Viren-Varianten erfordern Konsequenz bei Kontaktreduzierung

Gegen die neuen SARS-CoV-2 Varianten sind die alten Methoden die einzige Option, sind sich viele Experten einig. Ein gemeinsames, europäisches Vorgehen wird gefordert.

Symbolbild.
© TOLGA AKMEN

Wien – Wegen der neuen, ansteckenderen SARS-CoV-2 Varianten sollte man Lockdowns konsequenter einhalten als zuletzt und die persönlichen Kontakte reduzieren – „auch wenn es weh tut", erklärten Experten am Freitag vor Journalisten. Sie bergen keine neuen medizinischen Herausforderungen, wohl aber politische, wie man die Leute motivieren kann, die Maßnahmen einzuhalten, um das Infektionsgeschehen einzudämmen, meinten sie.

Kein höheres Risiko für schwere Krankheitsverläufe

Die gute Nachricht ist: „Es gibt keinen Hinweis, dass die neuen Virusvarianten ein anderes Krankheitsbild hervorrufen", erklärte Isabella Eckerle von der Abteilung für Infektionskrankheiten der Universität Genf (Schweiz) in dem vom Science Media Center (SMC) Deutschland organisierten Online-Pressegespräch. Sie brächten laut der bisherigen Daten kein höheres Risiko für schwere Krankheitsverläufe und eine höhere Rate an Todesfällen.

Es sei aber „Grund zur Besorgnis", dass sich zum Beispiel die „B.1.1.7 Variante" im Südosten Englands trotz Lockdown und recht strenger Maßnahmen schnell ausbreitete. Laut Modellrechnungen ist sie um rund 50 Prozent ansteckender. „Wenn sie sich auch bei uns durchsetzt, hätten wir ein Problem, weil wir schon mit der Ausbreitung der aktuellen Varianten nicht gut zurechtkommen", sagte sie.

Manche Experten mutmaßen, dass die neue Coronavirus-Variante vermehrt Kinder infiziert, doch dies hält die Expertin aufgrund der bisherigen Daten für unwahrscheinlich. In England gab es einen Lockdown mit offenen Schulen, es sei daher kein Wunder, wenn vor allem Kinder betroffen sind. Bisher wurden Kinder zu wenig erfasst, weil sie oft einen milden Verlauf haben und deshalb zu selten getestet wurden. Dass Schulen und Kinder keine Rolle beim Infektionsgeschehen spielen, sei von der Wissenschaft hinreichend widerlegt. Nun würde auch bei ihnen vermehrt getestet, und dadurch steigt die Zahl der bekannten Fälle bei Kindern.

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Unklare Ursache für Mutation

Was die Mutationen in der „B.1.1.7 Variante" und der zuerst in Südafrika nachgewiesenen „B.1.351 Variante" beim Virus bewirken, sei unklar. Für den Wiener Mikrobiologen Andreas Bergthaler vom Forschungsinstitut für Molekulare Medizin (CeMM) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) gäbe es mehrere mögliche Szenarien: „Es könnte sein, dass sich die Infektionsintervalle verkürzen und die Viren schneller weitergegeben werden, oder die Viren dadurch effektiver sind und weniger Keime für eine Infektion übertragen werden müssen", meint er.

Das Besondere an diesen beiden SARS-CoV-2 Varianten ist, dass sie relativ viele Mutationen in recht kurzer Zeit angesammelt haben, berichtet Richard Neher vom Biozentrum der Universität Basel (Schweiz). Er beobachtet die Evolution und das Mutationsgeschehen bei den Coronaviren seit dem Ausbruch der Pandemie in Europa. Im Schnitt würden sie zwei Mutationen pro Monat ansammeln. Im Vergleich zur Größe ihres Erbguts sei dies so viel wie bei Grippeviren. Die B.1.1.7 und B.1.351 Varianten haben rund ein Dutzend Mutationen mehr, als man erwarten würde.

