Kindermorde im Ötztal: Vater legte Geständnis ab, Motiv Überforderung

Nach dem Mord an zwei Kleinkindern in Längenfeld hat der 28-jährige Vater am Dienstag die Tat gestanden. Die Obduktion ergab, dass die Mädchen sowohl erstickt als auch erwürgt wurden. Als Motiv nannte der Vater familiäre und berufliche Überforderung.

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Ein Polizeibeamter untersucht den Tatort der entsetzlichen Gewalttat in einem Doppelhaus in Längenfeld. Zwei kleine Mädchen sind tot, der Vater hat die Morde gestanden.
© LIEBL Daniel | zeitungsfoto.at

Von Thomas Hörmann

Längenfeld – Ja, er sei es gewesen, er habe seine Kinder getötet: Bei seiner ersten Einvernahme in einer Oberländer Polizeiinspektion gab ein 28-jähriger Längenfelder am Dienstag unumwunden zu, für den Tod seiner kleinen Töchter (neun Monate und zwei Jahre alt) verantwortlich zu sein. „Der Verdächtige war umfassend geständig. Er gab an, persönlich, familiär und beruflich überfordert gewesen zu sein“, beschreibt Katja Tersch, Leiterin des Landeskriminalamtes das Motiv. Der Ötztaler wirkte bei der Befragung durch die Beamten des Landeskriminalamtes „normal, Hinweise auf eine psychische Erkrankung haben wir nicht festgestellt“, so Tersch weiter.

📽️ Video | Vater gesteht Mord an zwei kleinen Mädchen

Bereits am Dienstagvormittag haben Innsbrucker Gerichtsmediziner die Leichen der beiden Kinder obduziert. Das Ergebnis deckt sich mit dem ersten Eindruck, den die Polizeibeamten am Montagnachmittag am Tatort in Längenfeld gewonnen haben: „Beide Mädchen wurden erwürgt und mit Polstern erstickt“, sagt Tersch. Auch die Tatzeit konnte bei der Untersuchung eingegrenzt werden: „Die Kinder starben bereits am Montagvormittag“, so die LKA-Chefin. Bis der Vater seinen Suizidversuch unternahm, dürften noch mehrere Stunden vergangen sein. „Wir gehen davon aus, dass er sich erst kurz vor dem Eintreffen der Polizei das Leben nehmen wollte“, erklärt Tersch.

Mutter rief mehrfach an

Wie bereits berichtet, war die Ehefrau des Beschuldigten an ihrem Arbeitsplatz, als ihre Kinder starben. Der Vater hatte frei und sollte die Mädchen beaufsichtigen. „Die Mutter der Kinder hat am Montag mehrfach bei ihrem Mann angerufen, ihn aber nicht erreicht“, beschreibt die LKA-Leiterin den Ablauf. Schließlich habe sich die Frau Sorgen gemacht und die in der Nachbarschaft wohnhafte Schwester gebeten, im Haus vorbeizuschauen. Die Schwester war es dann auch, die die schreckliche Entdeckung machte. „Sie hat die Mutter der Kinder verständigt, die in der Folge die Polizei alarmierte“, sagt Tersch.

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Gegen 15.30 Uhr trafen die ersten Beamten beim Haus in einem Weiler oberhalb von Längenfeld ein. In den Kinderzimmern entdeckten die Polizisten die leblosen Mädchen. Die Notärzte konnten nur noch den Tod der Kinder feststellen. Der Vater lag mit schweren Verletzungen in der Badewanne. Es bestand zunächst sogar Lebensgefahr, der 28-Jährige war für die Polizisten bereits nicht mehr ansprechbar. Er wurde von den Einsatzkräften ins Krankenhaus nach Zams gebracht. Dort konnten die Ärzte bis zum Abend seinen Zustand stabilisieren, die Lebensgefahr war gebannt.

