Gut zu wissen: Wie man Kinder in turbulenten Zeiten stärken kann

Die Gesundheitspsychologinnen Silvia Exenberger und Verena Wolf haben grundlegende Tipps für Eltern und all jene zusammen gestellt, die mit Kindern arbeiten, um die Widerstandskraft ihrer Kinder zu fördern.

Eltern können ihre Kinder auch in der aktuellen Krise mit einfachen Mitteln fördern und unterstützen. (Symbolfoto)
© iStockphoto

Innsbruck – „Ein geschwächtes System braucht starke Kinder“, sagen Silvia Exenberger und Verena Wolf, sie sind klinische und Gesundheitspsychologinnen. Exenberger untersucht im Rahmen eines Forschungsprojekts der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Tirol Kliniken die Belastungen von Kindern während der Corona-Pandemie. Wolf hat ihren Arbeitsschwerpunkt in der Notfallpsychologie. Gemeinsam leiten sie das Institut für positive Psychologie und Resilienzforschung.

Aktuell haben die beiden einfache Tipps für Eltern zusammengestellt, um die Widerstandskraft des Kindes zu fördern. Resilienz, die Fähigkeit, mit Belastungen umgehen zu können und sich anzupassen, ist nicht nur eine Frage von Persönlichkeit, erklärt Exenberger. Eltern können Kinder mit unkomplizierten Mitteln unterstützen und Kinder können Widerstandsfähigkeit erwerben.

🚸 Sieben grundlegende Tipps

➤ Tipp 1. Das Kind hat Menschen, die sich kümmern. Routine, Strukturen und Regeln geben Sicherheit. Der Tagesablauf ist leichter einzuschätzen. Gerade in Krisenzeiten bleiben soziale Beziehungen essentiell. Eltern sprechen etwa mit dem Kind über Personen, die es mag, und versuchen den Kontakt zumindest übers Telefon zu halten.

➤ Tipp 2. Eltern sind Vorbild. Zeigen Eltern eine positive Grundeinstellung gegenüber den Corona-bedingten Maßnahmen wie Maskentragen, fällt dies dem Kind auch leichter. Es erlebt Gemeinsamkeit und Handlungsfähigkeit.

➤ Tipp 3. Fragen können hilft. Hat das Kind konkrete Fragen, geben Eltern genau auf diese Frage eine sachliche Antwort.

➤Tipp 4. Familienmitglieder äußern ihre Gefühle. Ärger und Hoffnung lösen einander oft rasch ab. Eltern können den Kindern helfen, ihre Gefühle zu benennen. Damit lernt das Kind seine Gefühlswelt besser kennen und regulieren.

➤ Tipp 5. Zuversicht lenkt den Blick auf Erfreuliches. In einem eingeschränkten Alltag kommt es zu Durchhängern. Eltern fragen beim Kind nach, wodurch sie sich belastet fühlen. Sie können gemeinsam überlegen, wie sie die Situation gut meistern und auf welche Unternehmung sie sich schon freuen.

➤ Tipp 6. Selbst ist das Kind. Weisen Eltern darauf hin, dass das Kind selbst einen Beitrag zur Eindämmung der Pandemie leisten kann, unterstützen sie das Kind im Gefühl der Selbstwirksamkeit.

➤ Tipp 7. Ablenkung tut gut. Spiele und lustige Filme bringen Kinder auf neue Gedanken, wenn sie traurig sind. „Erwachsene leiten im Fall ein Spiel ein. Wenn sie bei der Ritterburg nicht mehr gebraucht werden, können sie sich zurückziehen, um ihren eigenen Dingen nachzugehen“, sagt Exenberger.

„Ich habe“, „Ich bin“ und „Ich kann“

▶️ Resilienz ist die allgemein formuliert, die Fähigkeit mit Belastungen umgehen zu können. Gerade jetzt, in der Corona Krise, gewinnt diese Fähigkeit immer mehr an Bedeutung, zeigen doch erste internationale Studien deutlich die Belastungen von Kindern und Jugendlichen auf. Es sei daher besonders wichtig, die körperliche und seelische Gesundheit der jungen Generation im Auge zu behalten und deren Resilienz zu fördern, so Silvia Exenberger und Verena Wolf.

