Anzahl der Intensivbetten beeinflusst Sterblichkeit, Reha-Engpass befürchtet

In Ländern mit mehr Covid-Intensivbetten sterben weniger Patienten an der Erkrankung. Deswegen fordern österreichische Ärzte die Stärkung der Intensivmedizin. Aufgrund der hohen Patientenanzahl ist ein Engpass bei Reha-Angeboten zu befürchten.

Intensivstation am Universitätskrankenhaus Aachen in Deutschland (Archivfoto).
© INA FASSBENDER

Wien – In Ländern mit verhältnismäßig niedriger Intensivbettenanzahl versterben mehr Menschen an Covid-19 als in Ländern mit höherer Ausstattung. Folglich sollte die Intensivmedizin in Zukunft weiter gestärkt werden, forderten Intensivmediziner bei einem Online-Pressegespräch der Österreichischen Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin (ÖGARI) am Dienstag. Zu befürchten sei aufgrund der derzeitigen hohen Patientenanzahl ein Engpass bei Reha-Angeboten.

"In der Schweiz versterben fast doppelt so viele intensivpflichtige Covid-19-Patienten als in Österreich", sagte Klaus Markstaller, Präsident der ÖGARI. Die Todesfälle in Relation zur Bevölkerung liegen hierzulande bei knapp 27 pro 100.000 Personen und damit deutlich niedriger als in unserem Nachbarland, das auf 47 Todesfälle pro 100.000 Personen kommt. Zurückzuführen sei das nicht auf die Fähigkeiten von Ärzten, sondern wohl darauf, wie die Intensivmedizin in einzelnen Ländern ausgebaut sei, so Markstaller. Schließlich existieren in der Schweiz lediglich 880 zertifizierte Intensivbetten, während es in Österreich über 2000 sind.

Belastungsgrenze in der Schweiz früher als bei uns erreicht

"Die Belastungsgrenze wurde dadurch wohl früher als bei uns erreicht", meinte der ÖGARI-Präsident. Ein ähnliches Bild ergibt sich, wenn man Deutschland mit einer Intensivbetten-Dichte von 33,9 pro 100.000 Einwohnern und knapp 17 Todesfälle pro 100.000 Einwohnern mit Spanien, das nur 9,7 Betten pro 100.000 Einwohner und mehr als 91 Todesfälle pro 100.000 Einwohner aufweist, vergleicht. "Die Intensivmedizin sollte in Zukunft ausgebaut werden, anstatt die angeblich viel zu hohe Intensivbettendichte zu kritisieren", forderte Markstaller.

Die Mortalitätsrate bei intensivpflichtigen Covid-19-Patienten sinkt in Österreich. "Mittlerweile befinden wir uns bei 20 bis 30 Prozent der Intensivpatienten, solange die Intensivstationen nicht überlastet sind", erklärte Walter Hasibeder, nächster Präsident der ÖGARI. Generell erkranke jedoch nur ein relativ kleiner Anteil der Infizierten schwer. Rund fünf Prozent würden Atemnot entwickeln und drei Prozent müssten intensivmedizinisch betreut werden. "Diese leiden aber an lebensbedrohlichen Zuständen, die wir kaum noch gesehen haben", warnte Hasibeder.

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Hasibeder: "Weit davon entfernt, die Krankheit zu verstehen"

Nach wie vor sei man weit davon entfernt, die Krankheit zu verstehen. SARS-CoV-2 sei vielfältig und extrem unberechenbar. "Wir sehen mitunter plötzliche Verschlechterungen von Patienten, die bereits eine Tendenz zur Besserung hatten", erklärte der Intensivmediziner. Zudem gebe es nach wie vor keine gesicherte spezifische Therapie gegen das Virus.

Auch die mitunter auftretenden Spätfolgen einer Infektion mit SARS-CoV-2 bereiten Sorgen. "Manche Patienten haben nach überstandener Erkrankung noch über Monate hinweg schwere Symptome wie massive Erschöpfung, Muskel- und Gelenkschmerzen oder Depressionen", erklärte Hasibeder. Oft müssten sie noch einen Aufenthalt in einer Reha-Einrichtung absolvieren. Aufgrund der derzeit hohen Patientenzahlen könnte es in Zukunft einen Engpass bei Reha-Plätzen geben, warnte der Intensivmediziner.

Die Corona-Pandemie hat sich auch auf die Digitalisierung der Intensivmedizin - dem Hauptthema der anstehenden online stattfindenden ÖGARI-Jahrestagung - ausgewirkt. So hätten Krankenhäuser digitale Lösungen und Werkzeuge entwickelt, die die Transparenz etwa über Auslastungszahlen erhöhen. Aber auch die Patientenaufklärung über Telefon oder Internet sei vorangeschritten und könnte zukünftig beibehalten werden, so Oliver Kimberger, Vorstandsmitglied der ÖGARI.

Künftig könnte die Digitalisierung Ärzte verstärkt auf Basis neuronaler Netze bei der Entscheidungsfindung unterstützen. Viele Pilotprojekte sind bereits vorhanden, doch problematisch sei, dass oft noch nicht klar sei, warum ein neuronales Netz zu einer Entscheidung gelangt, erklärte Kimberger. Zudem sehe man des Öfteren, dass ein Arzt oder eine Ärztin zu selten oder zu oft alarmiert werde und dadurch eine "Alarmmüdigkeit" ausgelöst werde.

"Die Digitalisierung wird uns sicherlich nützen, aber Sicherheit wird vor allem durch Menschen vermittelt", gab Eva Schaden, Stellvertreterin für den Bereich Intensivmedizin der ÖGARI, zu Bedenken. Besonders wenn man schwer erkranke, sei es von enormem Wert, wenn man von einem Menschen das Gefühl vermittelt bekomme, sicher zu sein. "Durch die Digitalisierung wird Zeit frei. Diese darf nicht wegrationalisiert werden. Ärzte sollten sich stattdessen mit der gewonnen Zeit Patienten widmen", sagte Schaden.

Die Jahrestagung der ÖGARI mit dem Schwerpunkt Digitalisierung findet von 26. bis 27. November online statt. Alle Referenten haben ihre Redebeiträge bereits im Voraus abgegeben. Diese können zeitlich entkoppelt angesehen werden und stehen für zwei Monate zum Abruf bereit. (APA)


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