„Käfig der Angst“: Presse zu Flugverboten wegen Virus-Mutation

Internationale Tageszeitungen kommentieren am Montag die in Großbritannien aufgetretene Mutation des Covid-19-Erregers und die daraufhin verhängten Einreiseverbote aus Großbritannien in mehrere Länder.

Symbolbild.
© BEN STANSALL

„La Repubblica“ (Rom):

„Wir hatten es nicht vorausgesehen. Gerade als die Kennzahl der Ansteckungen sinkt, da kommt die unerwartete englische Mutation, die die Geschwindigkeit der Infektion und damit auch die Gefahr erhöht, und uns wieder im Käfig der Angst gefangen nimmt, was noch nicht vorüber zu sein scheint. Die Daten des abendlichen Kriegsberichts mit den Ansteckungszahlen und den Toten sind das tägliche Maß des Schlechten geworden, ein öffentlicher Test unserer Widerstandsfähigkeit, und sie quetschten uns in eine verengte Aussicht, reduziert auf einen Tag zum nächsten Tag, als ob wir unfähig geworden wären, weiter als bis dorthin zu blicken. (...)

Der Infektionserreger ist auch ein sozialer Erreger. Er hat unsere Gewohnheiten, Lebensstil, die zwischenmenschlichen Beziehungen geändert und zusätzlich wichtige Bestandteile angegriffen, wie die Arbeit, Produktion, Schule, den Handel und die Wirtschaft. Das wirkt sich räumlich aus in einem Reiseverbot, in den Sicherheitsabständen, die anzeigen, dass die Gefahr von jedem von uns und anderen ausgehen kann, in der Isolation als Endform der Verteidigung und trennt uns von der Gesellschaft.“

„Le Figaro“ (Paris):

„Nach diesem langen Jahr des Kampfes gegen das Coronavirus hätte Ende Dezember endlich eine glückliche Zeit eintreten sollen. Eine, in der Europa die Markteinführung des ersten Impfstoffs gegen Covid-19 erlaubt. Ein Impfstoff, der glücklicherweise nicht nur extrem wirksam, sondern auch frei von schweren Nebenwirkungen ist. (...) Aber die Entdeckung einer neuen Variante des Virus, die sich wie ein Lauffeuer im Süden Englands ausbreitet (...), wirft einen dunklen Schatten auf das Jahresende.

Auch wenn es immer noch viel Unklarheit über die genaue Wirkung dieser Mutationen gibt, zögerten viele europäische Länder (...) nicht, die Verkehrsverbindungen zu Großbritannien auszusetzen. (...) Wird das ausreichen, um eine Ausbreitung der Variante auf dem Kontinent zu verhindern? Das weiß niemand. Aber keiner wird den europäischen Ländern vorwerfen, angesichts dieser neuen potenziellen Bedrohung entschlossen gehandelt zu haben.“

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„Times“ (London):

„In Großbritannien bedarf es nun einer herkulischen Anstrengung, um die kommenden Wochen und Monate zu bewältigen. Es gibt kein Entrinnen: Das mutierte Virus hat die meisten europäischen Länder dazu gebracht, jegliche Einreise aus Großbritannien zu verbieten, sei es per Zug, Schiff oder Flugzeug. Die Polizei ist bereits im Einsatz, um einen Massenexodus aus der Hauptstadt und ihrer Umgebung in relativ sichere Gebiete zu verhindern. Das ist ein diktatorischer Schritt, den nur die extremsten Umstände rechtfertigen können. Der Fokus aller muss auf verantwortungsbewusstem Verhalten liegen, verbunden mit der dringenden Hoffnung, dass der in Oxford entwickelte Impfstoff so schnell wie möglich zugelassen wird. Wenn es schon ein einsames Weihnachtsfest sein soll, dann wenigstens ein sicheres.“

„Guardian“ (London):

„Der wichtigste Weg, um das Auftreten neuer Mutationen zu reduzieren, ist die Eindämmung der Ausbreitung des Virus. Zum dritten Mal innerhalb eines Jahres weigerte sich die Regierung, den Tatsachen ins Auge zu sehen und notwendige Maßnahmen zu ergreifen, bis es viel zu spät war. Diese Verzögerungen haben nicht nur Tausende Menschenleben gekostet, sondern insgesamt auch das Vertrauen in die Behörden erschüttert, das notwendig ist, um die Einhaltung der Vorschriften zu verbessern. Dies ist umso frustrierender, als die Einführung des Impfstoffes neue Hoffnung versprach.

Angesichts der zunehmenden Ansteckungsgefahr muss Boris Johnson mehr denn je für ein effektives Test- und Rückverfolgungssystem sorgen und ein angemessenes System zur Unterstützung der Menschen bei der Selbstisolierung entwickeln. Der Premierminister sollte auch mit einem gut finanzierten Plan aufwarten, um Schulen sicher zu machen. Ohne diese Maßnahmen hat Johnson nicht den Hauch einer Chance, dem monatelangen Fegefeuer des Lockdowns zu entkommen.“

„De Telegraaf“ (Amsterdam):

„Der Vormarsch einer mutierten britischen Variante des Coronavirus, die viel ansteckender ist, lässt das Schlimmste befürchten. Bisher gibt es zwar keine Anzeichen dafür, dass diese neue Variante den Krankheitsverlauf verstärkt oder dass die Impfstoffe dagegen weniger wirksam sind. Das hohe Maß an Infektiosität ist jedoch besorgniserregend. Da ist es logisch, dass Maßnahmen ergriffen werden, um Einreisen aus dem Vereinigten Königreich möglichst zu verhindern. Die Frage ist nur, inwieweit das noch helfen wird, nachdem die neue Variante bereits in den Niederlanden und einigen anderen Ländern aufgetaucht ist. Unklar ist auch, wie lange dieser Corona-Mutant auch bei uns schon zuschlägt.“ (dpa)


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