Trend Tourengehen mit Konfliktpotenzial: „Habe es absolut unterschätzt“

Das Land Tirol will im Streit um Pistensperren zwischen Tourengehern und Seilbahnern schlichten. Eine subsidiäre Haftpflichtversicherung soll helfen. Doch die Gräben sind tief.

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Kenner schätzen, dass bis zu 600.000 Menschen in Österreich den Tourenski-Sport ausüben. Besonders das Pistengehen (im Bild eine Szene am Patscherkofel) erfreut sich immer größerer Beliebtheit.
© Rachlé

Von Benedikt Mair

Innsbruck – Eine präparierte Piste betritt Christof Strasser nur, wenn es das Wetter nicht anders zulässt. „Ich persönlich bin mit meinen Tourenskiern lieber im Gelände unterwegs“, sagt der 41-Jährige. „Aber ganz prinzipiell hat die Frequenz der Pistentourengeher in den vergangenen Jahren enorm zugenommen.“ Strasser muss es wissen. Selbst seit rund 15 Jahren ein begeisterter Anhänger des Sports, betreibt er mit zwei Bekannten eine Webseite und Kanäle in sozialen Netzwerken, auf denen Tipps für Tourengeher in Tirol gesammelt werden. Tausende Menschen folgen ihnen, allein auf Facebook sind es über 12.000. „Skitourengehen ist längst kein Trendsport mehr“, glaubt Strasser. „Es ist zum Massenphänomen geworden.“

Eine Entwicklung, die für Konfliktpotenzial sorgt, welches sich zuletzt auch bei der Diskussion um gesperrte Skipisten in Tirol entlud. Zur Erinnerung: Zwar dürfen die Skigebiete Corona-bedingt erst am 24. Dezember aufsperren, in Tirol hat die Landesregierung Individualsport explizit erlaubt – Tourengehen gehört dazu. Da sich einige Anhänger der Aktivität allerdings nicht an die Regeln gehalten haben sollen, riegelten viele Skigebiete im Land, insbesondere im Großraum Innsbruck, ihre Pisten ab. Der Alpenverein ergriff für die Sportler Partei, kritisierte die Sperren. Franz Hörl, Obmann der Seilbahner, hielt dagegen, nannte ungeklärte Haftungsfragen als Grund.

Subsidiäre Haftpflichtversicherung

Zumindest diese Hürde dürfte jetzt aus dem Weg geräumt sein. Wie berichtet, plante die Landesregierung, eine Versicherung für Tourengeher abzuschließen. Seit gestern ist diese in trockenen Tüchern. Es handle sich um eine „subsidiäre Haftpflichtversicherung mit einem Deckungsbetrag von zehn Millionen Euro“, heißt es in einer Aussendung. Diese komme dann zum Tragen, wenn über Versicherungen der Seilbahnwirtschaft kein entsprechender Schutz gegeben sei.

Für den zuständigen Sport­referenten und Landeshauptmannstellvertreter Josef Geisler (ÖVP) ist die Versicherung die konsequente Fortführung des bislang beschrittenen Weges. „Nachdem Bewegung in der freien Natur individuell nach den Corona-Regeln vor Öffnung der Lifte auch in Skigebieten zulässig ist, räumen wir mit einem zusätzlichen Sicherheitsnetz die Bedenken der Seilbahnwirtschaft aus.“

„Habe absolut unterschätzt, wie tief die Gräben sind“

Ist der Konflikt damit beigelegt? Wohl nur bedingt. Seilbahner-Obmann Hörl nennt die Versicherung zwar „positiv“ und einen „Schritt in die richtige Richtung“, geht aber zugleich davon aus, dass die Eiszeit zwischen Liftbetreibern und Pistengehern andauert. „Ich habe es absolut unterschätzt, wie tief die Gräben sind“, sagt Hörl. Zwischen Mitarbeitern der Bahnbetreiber und „einzelnen wenigen militanten Tourengehern“, wie er sie nennt, käme es immer wieder zur Eskalation, „so wie am Montag bei der Muttereralmbahn“.

Der dortige Geschäftsführer, Stefan Klotz, bestätigt den Zwischenfall. Sportler hätten einen Pistenraupenfahrer provoziert, seien trotz Sperre abgefahren und hätten mit ihren Stöcken gegen die Maschine geschlagen. Franz Hörl ruft zu „Mäßigung bei allen Parteien“ auf. Die Seilbahnen sollten „Verständnis für den Sport zeigen, Möglichkeiten zu dessen Ausübung bieten“. Und die Tourengeher müssten sich an die Regeln halten.

Vom Österreichischen Alpenverein (ÖAV), der traditionell die Interessen der Sportler vertritt, war gestern, trotz mehrfacher Anfrage, niemand für eine Stellungnahme rund um die aktuellen Entwicklungen in der Causa zu erreichen.

Vorsicht fordert jedenfalls Landesrat Geisler ein. Er appelliert an alle Pistentourengeher und Wintersportler, sich trotz der Versicherung an die Vorgaben zu halten und Pistensperren aufgrund von Präparierungs- und Sicherheitsarbeiten zu beachten – sowohl bis zum 24. Dezember als auch danach.

„Wenn sie sich an die Regeln halten, ist alles gut“

Dass es nach der Öffnung der Skigebiete an Heiligabend zu einer außergewöhnlichen Häufung von Zwischenfällen oder Zusammenstößen kommt, hält der Leiter der Tiroler Bergrettung, Hermann Spiegl, für unwahrscheinlich. „In den vergangenen Jahren haben wir festgestellt, dass es nicht viele Einsätze im Bereich des Pistentourengehens gab.“ Das Gros der Akteure verhalte sich vorbildlich.

Rund 600.000 Menschen betreiben den Sport in Österreich, schätzen Kenner wie Christof Strasser. Grundsätzlich zeigt er Verständnis für die Pistengeher, „weil sich viele im Gelände nicht auskennen. Für Anfänger ist das optimal. Und wenn sie sich an die Regeln halten, ist alles gut.“ Dass Liftbetreiber ob des großen Andrangs in Sorge seien, verstehe er aber. Selbst wenn er Pistensperren für überzogen hält. „Weil der Berg gehört immer noch ein bisschen allen.


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