Möglicherweise haben sie sich in Personen mit schlechtem Immunsystem gebildet, die die Viren monatelang nicht losgeworden sind, so Bergthaler. Wenn sie sich nämlich für längere Zeit in einem Wirt aufhalten, könnten sich mehr Mutationen anreichern, als wenn sie stets von Menschen zu Menschen springen müssen.

Möglicherweise nicht die einzigen Mutationen

Mit größter Wahrscheinlichkeit gäbe es weltweit noch mehrere solche SARS-CoV-2 Varianten, doch in England und Südafrika wurden sie rasch entdeckt, weil es dort eine „ausgezeichnete Überwachung" durch häufiges Sequenzieren der Viren gäbe, so Neher: „Man sollte diese Länder deshalb nicht bestrafen, indem man diese Varianten ständig nach den Ursprungsländern benennt, nur weil sie diese so früh entdeckt und ausgezeichnet charakterisiert haben". In England würden zum Beispiel die Proben von fünf Prozent aller positiv getesteten Personen genauer analysiert, in Dänemark von zwölf Prozent, in Österreich lediglich von 0,3 Prozent, so Bergthaler.

Bei den Impfstrategien müsste sich wegen der neuen SARS-CoV-2 Varianten nichts ändern, erklärte er: „Es spricht vieles dafür, dass die Impfstoffe die Viren mit Mutationen auch abdecken." Außerdem könne man gerade bei RNA-Impfstoffen sehr flexibel nachbessern, wenn dies einmal nötig werde. Epidemiologisch würde es auch nicht ins Gewicht fallen, wenn sich herausstellt, dass neue Virusvarianten Personen noch einmal befallen können, die bereits eine Infektion durchgemacht und Antikörper gegen eine frühere SARS-CoV-2 Variante haben, denn es gibt noch lange keine „Herdenimmunität" in der Bevölkerung, so Eckerle.

Die Hauptgefahr der neuen Varianten bestehe durch eine mögliche schnellere Verbreitung der SARS-CoV-2 Viren durch diese Mutationen. Dann kommen die Gesundheitssysteme durch die höheren Fallzahlen schneller in Bedrängnis und mehr Leute sterben an der Krankheit.

Kontaktreduktion funktioniert bei weitem nicht so gut wie im Frühjahr

Die Methoden gegen die Ausbreitung der neuen Varianten wären die selben wie für die alten, nur sollte man sie konsequent einhalten, meint Eckerle: „Mobiltelefondaten zeigten uns ja kürzlich, dass die Kontaktreduktion bei weitem nicht so gut funktioniert wie im Frühjahr". Um das Infektionsgeschehen einzudämmen, müssten alle mitmachen. Eine „Bevölkerungsimmunität" durch Impfungen sei nicht vor dem Sommer zu erwarten.

„Wir können keine neuen Maßnahmen empfehlen, sondern nur, dass man die Maßnahmen, die wir schon seit März 2020 kennen, konsequent einhält", sagte Bergthaler. Zusätzlich müsse man die vulnerablen Personen schnell durch Impfungen schützen.

Außerdem plädieren die Experten für ein europaweites Vorgehen. Wissenschafter aus ganz Europa – unter anderem Thomas Czypionka vom Institut für Höhere Studien (IHS) in Wien und Peter Klimek vom Complexity Science Hub (CHS) Vienna - haben bereits Ende Dezember in einer Petition für einen „gesamteuropäische Strategie zur raschen und nachhaltigen Reduktion der COVID-19-Fallzahlen" aufgerufen (https://www.containcovid-pan.eu/).

Unter den mittlerweile fast tausend Unterzeichnern sind auch sehr viele österreichische Forscher. Sie fordern, dass alle Länder ähnliche Maßnahmen ergreifen, um das Virus einzudämmen. Ganz Europa bräuchte demnach einen koordinierten Lockdown. (APA)


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