➤ Ich HABE (Soziale Kompetenz und Ressourcen), Ich BIN (Selbst- und Fremdwahrnehmung) und Ich KANN (Selbstwirksamkeit) sind drei kulturübergreifende Resilienzquellen, die Ende der 1990er Jahre von der Entwicklungspsychologin Edith Grotberg in ihrem internationalen Projekt zur Resilienzforschung (International Resilience Project) identifiziert wurden.

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➤ Aus aktuellem Anlass haben Exenberger und Wolf Tipps für Eltern zusammengestellt, wie sie ihre Kinder in der Corona-Krise stärken können. Diese basieren auf den Grundsätzen resilienzförernder Kommunikation.

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▶️ Weitere, tiefer gehende Informationen finden Eltern auf www.resilientekinder.com

🧒 ICH HABE …

… Menschen, die sich um mich kümmern und die mich mögen.

  • Ungewohnte Situationen, wie die Corona-Krise, die den Alltag einschränken und verändern, können bei Kindern zu Unsicherheiten führen. Eltern können Ihrem Kind dabei helfen, ein Gefühl von Sicherheit und Orientierung zu gewinnen, indem Sie Routinen, Strukturen und Regeln vorgeben. So kann das Kind den Ablauf des Tages vorhersehen und besser einschätzen, was es in etwa erwartet.
  • Es gehört zu den Grundbedürfnissen von Kindern, sich unterstützt, umsorgt und geliebt zu fühlen und besonders in Krisenzeiten sind soziale Beziehungen von großer Bedeutung. Eltern sollten gemeinsam immer wieder an Personen, die dem Kind lieb und wichtig sind denken, und im Rahmen der momentanen besonderen Umstände die Pflege dieser Kontakte ermöglichen.

… Menschen, an die ich mich mit meinen Fragen und Sorgen wenden kann.

  • Besonders wichtig ist die Sorgen der Kinder ernst zu nehmen. In einer unklaren und belastenden Situation kann Information helfen, ein Gefühl von Sicherheit wiederzuerlangen. Deshalb sollte man auf Fragen des Kindes einzugehen und diese für das Kind mit sachlichen, altersgemäßen Erklärungen verständlich zu beantworten.

… Vorbilder.

  • Kinder orientieren sich am Verhalten und den Herangehensweisen von Erwachsenen. Auch wenn das Einhalten der Maßnahmen zur Krankheitseindämmung nicht immer leicht fällt, sollten die Erwachsenen diese mit einer positiven Grundeinstellung umzusetzen. So kann sich das Kind als Teil einer großen Gemeinschaft erleben. Gemeinsamkeit und Handlungsfähigkeit (selbst einen Beitrag leisten) geben Stärke.

… ein gut funktionierendes Gesundheitssystem.

  • Wenn ein Kind Sorge und Angst hat, dass jemand im nächsten Umfeld erkrankt oder es selbst krank wird, sollte man betonen, dass wir auf ein gut ausgestattetes Gesundheitssystem zurückgreifen können. Sicherheit ist stabilisierend und beruhigend.

🧒🏻 ICH BIN …

… liebenswert.

  • Die Corona-Krise hat bei den meisten Menschen Sorgen und Ängste ausgelöst. Auf diese legen nun Erwachsene verständlicherweise ihre Aufmerksamkeit, weil es etwa um den drohenden Verlust des Arbeitsplatzes geht. Dabei sollte nicht übersehen werden, dass es besonders in Krisensituationen von großer Bedeutung ist, dass sich Kinder angenommen und geliebt fühlen.
  • Daher ist es wichtig, trotz aller Unsicherheiten, dem Kind regelmäßig in Gesten und Worten wie lieb man es hat und wie wichtig es ist.

… zuversichtlich.

