Tiroler Schülervertreter: „Politik sollte jungen Menschen Vorbild sein“

Jussuf Ismail (18) ist Schulsprecher der HAK/HAS Innsbruck. Michael Maier (17) vertritt die Tiroler Berufsschulen. Im TT-Interview sprechen sie über den Fernunterricht, was ihnen in der Pandemie am meisten fehlt und was sie sich von der Politik erwarten.

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Die Schülervertreter Jussuf Ismail (18, links) und Michael Maier (17) erklären im Online-Interview, wie sie Schule, Ausbildung und andere Themen in der Corona-Pandemie sehen.
© Benedikt Kapferer/Screenshot Videokonferenz-Tool Big Blue Button

Innsbruck – Die Corona-Pandemie verändert seit mehreren Monaten das Leben der gesamten Gesellschaft. Auch für junge Menschen fielen soziale Kontakte weg und das Lernen im Fernunterricht wurde zu einer großen Herausforderung.

Die Pflichtschulen sowie die Matura- und Abschlussklassen kehrten vor einer Woche nach Ende des zweiten Lockdowns in den Präsenzunterricht zurück. Die restlichen Schüler der Oberstufen sind nach wie vor im Homeschooling.

Grund genug, nicht nur über die Schüler und Lehrlinge, sondern mit ihnen zu sprechen. Jussuf Ismail (18) ist Schulsprecher der Handelsakademie und Handelsschule Innsbruck. Michael Maier (17) macht in Südtirol eine Lehre zum Orthopädie-Schuhmacher und vertritt die Tiroler Berufsschulen. Im Interview erklären sie, wie sie den Fernunterricht mit Corona wahrnehmen, was ihnen in der Pandemie am meisten fehlt, was sie sich von der Politik erwarten und wie sie zur Impfung stehen.

Wie geht es euch mit der aktuellen Lage nach Ende des zweiten Lockdowns?

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Ismail: Schon viel besser als am Anfang der Ausgangssperren. Trotz Homeschooling geht es mir einigermaßen gut. Ich muss zwar sagen, dass ich schon ein bisschen genervt bin vom Fernunterricht mittlerweile, aber man kann nichts dagegen machen.

Maier: Ich bekomme zurzeit vom Homeschooling relativ wenig mit, da ich beim Arbeiten bin. Über meine Tätigkeit in der Landesschülervertretung werde ich mit der Situation sehr stark konfrontiert. Wir sind hier aus meiner Sicht schon auf einem guten Weg. Auch in den Berufsschulen dürfen nun die Abschlussklassen wieder für den Unterricht in die Schule gehen.

Wie empfindet ihr das Distance Learning und wie läuft es für andere Schülerinnen und Schüler?

Ismail: Bei acht bis neun Stunden durchgehend am Computer lässt bei vielen einfach die Konzentration nach. Wir sind auch nur Menschen. Nicht jeder kann dem so leicht folgen, was der Lehrer über die Lernplattform digital vermittelt. Aber ich finde es wichtig, dass die Matura-Klassen wieder in die Schulen gehen können. Für uns in den dritten und vierten Klassen wäre es in Hinblick auf die Matura gerade beim neuen Stoff aber auch leichter, wieder in der Schule zu sein.

Schülerinnen und Schüler protestierten am 19. Oktober auf dem Landhausplatz in Innsbruck gegen das Distance Learning.
© Thomas Böhm

Maier: Für viele ist es im Homeschooling schwierig, den Stoff aufzunehmen. Das geht im Präsenzunterricht natürlich viel leichter. In der Berufsschule wäre auch viel im Homeschooling, aber einige haben den Turnus für die Zeit in der Werkstätte nach hinten verschoben. Eine Handelsschule kann den Praxisunterricht leichter als Fernunterricht abhalten als eine Berufsschule für Holz und Bau. Mit den Arbeitsgeräten ist das unmöglich. Aber die Abschlussklassen dürfen beispielsweise wieder in die Schule und dann auch die Lehrabschlussprüfung machen.

Gibt es beim Fernunterricht auch Dinge, die gut funktionieren?

Ismail: Ich begrüße es sehr, dass man bei Schularbeiten in das Schulgebäude gehen kann. Im Vergleich zum ersten Lockdown gibt es nun nicht mehr so viele Lernplattformen. Damals waren gefühlt Tausende Plattformen da und man hatte keinen Überblick mehr. Jetzt läuft das viel einheitlicher und besser ab. Es ist bei den Lehrern auch mehr Verständnis da für den Arbeitsaufwand. Der Nachteil ist nur, dass es nun sehr viele Videokonferenzen gibt und wir mehrere Stunden durchgehend vor dem Gerät sitzen müssen.