Keine polizeiliche Vorgeschichte

Weitere Nachforschungen in den Polizeiarchiven bestätigte am Dienstag den ersten Eindruck vom Montag: Der Beschuldigte bzw. seine Familie haben aus polizeilicher Sicht eine weiße Weste. Die Beamten wurden nie zu familiären Auseinandersetzungen gerufen, es musste in der Vergangenheit auch kein Betretungsverbot gegen den 28-Jährigen verhängt werden. Aus Sicht der Angehörigen gab es im Vorfeld auch keine Anzeichen für die Probleme des Vaters, die nach seiner Darstellung letztendlich die Gewalttat ausgelöst haben. Für den Verdächtigen gilt die Unschuldsvermutung.

Immer wieder Kinder als Opfer

Die Tragödie von Längenfeld ist kein Einzelfall. In der Vergangenheit sorgten immer wieder Fälle in Tirol für Entsetzen, bei denen Eltern ihre Kinder töteten:

➤ So hat vor neun Jahren eine Innsbruckerin ihre siebenjährige Tochter in der Badewanne ertränkt. Die Frau litt an Wahnvorstellungen und sprach von einer inneren Stimme, die ihr zur Tat geraten habe. Sie wurde in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen.

➤ Ein Jahr später war es ein Vater in Thiersee, der seine Söhne (13 und 23) mit einem Messer erstach und sich das Leben nahm.

➤ Bereits 2001 ist in Innsbruck ein dreijähriger Bub verschwunden. Die Suche endete ergebnislos. Tage später gestand der Vater, das Kind erwürgt und in der Sillschlucht begraben zu haben.

➤ Das wohl schlimmste Gewaltverbrechen ereignete sich 1997 in Langkampfen. Kurz nach der Scheidung tötete ein Mann seine Ex-Frau und die vier Kinder (zwei bis sechs Jahre alt).

„Das ganze Dorf steht unter Schock“

Nach dem Gewaltverbrechen brennt im Gemeindeamt von Längenfeld eine Trauerkerze.
© Paschinger

In der Gemeinde Längenfeld sorgt die Gewalttat für Entsetzen und Trauer. Der Bürgermeister Richard Grüner betonte, dass gegenüber den beiden betroffenen Familien „tiefste Verbundenheit herrscht“. „Das ganze Dorf steht unter Schock“, meinte Bürgermeister Richard Grüner. Auch weil sich der 28-jährige Verdächtige unauffällig verhalten habe, wie es aus dem Ort heißt. Er sei in die Gemeinschaft gut eingebunden und im Vereinsleben aktiv gewesen, habe sich an Veranstaltungen beteiligt. Der Einheimische sei einer geregelten und gut bezahlten Arbeit nachgegangen, für alle, denen er bekannt war, sei die Tat völlig unverständlich und unerwartet passiert, wird erzählt. Offensichtlich habe nichts darauf hingedeutet.

An dem Großeinsatz am Montag waren neben der Polizei drei Hubschrauber, mehrere Rettungs- und Notarztteams sowie das Kriseninterventionsteam mit sechs Mitarbeitern beteiligt. Noch am Nachmittag übernahmen die Mitarbeiter des Kriseninterventionsteams die Betreuung der verzweifelten Angehörigen.

☎️💻 Hier finden Sie Hilfe

Wenn Sie oder eine Ihnen nahestehende Person von Suizidgedanken betroffen sind, finden Sie hier Hilfe:

Die Telefonseelsorge ist unter 142 kostenfrei rund um die Uhr jeden Tag erreichbar. Die Beratung ist vertraulich. Mail- und Chatberatung: www.onlineberatung-telefonseelsorge.at

Rat auf Draht: kostenloser Notruf für Kinder und Jugendliche, Tel. 147 (ohne Vorwahl) rund um die Uhr, https://www.rataufdraht.at/

Pro mente: https://promente-tirol.at/de/

Psychiatrische Ambulanz der Innsbrucker Klinik: Tel. +43 (0)50 504 23648

Notaufnahme des MZA, Anichstraße 35, Innsbruck Tel. +43 (0)50 427 057

Psychosozialer Dienst in Hall in Tirol: www.psptirol.org, Tel. +43 (0)52 2354 9 11

Kriseninterventionsdienst des Roten Kreuzes: Notruf 144


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