  • Auch wenn die Kinder zum großen Teil mit der neuen Situation zurecht kommen, kann es immer wieder einmal zu einem „Durchhänger“ kommen, weil Einschränkungen (z.B. erneute Maskenpflicht, Distanz, Einschränkung des Freizeitprogramms) gerade als belastend empfunden werden.
  • Eltern sollten diese Belastungen gemeinsam mit ihrem Kind oder ihren Kindern benennen und Überlegungen anstellen, wie: „Was würden wir gerne wieder mal tun? Worauf freuen wir uns? Was können wir trotz Einschränkungen auch jetzt recht gut machen?“ So kann der Blick weg von der momentanen Belastungssituation auf etwas Erfreuliches gerichtet werden.

… eine Person, die ihre Gefühle und Sorgen äußern darf.

  • Verschiedene Gefühle wie Wut, Ärger, Angst, Hilflosigkeit, Hoffnung, Liebe usw. treten auch bei Kindern in unterschiedlicher Intensität auf und können einander schnell abwechseln. Es ist dabei enorm wichtig dem Kind zu helfen diese Gefühle zu benennen und einzuschätzen, was der mögliche Auslöser dieser Gefühle ist bzw. war.
  • Dadurch können Kinder besser verstehen, was gerade in ihnen vorgeht, und erwerben so immer mehr die Fähigkeit, ihre Emotionen und Impulse zu regulieren.

🧒🏼 ICH KANN …

… Wege finden, um Probleme zu lösen.

  • Im Frühjahr dieses Jahres haben alle den so genannten „lockdown“ miterlebt bzw. durchlebt. In dieser Zeit haben auch die Kinder einen neuen Alltag, neue Rituale und Routinen kennengelernt. Wenn jetzt wieder Maßnahmen zur Krankheitseindämmung gesetzt werden und dies eine schwierige Situation für das Kind darstellt, kann man sich gemeinsam daran erinnern, dass sie schon eine ähnliche Situation gemeistert haben und gemeinsam überlegen, wie nun auch die aktuelle Situation bewältigt werden kann.

… aktiv einen wertvollen Beitrag leisten und verstehen, warum die Situation momentan so ist wie sie ist.

  • Wenn Kinder in die Umsetzung der Maßnahmen miteinbezogen werden, fällt es ihnen leichter, diese auch einzuhalten. Der Hinweis darauf, dass das Kind selbst etwas zur Eindämmung der Pandemie beiträgt (z.B. Maske tragen, neues Grüßen, körperliche Distanz zu Großeltern…), kann das Gefühl der Selbstwirksamkeit – also Herausforderungen selbst erfolgreich bewältigen zu können – stärken.
  • Deshalb ist es auch wichtig vorab mit dem Kind notwendige Regeln zu besprechen, diese begründen und in der jeweiligen Situation einzufordern bzw. das Kind daran zu erinnern.

… andere in dieser Situation aktiv unterstützen.

  • Für Kinder wie für Erwachsene kann es eine schöne Erfahrung sein, anderen Gutes tun bzw. anderen eine Freude zu bereiten. Eltern können gemeinsam überlegen, wem das Kind eine Freude bereiten könnte, wie z.B. eine Zeichnung verschenken oder jemanden anrufen. Dabei können Kinder erfahren, wie lohnend Freundlichkeit für den Gebenden ist.

… mich ablenken und für positive Gefühle sorgen.

  • Wenn es dem Kind gerade nicht so gut geht, kann man probieren, gemeinsam den Blick auf positive Dinge und Aktivitäten zu richten: „Was tut mir gut? Was mache ich gerne und wann fühle ich mich wohl?“. Dies können Hobbys, Spiele oder lustige Filme sein.
  • Vielleicht gelingt es auch, eine Situation von der humorvollen Seite zu sehen (z.B. lustige Maske; Maske selbst gestalten). Dabei kann man versuchen, die Anzahl der positiven Empfindungen und Gedanken des Kindes zu steigern. (TT.com, Strobl)


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