„Mixed Feelings": Tirolerin Nenda hinterfragt Rassismus mit Debütsingle

Im Song der Ötztalerin geht es um Alltagsrassismus und die „gemischten Gefühle" von People of Colour in Österreich. Warum sie jungen Menschen ein Vorbild sein will und stolz auf ihre Heimat ist, erklärt sie im TT-Gespräch.

Die Künstlerin Nenda (2. v.l.) möchte mit ihrem Song und dem Musikvideo zeigen, dass Menschen mit gemischter oder dunkler Hautfarbe auch Teil der Tiroler Kultur und Gesellschaft sind.
© Screenshot YouTube-Video NENDA – Mixed Feelings

Von Benedikt Kapferer

Innsbruck, London – Aufgestyled in den Alpen, mit Dirndl in der Stadt und dazu Rap zwischen Englisch und Tiroler Dialekt – So könnte man auf den ersten Blick die Debütsingle und das Musikvideo von Nenda zusammenfassen. Dahinter steckt jedoch noch viel mehr.

Nenda wuchs in einer Gemeinde im Ötztal auf. Nach der Matura zog sie nach London und studierte dort Schauspiel. Seitdem arbeitet sie als Künstlerin in England und ist immer wieder auf Heimatbesuch. Neben Auftritten wie etwa in der Bühnenfassung von Zadie Smiths Roman „Zähne zeigen" oder Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden" ist sie auch als Sängerin und Rapperin tätig.

Vor wenigen Tagen erschien ihre erste Single „Mixed Feelings" auf YouTube. Im TT-Interview spricht sie unter anderem über Inspirationen für den Song, wie sie Rassismus und Diskriminierung in Tirol erfahren hat und warum sie gerade Kindern und Jugendlichen ein Vorbild sein will.

Eine Song-Idee, die zuflog

Kunst und Musik begleiteten Nenda bereits ihr ganzes Leben lang. Denn Texte hat sie schon immer geschrieben, erzählt die Ötztalerin in der Videokonferenz. „Es war aber nicht wirklich geplant, dass das meine Debütsingle wird." Mit den Einschränkungen der Kulturszene während des Lockdowns habe es sich gut ergeben.

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In Tirol aufgewachsen und nach London gezogen zu sein, hat die 26-Jährige sehr beschäftigt. Das Selbstbild und die Hautfarbe konfrontieren „gemischtrassige" oder nicht weißhäutige Menschen – im Englischen sind die Begriffe „mixed race" oder „People of Colour" geläufig – jeden Tag. „Weil man wird immer damit konfrontiert und so behandelt. Es ist etwas, das immer bei mir ist", meint Nenda.

📽️ Video | NENDA – Mixed Feelings

Diese Eindrücke hätten sich schließlich auf ihre Musik ausgewirkt. So ist das Lied zu ihr gekommen, wie die Künstlerin es beschreibt. „Die Idee flog mir irgendwie zu und ich ließ sie herein. Dann machte ich einen Song daraus."

„Gemischte Gefühle" als Ausdruck einer „Verwirrung"

In Österreich wurde sie aufgrund ihrer Hautfarbe oft auf Englisch angesprochen und gefragt, ob sie Deutsch spreche. Obwohl Deutsch ihre Muttersprache ist. So bekam sie das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen und nicht dazuzugehören. Das zeigt sich im Songtext, wenn es etwa heißt „Zu dunkel für das eine Land / zu weird für das zweite". Die titelgebenden „gemischten Gefühle" sind nach wenigen Sekunden eindrücklich zu hören. Sie zeigen sich durchgehend in der Mischung aus Englisch und Tiroler Dialekt.

Ich will nur, dass die Leute mehr darüber nachdenken, was sie bei anderen auslösen können. Und hoffentlich nicht mehr zu fünfjährigen Kindern sagen: ‚Wo kommst du her? Du kannst doch nicht aus dem Ötztal sein.'
Nenda (Künstlerin) über die häufig gestellte Frage „Wo man eigentlich herkommt"

Dabei möchte sie eine „Verwirrung" ausdrücken, „wenn man einfach nicht so aussieht wie die meisten Leute um einen herum." Gleichzeitig hätten Menschen mit karibischen oder afrikanischen Wurzeln in England ein ganz anderes Selbstbewusstsein. Viele würden das komplett in sich haben und sich über ihre Herkunft auskennen, so reden und so tanzen. „Ich sehe zwar so aus wie diese Leute, aber habe keine Ahnung davon".

Bei diesem Gefühl spricht sie von einem „Kulturschock von beiden Seiten": „In dem Land, wo ich aufgewachsen bin, meinen die Leute ich bin nicht von hier. Und im anderen Land, wo ich so aussehe wie die Leute, weiß ich nichts darüber", sagt sie. Das Suchen nach der eigenen Identität sei dabei besonders schwierig. Und das möchte sie mit dem Song in Worte fassen.

Alltagsrassismus und „Woher kommst du eigentlich?"

Für People of Colour oder Menschen mit Migrationshintergrund ist die Frage, „woher man eigentlich kommt" besonders störend. Die deutsche Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Ngyuen-Kim behandelte auf ihrem YouTube-Kanal MaiLab bereits den schmalen Grat „zwischen Rassismus und Neugier".