Maier: Es hat sich zum Frühjahr schon vieles weiterentwickelt. Es gibt durchaus Vorteile, die oft übersehen werden. Wie Jussuf bereits gesagt hat, gibt es nicht mehr so viele verschiedene Lernplattformen. Die Corona-Situation hat aber sicher gezeigt, dass im Bereich der Digitalisierung in der Schule noch einiges getan werden muss, sei es in der Ausbildung bei den Lehrern, sei es bei materiellen Dingen, die einfach gegeben sein müssen. Über den Sommer gab es aber schon einen Fortschritt.

Stichwort „materielle Dinge“: Welchen Eindruck habt ihr bezüglich der Versorgung mit Hardware, also Laptops, Computer usw., bei den Schülern? Werden manche Schüler nach wie vor nicht erreicht?

Ismail: Ich kann das insgesamt schwer beurteilen. Aber ich habe schon mitbekommen, dass es Schüler gibt, die gar nicht in den Fernunterricht kommen und sagen, sie hätten keine Webcam. Das finde ich teilweise schon merkwürdig, denn jeder Laptop und jedes Handy hat heutzutage eine Kamera. Und wenn man dann mit so einer Ausrede kommt, ist das für die Lehrer auch frustrierend. Die Schüler müssen dem Lehrer schon auch entgegenkommen.

Maier: Die erste Phase des Fernunterrichts kam für viele sehr überraschend. Da gab es viele Probleme bei der Versorgung von Schülern mit Geräten. Mittlerweile sollte das aber nicht mehr der Fall sein. Manche wollen die Situation vielleicht auch ausnutzen und bleiben bewusst fern. Hier wird es dann bei der Beurteilung und bei den Zeugnissen sicher auch schwierig.

Die Pandemie dauert nun schon mehrere Monate an. Für viele Menschen ist sie eine große Belastung. Was geht euch persönlich am meisten ab?

Ismail: Auf jeden Fall das Ausgehen. Man sitzt nur daheim, macht nichts. Und man sieht andere nur draußen. Der Lockdown und die Veränderungen haben mich psychisch schon mitgenommen. Meiner Meinung nach war das „Social Distancing“, also genau genommen die physische Distanz, das Schlimmste.

Maier: Das Problem für die meisten war wirklich der fehlende soziale Kontakt. Das geht stark auf die Psyche und das verändert auch das Lernverhalten.

Ismail: Genau, man hat kaum die Motivation, wenn man sich allein hinsetzt den ganzen Tag für mehrere Stunden. Und man kann nur daheim bleiben.

Ich appelliere an alle Schüler, weiterhin durchzuhalten. Viele verlieren sich und wissen nicht, an wen sie sich wenden sollen. Die jeweiligen Schulsprecher und die Landesschülervertretung helfen gerne weiter.
Michael Maier (17, Landesschulsprecher der Berufsschulen)

Maier: Meine größte Umstellung war, dass ich nicht arbeiten gehen konnte. Das habe ich am meisten gespürt. Da ich wegen dem Lehrplatz aber nicht tagtäglich in der Schule war, war es für mich eine kleinere Umstellung.

Wenn ihr an zukünftige Ausbildungs- oder Berufschancen denkt, was löst das dann bei euch aus? Beschäftigt euch das zurzeit sehr?

Maier: Da die Wirtschaft schon sehr geschwächt ist und viele Betriebe sagen, sie können keine neuen Lehrlinge aufnehmen, sehe ich hier große Probleme. Im Sommer hat man es auch gesehen, als Schüler Praktikumsplätze suchten und sich schwer taten, etwas zu finden. Hier braucht es von der Politik viele Förderungen. Betriebe werden bereits unterstützt, aber das muss sicher noch mehr werden.

Ismail: Bei der HAK oder HAS braucht es für den Schulabschluss viele Praktikumsstunden. Das stresst viele schon, wenn das teilweise im Sommer nicht möglich war. Ich zum Beispiel habe keine Stelle gefunden. Es gab immer nur Abweisungen. Das ist ein Problem und löst Druck aus.

Wir jungen Menschen sind die Zukunft Österreichs. Das nehmen die Politiker schon auch so wahr.
Jussuf Ismail (18), Schülervertreter der HAK/HAS Innsbruck

Wie empfindet ihr die Diskussion über Jugendliche und Schüler in der Politik und in den Medien? Fühlt ihr euch wahrgenommen?

