Einbruch im Grünen Gewölbe: Die Jagd nach Augusts Juwelen

Der Einbruch ins Dresdner Historische Grüne Gewölbe soll auf das Konto eines Berliner Clans gehen. Erste Verdächtige sind gefasst, von der Beute fehlt jede Spur. Sind die kostbaren Schmuckstücke zerstört – oder gibt es eine Chance?

Vor genau einem Jahr ist der Coup im Historischen Grünen Gewölbe in Dresden passiert. Mittlerweile sind Tatverdächtige gefasst, die wertvollen Schmuckstücke aber bleiben verschwunden.
© AFP/Kahnert

Von Simona Block, dpa

Dresden – Nach einem Jahr ist sich die Sonderkommission „Epaulette“ ziemlich sicher, wer für den brachialen Einbruch und dreisten Diebstahl kostbarer Schmuck aus dem Historischen Grünen Gewölbe in Dresden verantwortlich ist. Der Einbruch soll auf das Konto eines Berliner Clans gehen. Erste Verdächtige sind gefasst.

Der Verbleib der unikaten und kunsthistorisch unschätzbar wertvollen Juwelen aber ist weiter unklar – auch vermeintliche Spuren verliefen im Sande. Die Ermittler sind dennoch zuversichtlich und die Staatlichen Kunstsammlungen „vorsichtig optimistisch“, dass die Preziosen von August dem Starken (1670-1733), sächsischer Kurfürst und polnischer König, in das barocke Schatzkammermuseum zurückkehren – irgendwann.

Schmuckstücke bei Coup zerstört

Am „Tatort“ im Juwelenzimmer wird die Geschichte des Coups vom 25. November 2019 erzählt, der weltweit Schlagzeilen machte. Die prächtigste Vitrine, aus der zwei Unbekannte in wenigen Minuten rund ein Dutzend der kostbarsten Objekte rissen, ist leer. Die Spuren brachialer Gewalt sind längst beseitigt. Der Großteil der Diamant- und Brillantgarnituren, der den Dieben nicht in die Hände fiel, ist in einer anderen Vitrine zu sehen: die Perlen der Königin neu aufgefädelt, ihr Brillantschmuck strahlt. Sie mussten restauriert werden, die Einbrecher hatten sie mit Löschpulver besprüht, um Spuren zu verwischen. Die Überreste eines Brillantcolliers, das die Täter zerrissen, wartet noch darauf.

Knapp ein Jahr nach dem Kunstraub im Dresdner Grünen Gewölbe hat die Polizei in Berlin drei Tatverdächtige festgenommen.
© APA/dpa-Zentralbild/Robert Michael

Kunstmarktdetektiv Willi Korte indes glaubt, dass die Schätze unwiederbringlich verloren sind. „Das ist kein Kunst-, sondern ein Juwelendiebstahl.“ Anders als bei einem berühmten Gemälde sei da in der Regel das Absetzen einfacher als das Stehlen. Und er ist überzeugt, dass es schon vorher Pläne für deren Absatz gab. „Ich glaube, das traurige Schicksal ist: die Stücke sind weg“, sagt der Provenienzforscher, der sich mit zurückliegenden Kunstdiebstählen beschäftigt. Die Chance, dass der Schmuck auf dem Kunstmarkt auftaucht oder den Museen angeboten wird, sei sehr gering. Selbst wenn die Steine nur einen Bruchteil des üblichen Marktwerts erbringen, rechne sich das gemessen am Aufwand und dem im Vergleich zum Raubüberfall beim Juwelier viel geringere Risiko.

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Einbruch mit brachialer Gewalt

Die Täter waren mit brachialer Gewalt im Juwelenzimmer des Museums vorgegangen, ohne Respekt vor der Kunst. Sie schlugen mit einer Axt Löcher ins Glas einer Vitrine und rissen auch einige der prächtigsten Schmuckstücke von der Schauwand: einen Degen mit rund 770 kleineren Diamanten, Teile von Orden, das Achselband (Epaulette) mit dem „Sächsischen Weißen“, einem viereckigen großen Brillanten, und die große Brustschleife der Königin Amalie Auguste mit 51 großen und gut 600 kleineren Brillanten.

Eine der gestohlenen Broschen, die bei dem Überfall im Grünen Gewölbe gestohlen wurden.
© Juergen Karpinski / Green Vault (Gruenes Gewoelbe) / AFP

Die zig kleinen, aber auch die größeren Steine sind nach Ansicht von Museumsdirektor Dirk Syndram kaum zu verkaufen. Sie müssten umgeschliffen werden, das könnten nur Fachleute, es sei teuer und mit Materialverlust verbunden. „Heute ist die meistgeschätzte Art der Brillant, der durch einen Gegenschliff viel Tiefe und ein strahlendes Funkeln hat.“ Der Großteil der Beute stamme aus der Diamantrautengarnitur. Bei diesem Schliff fehle die Tiefe, „selbst große Diamanten funkeln nicht so“. Früher, als das Angebot noch begrenzter war, waren große Steine beliebt. „Sie haben Einschlüsse und Verfärbungen.“ Heute müssten Diamanten weiß und lupenrein sein.

Bei Neuschliff geht viel verloren

Bei einem Neuschliff bleibe bei den vielen kleinen Steinen kaum etwas übrig. „Von 0,5 auf 0,05 Karat, das ist dann nur noch ein Splitter“, sagt Syndram. Und auch bei größeren Exemplaren gehe viel Substanz verloren. „Am meisten würde sich der Austausch von Geld gegen Objekte lohnen.“ Im seriösen Fachhandel sei es nicht möglich, die Diamanten loszuwerden, sagt der Präsident des Bundesverbandes der Juweliere, Schmuck- und Uhrenfachgeschäfte, Stephan Lindner. Juweliere würden die Herkunft am alten Schliff erkennen und Verdacht schöpfen. Das sei etwas anderes als bei der 100-Kilo-Goldmünze, die 2017 aus dem Berliner Bode-Museum gestohlen wurde, deren Materialwert berechenbar ist. „Die Dresdner Kunstschätze sind nur als solche wertvoll.“

Die bei einem Einbruch beschädigte Vitrine im Juwelenzimmer im Historischen Grünen Gewölbe im Dresdner Schloss der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD).
© APA/dpa-Zentralbild/Sebastian Kahnert

Auch Peter Guld, Landesvorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, geht davon aus, dass das Clan-Milieu über gewisse nicht legale Absatzmärkte und Infrastrukturen zur Bearbeitung der Steine verfügt. „Ich befürchte, dass hier nur der Materialwert von Bedeutung war und die Objekte, wenn überhaupt, in Einzelteilen wieder auftauchen.“ Eine Erpressung oder Veräußerung an einen potenten Sammler hält er für relativ unwahrscheinlich. „Da müssten sie jetzt langsam ein Signal geben.“

Angebliche Angebote einzelner Stücke aus der Beute haben sich „im Grunde als gegenstandslos“ erwiesen, sagt Jürgen Schmidt von der Dresdner Staatsanwaltschaft. Es gebe bisher keine Anhaltspunkte, dass die Absender im Besitz von Beutestücken sein könnten. Auch die Offerte eines Privatdetektivs, ein anonymer Kunstmäzen wolle den Tätern die Beute abkaufen, hat keine weitergehenden Hinweise erbracht. „Wir tun alles Menschenmögliche, die Schmuckstücke zurück zu bringen“, sagt Schmidt. Dafür gebe es „eine realistische Chance“.


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