Davon weiß Nenda viel zu erzählen, was sie auch im Song verpackte: „weil mi die Leit fragen wo meine Wurzeln sein / und's mir dann nit glaben wenn i sag' im Ötztal drein."

Nenda bei der Aufnahme ihrer Debütsingle „Mixed Feelings".
© Rachel Lemon

Früher sei es ihr peinlich gewesen, wenn sie mit der Frage der eigenen Herkunft konfrontiert wurde. Mittlerweile empfindet sie es als störend. „Weil es einfach ein sehr persönliches Thema ist und das nicht jeden etwas angeht", meint Nenda. Außerdem ist es für sie diskriminierend, wenn Personen ihr dann das Gefühl geben, nicht dazuzugehören. „Wer sagt wie Österreicher ausschauen?"

Dieser Alltagsrassismus habe sie immer schon begleitet. Ihr sei zwar bewusst, dass viele das nicht rassistisch meinen würden. Aber es löse ein unangenehmes Gefühl aus. Stattdessen plädiert Nenda für mehr Dialog und dafür, sich selbst und die eigenen Vorurteile kritisch zu hinterfragen: „In unserer Kultur wird es wenig besprochen und daher müssen wir mehr darüber reden."

In den Alpen als „Doja Cat von Tirol"

Trotz der Erfahrungen mit Rassismus in Österreich ist sie froh hier aufgewachsen zu sein. „Ich bin stolz darauf, dass ich aus dem Ötztal und aus den Bergen komme", meint Nenda. Vor allem bedeute es für sie, „die Heimatlieder singen und Schnaps mit meinem Opa trinken zu können".

Bilder von Heimat spielen im Musikvideo auch eine besondere Rolle. Die Künstlerin tanzt in der freien Natur und singt auf einer Wiese von Schafen oder neben Blasmusikern. Sie spaziert mit ihren „mixed chicks", wie sie ihre Freundinnen musikalisch umschreibt, im Dirndl durch Innsbruck. Dabei zeigt sie nicht nur bei der früheren Talstation der Hungerburgbahn, wie die Grenzen zwischen Jung und Alt, Innovation und Tradition verschwimmen.

Auch stilistisch verschmelzen die Genres zwischen englischsprachigem Pop und heimischer Mundartdichtung. Konkrete Einflüsse für den Song habe sie keine. Aber sie höre gern Kendrick Lamar, Nicki Minaj, Cardi B oder Doja Cat. „Das hat natürlich sehr wenig mit Tirol zu tun. Aber ich dachte mir ich bin die Doja Cat von Tirol", sagt sie schmunzelnd im Gespräch.

Ich habe es wichtig gefunden, dass Tirol sieht, dass es uns „mixed race"-Frauen gibt. Es gibt viele von uns und wir sind alle Tirolerinnen. Wir müssen uns nicht erklären und sagen, warum wir hier gelandet sind.
Nenda über ihre Dirndln im Musikvideo

Als „mixed race"-Person könne sie es niemandem recht machen. Daher wollte sie genau das Verkehrte: ländliche Kleidung in der Stadt und Urban Style in der Natur. Vor allem möchte sie dadurch ein Zeichen setzen: „Ich habe es wichtig gefunden, dass Tirol sieht, dass es uns ‚mixed-race'-Frauen gibt. Es gibt viele von uns und wir sind alle Tirolerinnen."

Vorbild für andere sein

Mit dem Song trifft sie den Zeitgeist der Gegenwart. Ob etwa die Protestbewegung Black Lives Matter gegen Rassismus viel verändert hat, sei für sie schwer einzuschätzen. „Die Menschen reden mehr darüber, vor allem in Sozialen Medien", begrüßt Nenda nicht zuletzt auch die friedlichen Demonstrationen hierzulande. Gleichzeitig hofft sie darauf, dass es nicht nur ein kurzer Trend ist und es auch abseits der Posts auf Instagram, TikTok und Co. ein Thema bleibt.

Denn mit mehr Sichtbarkeit und Vielfalt in der Gesellschaft gebe es auch mehr Vorbilder für Kinder und Jugendliche. Dabei spricht sie aus eigener Erfahrung: „Mit 15 stieß ich das erste Mal auf jemanden, der so ähnlich aussah wie ich", erzählt sie von Rihanna im Bravo-Magazin. „Ich wusste nie, was ich mit meinen Haaren machen sollte." Daher möchte sie mit ihrer Kunst und ihrer Musik für junge Menschen ein Vorbild sein. „Du musst keine Fragen beantworten, die dir ein unangenehmes Gefühl bereiten. Und du musst dir nicht die Haare glätten", rät sie allen „mixed-raced-chicks".

Ihre Debütsingle über die „gemischten Gefühle" ist dafür ein Anfang. So berichtet sie von ersten Reaktionen von einem Mädchen, das nicht genug vom Video bekommen könne und sich selbst darin wiederfinde. Allzu schnell wird Nenda von der Musik wohl auch nicht genug bekommen. Laut der Künstlerin soll es auf jeden Fall weiter gehen. Ob im Dirndl oder Doja Cat Outfit, ob im Dialekt oder mehrsprachig – vielfältig wird es allemal.


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