Tiroler Covid-Studie: Kinder nach erster Welle belastet, aber nicht traumatisiert

Im Rahmen eines Forschungsprojekts der Universitätsklinik Innsbruck wurden Drei- bis Zwölfjährige in Tiroler Hotspot-Regionen befragt. Insbesondere fehlende soziale Kontakte führten zu einem Verlust an Lebensqualität. Erste Ergebnisse wurden am Mittwoch bei einer Pressekonferenz vorgestellt.

Kathrin Sevecke (li) und Silvia Exenberger (re) informierten über die Tiroler Covid-19 Kinderstudie.
© Medizinische Universität Innsbruck

Innsbruck – 220 Kinder und 438 Eltern aus Nord- und Südtiroler Corona-Hotspot-Regionen sind im Juni zu ihrem seelischen Wohlbefinden befragt worden. Bei einer Pressekonferenz in Innsbruck wurden am Mittwoch erste Ergebnisse präsentiert: Die Quarantäne habe bei den Drei- bis Zwölfjährigen zu einem Verlust an Lebensqualität geführt. Dieser sei zum Großteil auf fehlende soziale Kontakte zurückzuführen. Zudem gebe es geschlechtsspezifische Unterschiede.

„Die Kinder sind belastet, aber nicht traumatisiert", zog Kathrin Sevecke, Primaria der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Landeskrankenhaus Hall in Tirol, erste Schlüsse aus den Befragungen. Noch müsse deshalb kein Alarm geschlagen, aber weiterhin genau hingeschaut werden, schlussfolgerte Sevecke. „Wir haben im klinischen Alltag bereits festgestellt, dass es zu deutlichen Veränderungen kommt und sind froh, diese Beobachtungen durch diese Befragung auch wissenschaftlich belegen zu können."

Studie läuft zwei Jahre

Die Studie sei für zwei Jahre anberaumt und werde vom Land Tirol gefördert, heißt es in einer Aussendung der Medizinischen Universität Innsbruck. An der ersten Erhebung beteiligten sich 220 Kinder und 438 Eltern, überwiegend Mütter. Die erste Auswertung zeige in Bezug auf Traumatisierung und Angstempfinden noch keine signifikanten Auffälligkeiten, berichtete Silvia Exenberger, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Studie und Psychologin. Dennoch habe sich die Quarantäne stark auf die Lebensqualität der Kinder ausgewirkt: „Zu 80 Prozent kommt dieser Verlust an Lebensqualität durch fehlende soziale Kontakte zustande", erklärte Exenberger.

Durch die Quarantäne haben die Kinder stark an Lebensqualität verloren. Nach dem Ende der Quarantäne hat sich gezeigt, dass dies zu 80 Prozent durch fehlende soziale Kontakte zustande kommt
Kathrin Sevecke (Leiterin der Covid-Kinder-Studie)

Welche Konsequenzen diese Verschlechterung nach sich ziehe, vermochten die beiden Expertinnen noch nicht zu sagen. Denn die Bedürfnisse seien altersspezifisch, so Exenberger: „Kleinere Kinder lernen etwa zu teilen und Rücksicht auf andere zu nehmen, ältere brauchen den Austausch mit Gleichaltrigen unter anderem um sich von den Eltern 'wegzuentwickeln'". Fest stehe jedenfalls: „Jeder braucht seine Peer-Group".

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Hotspot-Regionen im Fokus, Unterschiede bei Geschlechtern

Kathrin Sevecke, Leiterin der Studie und Primaria der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Landeskrankenhaus (LKH) Hall
© Medizinische Universität Innsbruck

Befragt wurden unter anderem Kinder aus dem von den Eindämmungsmaßnahmen sehr stark betroffenem Paznaun- oder Grödnertal. Regionale Unterschiede hätte es keine gegeben. In Bezug auf das Bedrohungserleben berichteten die beiden anwesenden Medizinerinnen jedoch von deutlichen geschlechterspezifischen Unterschieden. „62 Prozent der Mädchen, aber nur 52 Prozent aller Buben waren etwa besorgt, dass ein Familienmitglied an Corona erkranken könnte", berichtete Exenberger.

Mädchen hätten grundsätzlich ein intensiveres Bedrohungserleben und empfanden deshalb auch mehr Angst- und Traumasymptome als Buben. Den Müttern fiele das häufig nicht auf. Sie hätten die Lebensqualität ihrer Töchter wesentlich höher geschätzt. Buben schätzen ihre Lebensqualität höher als Mädchen, wobei dies mit der Einschätzung der Mütter übereinstimmte.

Zweite Befragungsrunde Mitte Dezember

Man müsse die Ergebnisse nach der zweiten Welle abwarten, resümierte Klinikdirektorin Sevecke. Mitte Dezember soll eine zweite Befragungsrunde starten, für die nicht nur bereits Befragte kontaktiert werden, sondern alle Betroffenen aufgefordert sind, sich daran zu beteiligen.

Silvia Exenberger, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Studie und Klinische und Gesundheitspsychologin
© Medizinische Universität Innsbruck

Der Fragebogen ist ab 14. Dezember unter folgendem Link abrufbar: https://kidscreen.ches.pro. Neu eingeführt wurde in dieser Befragungsrunde ein sofortiges Feedback: Im Anschluss des Fragebogens wird den Studienteilnehmern angezeigt, wie belastet sie sind – den Kindern in Form eines Smileys, den Eltern als Ampel. „Zeigt diese gelb oder rot bitten wir darum, Kontakt mit uns aufzunehmen", stellte Exenberger klar, man wolle niederschwellige Unterstützung der Belasteten ermöglichen.

Ziel des Forschungsprojektes ist es, ein Früherkennungsinstrument von Symptomen einer Belastung zu entwickeln. Dieses könne in der Schule und im Kindergarten eingesetzt werden, so Sevecke. Die ersten Auswertungen hätten bereits zur Entwicklung weiterer Entlastungs- und Unterstützungsmaßnahmen beigetragen. Eltern empfahl die Expertin, coronabezogene Themen anzusprechen. Wichtig sei, die Kinder einzubeziehen und ihnen zuzuhören, betonte die Primaria. (APA, TT.com)


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