Kein Sieg und kein Podestplatz: Die Baustellen im ÖSV-Adlerhorst

Österreichs Skispringer fliegen bei der Vierschanzentournee den eigenen hohen Ansprüchen hinterher. Vor dem Finale in Bischofshofen (Qualifikation heute 16.30/TT.com-Live-Ticker) gibt es Verbesserungspotenzial.

Die ÖSV-Adler sind im Anflug auf Bischofshofen. Bei der vierten Tournee-Station hofft Stefan Kraft, dass er endlich befreit drauflosspringen kann: „An der Motivation wird es garantiert nicht scheitern!“
© GEPA pictures/ Patrick Steiner

Corona wirbelte viel Staub auf

Die erste positive ÖSV-Corona-Meldung am 25. November 2020 kam einem Knockout im Boxen gleich. „Es hätte von vorneherein einen Plan B gebraucht: Wie gehen wir mit den Rhythmusunterbrechungen um, damit sie uns nicht aus dem Konzept bringen?“, erklärt der ehemalige ÖSV-Cheftrainer und TT-Kolumnist Alexander Pointner. Corona sorgte für eine nachhaltige Störung im Adlerhorst. Der ÖSV kündigte Co-Trainer Robert Treitinger, weil dieser Corona-Regeln missachtet hatte. Ein offener Brief der Athleten an die ÖSV-Führung mit der Bitte um Verbleib Treitingers verfehlte die erhoffte Wirkung. „Wir wollen uns auf das Sportliche konzentrieren“, gab Chefcoach Andreas Widhölzl als Devise aus. Nachdem Michael Hayböck bei der Skiflug-WM mit Platz vier aufzeigen konnte, versuchten die ÖSV-Adler bei der Tournee bisher vergeblich, in den Rhythmus zu finden. Bei den Weltcups in Ruka und Nischnij Tagil schickte der ÖSV ein „Not-Team“ ins Rennen, bei der Tournee die Besten – aber Corona-Nachwehen sind immer noch spürbar. (ben)

Kraft trägt einen schweren Rucksack

Das Bergiselspringen war für Stefan Kraft erst der vierte Wettkampf in dieser Saison. Dem (einzigen) Zugpferd im ÖSV-Team macht neben seiner Corona-Infektion vor allem eine Verspannung im Rücken zu schaffen. Kraft verpasste die Skiflug-WM, bei der Tournee fehlt ihm die Konstanz. Auf Rang sechs in Oberstdorf folgten der Absturz in Garmisch (Rang 28) und die Wiederauferstehung in Innsbruck (8.). „Es ist an der Zeit, neue Leader gezielt aufzubauen und die Last zu verteilen“, sagt Alexander Pointner. Die Adler werden an den Erfolgen der Vergangenheit gemessen, sieben Tournee-Gesamtsiege in Serie (2009–2015) sind ein schwerer Rucksack. Der Erwartungsdruck hemmt die Adler beim Abheben. Die Zeiten, als sich Thomas Morgenstern und Gregor Schlierenzauer gegenseitig anspornten, sind vorbei. Der Stubaier Rekordweltcupsieger Schlierenzauer, der am 7. Jänner 31 Jahre alt wird, wartet seit sechs Wintern auf einen Sieg. Im ÖSV-Team bindet er viel Energie und Ressourcen an sich, der „Output“ lässt derzeit zu wünschen übrig. (ben)

Tournee deckt technische Fehler schonungslos auf

Vom viel zitierten „Flow“ sind Österreichs Springer derzeit weit entfernt. „Im Wettkampf passieren Fehler, weil mit zunehmendem Druck das Körpergefühl und die Anpassungsfähigkeit verloren gehen“, erklärt Alexander Pointner das Phänomen. Um das zu verhindern, gäbe es im Spitzensport genügend erprobte Möglichkeiten. Beim langen Anlauf in Bischofshofen ist es besonders wichtig, in der Anfahrtshocke die Balance zu halten. Kleine technische Fehler wirken sich stärker aus. Bei Philipp Aschenwald ist der „Systemschluss“, das Umschalten vom Sprung in die Flugphase, noch ausbaufähig, bekrittelt An­dreas Goldberger. „Man braucht ein Erfolgserlebnis, dann fängt das Ganze zum Laufen an“, weiß Aschenwald. Zu viel Nachdenken ist nicht gut, lautet eine alte Skisprung-Weisheit. (ben)

Aschenwald und Huber fehlt das Sieger-Gen

Ein Podestplatz in der Tournee-Gesamtwertung scheint außer Reichweite. Der Zillertaler Philipp Aschenwald liegt als bester ÖSV-Athlet auf Platz neun. Zum siebenten Mal in Folge reichte es bei einem Tournee-Hauptbewerb nicht fürs Stockerl. Während Aschenwald in Oberstdorf die Quali gewann und der Salzburger Daniel Huber in Innsbruck als Quali-Zweiter aufzeigte, warten beide noch auf den ersten Weltcupsieg. Die Wettkampfschwäche und das fehlende Sieger-Gen sind derzeit das große Manko im Adlerhorst. Mario Stecher, der sportliche Leiter Nordisch im ÖSV, attestiert beiden Athleten enormes Potenzial. „Es braucht ein Mentalkonzept, wie sich die Athleten gezielt auf Großereignisse wie die Tournee oder die WM in Oberstdorf vorbereiten können“, rät Alexander Pointner. (ben)

Zurückhaltung statt Kampfansage

Die Tournee rund um den Jahreswechsel hat ein Alleinstellungsmerkmal. Diese Bühne zu nutzen, ist aber nicht jedermanns Sache. Der neue ÖSV-Cheftrainer Andreas Widhölzl, von Natur aus ein ruhiger Typ, lässt bisweilen die Präsenz eines Anführers am Trainerturm vermissen. Interview-Anfragen beantwortet er zurückhaltend. Auf eine Kampfansage vor dem Heimspringen am Bergisel verzichtete der 44-jährige Tiroler komplett. Widhölzl blieb gestern der ÖSV-Video-Pressekonferenz fern und schickte Stefan Kraft ins Feld. Ein falsches Zeichen, meint Alexander Pointner: Weder im Springer-Team noch in der ORF-Berichterstattung herrsche Krisenbewusstsein. „Alles wird positiv eingefärbt. Nur wenn man sich einer Krise stellt, hat man die Chance auf Veränderung.“ (ben)

Polen befindet sich im Siegesrausch

Drei Skisprung-Nationen naschen in diesem Winter regelmäßig vom Weltcup-Kuchen. Die Polen stehen dank Kamil Stoch vor dem dritten Tournee-Sieg in vier Jahren, Titelverteidiger Dawid Kubacki ist der erste Verfolger. Norwegen stellt mit Halvor Egner Granerud den Führenden im Weltcup und holte Team-Gold bei der Skiflug-WM in Planica. Bei Deutschland legte Skiflug-Weltmeister Karl Geiger in Oberstdorf mit dem ersten Tournee-Tagessieg seit fünf Jahren nach. Mit Anze Lanisek landete am Bergisel auch wieder ein Slowene am Podest, die internen Probleme (Trainerwechsel) scheinen überwunden. Österreich hält in dieser Saison bei einem Team-Sieg und zwei Podestplätzen durch Daniel Huber. Alexander Pointner ist überzeugt: „Die ÖSV-Adler könnten mit allen anderen mithalten!“ (ben)

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