Maier: Man wird schon wahrgenommen. Es gibt in der Politik ein Bewusstsein dafür, dass soziale Kontakte gerade für jüngere Menschen wichtig sind. Das ist auch gut, weil Abschlussklassen nun wieder in die Schule gehen dürfen. Es hängt natürlich immer alles von den geltenden Corona-Bestimmungen und von den Politikern ab. Die Politik sollte für uns das Vorbild sein. Wenn sie sich nicht daran hält, dann darf es niemanden wundern, wenn Jugendliche sich einmal nicht daran halten.

Ismail: Ich sehe es gleich wie Michael. Die Politiker haben schon wahrgenommen, dass wir Jugendliche die Zukunft sind. Ich habe in den Medien von der Bevölkerungsentwicklung mitbekommen, dass es in ein paar Jahren viele ältere Menschen gibt. Also wir junge Menschen sind die Zukunft Österreichs. Daher sollten die Politiker uns wahrnehmen und ich finde ich es auch gut, dass das passiert.

Was erwartet ihr euch konkret?

Ismail: Die Regierung sollte schon dafür sorgen, dass Betriebe genügend Budget für Ausbildungsplätze für Lehrlinge und Praktikanten haben. Bekannte von mir wollen Koch und Kellner werden und können dem zurzeit überhaupt nicht nachgehen.

Maier: Die Lehrlinge brauchen die Praktika, um ihren Abschluss zu machen. Je nachdem wie es weiter geht, müssen auch die Abschlussprüfungen angepasst werden.

Thema Massentests und Impfungen: Habt ihr mitgemacht und werdet ihr euch impfen lassen?

Ismail: Ich selbst habe teilgenommen, weil ich das wichtig finde, dass sich jeder testen lässt. Viele haben keine Symptome, aber sind trotzdem infiziert. Mit den Massentests können sie gefunden werden. Die Beteiligung war leider sehr niedrig. Es ist gut, dass die Impfungen freiwillig sein werden und ich werde mich impfen lassen. Denn bei der Bekämpfung der Pandemie ist das schon ein Meilenstein.

Maier: Prinzipiell bin ich für die Massentests, aber bei einer geringen Beteiligung ist das nicht sehr sinnvoll. Wenn der Impfstoff ausreichend getestet wird, würde ich mich vielleicht impfen lassen. Insgesamt sehe ich das aber kritisch und bin sehr skeptisch, vor allem weil viel Geld an Pharmakonzerne geht und die Wirkung noch nicht ganz geklärt ist. Aber um den Virus einzudämmen, wird es wohl eine Impfung brauchen. Wir sollten eine Lösung mit dem Impfstoff finden und nicht nur den Impfstoff als Lösung betrachten.

Was ist euch für die weitere Entwicklung noch wichtig?

Ismail: Ich wünsche mir schon für die Oberstufenschüler, dass wir wieder in die Schule gehen können und Präsenzunterricht haben. Denn auch nach den Weihnachtsferien haben wir noch viele Schularbeiten und Tests. Wie bereits gesagt, tun sich viele beim Fernunterricht mit dem Lernen des neuen Stoffes besonders schwer und sind überfordert.

Maier: Ich appelliere an alle Schüler, weiterhin durchzuhalten. Viele verlieren sich und wissen nicht, an wen sie sich wenden sollen. Die jeweiligen Schulsprecher und die Landesschülervertretung helfen gerne weiter. Als Interessenvertretung sind wir Ansprechpartner und unterstützen so gut wir können. Oft überwiegen in den Medien die negativen Botschaften. Viele belastet das dann sehr. Ein Tipp: Man sollte sich im Alltag Dinge bewusst machen, die gut funktionieren und nicht immer nur das Schlechte sehen. Das beeinflusst schon sehr stark und hilft auch für die eigene Motivation.

Das Gespräch führte Benedikt Kapferer

Anlaufstellen für Kinder und Jugendliche

  • Die Kinder- und Jugendanwaltschaft Tirol bietet jungen Menschen Beratung und Unterstützung in schwierigen Situationen. Weitere Informationen
  • Die „Schuso" ist im Rahmen der Schulsozialarbeit direkt an der Schule tätig. Sie berät Schülerinnen und Schüler niederschwellig und vertraulich. Webseite
  • Rainbows Tirol – Hilfe für Kinder und Jugendliche in schwierigen Zeiten ist telefonisch unter 0512 57 99 30 oder 0650 9578869 erreichbar.
  • Rat auf Draht: anonyme, kostenlose Beratung rund um die Uhr – Hotline 147, rataufdraht.at, Instagram oder YouTube.
  • Die Landesschülervertretung Tirol setzt sich für die Anliegen von Schülerinnen und Schülern ein (Webseite). Auf Instagram informiert sie über neue Bestimmungen in der Schule.

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