennis zugegangen und hatte ihm erklärt: "Hi, ich bin Lewis Hamilton und will eines Tages euer Auto fahren."

Das Mercedes-Erfolgsduo hatte einmal mehr Grund zum Feiern: Lewis Hamilton mit Teamchef Toto Wolff.
© CLIVE MASON

Jahre später holte ihn Dennis tatsächlich ins Nachwuchsprogramm, 2007 debütierte Hamilton schließlich in der Formel 1 und wurde schon 2008 Weltmeister. Doch erst mit der Flucht vor dem "Alleinherrscher" Dennis bei McLaren, der Trennung von seinem Vater Anthony als Manager und dem Wechsel als Michael Schumachers Nachfolger zu Mercedes mit der Saison 2013 konnte sich Hamilton zu der Person entwickeln, als die er sich selbst sehen will: Freigeist und Superstar, der gleich sechs Mal - 2014, 2015, 2017, 2018, 2019 und 2020 - im Mercedes Weltmeister wurde.

"Man muss akzeptieren, dass jeder anders funktioniert", meinte einmal sein aktueller Teamchef, der 48-jährige Wiener Toto Wolff. "Indem wir ihm die Freiheit geben, seine Interessen zu verfolgen, können wir von ihm mehr Leistung auf der Strecke herauskitzeln." Wolff ist deshalb überzeugt, dass Hamilton seine Karriere beim Werksteam fortsetzen und damit im nächsten Jahr auf seinen bereits achten WM-Titel losgehen wird.

Mit Mode, Reisen oder Musik lenkt sich der Branchenleader ab. Hamilton vergisst dabei allerdings nicht, dass ihm als erstem dunkelhäutigen Piloten in der Formel 1 auch eine nicht zu unterschätzende gesellschaftliche Rolle zukommt. "Ich will den Weg ebnen für Fahrer, die einen ähnlichen Hintergrund haben wie ich", beteuerte der Mann aus der englischen Stadt Stevenage, dessen Vater das kostspielige Hobby des Sohnes nur durch mehrere Jobs gleichzeitig finanzieren konnte, schon vor längerer Zeit. Als schwarzer Bub unter weißen Kindern wurde Hamilton auch rassistisch beleidigt.

"Wir müssen anerkennen, dass wir in der Formel 1 nicht besonders divers sind", räumte auch Wolff wiederholt ein. "Ich habe durch Lewis gelernt zu akzeptieren, dass es schwierig ist, Diskriminierung von Zeit zu Zeit zu überwinden." Es ist eines der Themen, das Hamilton besonders beschäftigt. Und er wird sich weiter Gehör verschaffen. (APA)

Grand Prix der Türkei in Istanbul - Enstand:


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