Psychiater: Home-Schooling verändert Schüler mental

Italienische Experten nehmen an, dass sich die Zeit der Reifung, des Selbstständigwerdens und der Entwicklung des Verantwortungsbewusstseins durch das Home-Schooling verlangsamen könnten.

In vielen Ländern müssen Schüler derzeit wieder einmal zuhause lernen: Vielerorts regt sich dagegen der Widerstand.
© VIRGINIE LEFOUR / AFP

Rom – Angesichts der seit längerem geltenden Regelung, den Unterricht für ältere Schüler nur digital anzubieten, sehen Experten in Italien Auswirkungen dadurch auf die Entwicklung der Kinder. Die Situation, zu Hause zu lernen, habe Auswirkungen auf die mentale Verfassung und persönliche Entwicklung der Schüler, erklärte der Psychiater Massimo Di Giannantonio in Rom.

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Die Verwirrung zwischen Realem und Virtuellem nehme für die ohnehin schon von Technik und Medien geprägten Jugendlichen zu. Es werde angenommen, dass sich die Zeit der Reifung, des Selbstständigwerdens und der Entwicklung des Verantwortungsbewusstseins dadurch verlangsamen könnte.

Wegen der andauernden Lernsituation regt sich in vielen italienischen Städten Widerstand seitens der Schüler gegen das sogenannte Home-Schooling. In Rom und Turin setzten sich Dutzende Jugendliche in den vergangenen 14 Tagen vor ihre Schulen, um dafür zu protestieren, wieder Präsenzunterricht in der Schule haben zu dürfen.

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Geschlossene Schulen als "Notzustand"

Mittlerweile sehen auch Regierungsberater Grund zum Handeln. Agostino Miozzo, der Beauftragte für zivilen Schutz, der die Kommission der wissenschaftlichen Berater der Regierung koordiniert, sah in den geschlossenen Schulen einen Notzustand, wie er im Interview mit der Zeitung Corriere della Sera sagte. Die Schüler müssten wieder zurück in die Schulen. Viele Politiker hätten sich dafür entschieden, sie zu opfern, um ein Zeichen effizienter Reaktion gegen den Notfall zu setzen, merkte er weiter an.

Italiens Schulministerin Lucia Azzolina zeigte sich in einem in der Zeitung La Stampa abgedruckten Brief solidarisch mit den Schulkindern. „Es dürft nicht Ihr sein, die den höchsten Preis für diesen Notfall bezahlen“, schrieb die Ministerin. Sie werde weiter dafür arbeiten, dass Schulen, die digitalen Unterricht anbieten, so bald wie möglich wieder geöffnet werden. (dpa)

Forscher untersuchen wieder Distance Learning

Ein Forschungsteam der Fakultät für Psychologie der Universität Wien untersucht ab heute, Montag, wieder das Zurechtkommen von Schülern mit dem Distance Learning. Dabei sollen auch Unterschiede zum ersten Lockdown erhoben werden, hieß es in einer Aussendung. Bereits im April, Mai und Juni befragte das Team um Barbara Schober, Marko Lüftenegger und Christiane Spiel die Schüler mittels Online-Erhebungen.

Die Forscher wollen etwa wissen, wie es um das Wohlbefinden der Schüler steht, sie mit dem Lernen zurande komme und welche Unterstützung sie von der Schule und von zu Hause erhalten. Auch der Umgang mit Risikoschülern, die im Unterschied zum Frühjahr ja direkt von den Schulen angesprochen und "hereingeholt" werden sollten, wird eine Rolle spielen.

Bei den ersten Befragungswellen zeigte sich unter anderem die Wichtigkeit der Selbstorganisation im Distance Learning, so die Forscher. Diese Fähigkeit sei den Schülern zu Beginn schwergefallen, habe sich dann aber verbessert. Es habe allerdings auch Risikogruppen gegeben, die ein niedriges Wohlbefinden hatten, die sich und ihr Lernen nicht gut organisieren konnten, die keine oder wenig Unterstützung von zu Hause erhielten und auch keinen eigenen Arbeitsplatz hatten.

An der bis 6. Dezember laufenden Befragung können Schüler ab der fünften Schulstufe (1. Klasse AHS/Mittelschule) hier teilnehmen.


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