Im Schatten der Pandemie: Vergessene humanitäre Krisen

Die Corona-Pandemie verdrängt andere Krisen aus den Nachrichten. Die Hilfsorganisation Care hat ausgewertet, über welche zehn humanitären Krisen 2020 am wenigsten berichtet wurde. Die meisten Hotspots befinden sich in Afrika südlich der Sahara.

Afrika südlich der Sahara: Jedes Jahr ein Krisen-Hotspot.
© Karin Schermbrucker / CARE

Burundi, Guatemala, Pakistan und die Ukraine haben eines gemeinsam: eine schwere humanitäre Krise mit mehr als einer Million dringend der Hilfe bedürfender Menschen, und es hat im vergangenen Jahr kaum einmal Journalisten interessiert. Zum fünften Mal hat die Hilfsorganisation Care am Dienstag den Bericht „Suffering in Silence“ über die zehn am wenigsten in Medien vorkommenden humanitären Krisen vorgestellt. Klar wurde dabei: Die Corona-Pandemie machte es noch schlimmer.

Gemeinsam mit dem Medienbeobachtungsdienst Meltwater analysierte Care 1,2 Millionen Online-Artikel, die im Zeitraum 1. Jänner bis 30. September 2020 erschienen sind. Ziel war es, die am wenigsten genannten Naturkatastrophen herauszufinden. Dafür wurden jene Länder identifiziert, in denen mehr als eine Million Menschen von Konflikten oder Naturkatastrophen betroffen sind.

Gegenüber den vorhergehenden Berichten gab es sowohl Konstanten als auch Neues. Eine traurige Konstante ist, dass die meisten Hotspots des Rankings auch heuer wieder in Afrika südlich der Sahara zu finden sind. In Burundi, wo 2,3 Millionen Menschen dringend humanitäre Hilfe benötigen und schon 2016/17 56 Prozent der Kinder unterentwickelt waren, herrscht die am wenigsten bekannt gemachte humanitäre Krise.

📽️ Video | Die vergessenen Krisen 2020

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Weitere Länder in Afrika südlich der Sahara sind die Zentralafrikanische Republik (Platz drei der am wenigsten in Medien vorkommenden Krisen), Madagaskar (Platz fünf), Malawi (Platz sechs), Mali (Platz acht) und Sambia (Platz zehn). Traurige Details: Die Krisen in der Zentralafrikanischen Republik oder in Madagaskar schaffen es praktisch jedes Jahr unter die zehn vergessenen Katastrophen. Für die westafrikanische Sahelzone gilt das gleiche, im Vorjahr war Burkina Faso angeführt.

Kaum berichtet wurde auch über Guatemala (Platz zwei), das sich laut dem Weltrisikobericht 2019 unter den zehn für Naturkatastrophen anfälligsten Ländern der Welt befindet und in dem 3,3 Millionen der 14,9 Millionen Einwohner auf humanitäre Hilfe angewiesen ist.

Humanitäre Krise vor den Toren der EU

Kaum bekannt gemacht wurde auch, dass sich eine schwere humanitäre Krise unmittelbar vor den Toren der EU abspielt, nämlich in der Ukraine (Platz vier). Grund dafür ist auch, aber nicht nur der Donbass-Konflikt. 3,4 Millionen Menschen waren auf humanitäre Hilfe angewiesen, wurde bereits vor dem Ausbruch der Pandemie geschätzt.

In der Ukraine sind Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen.
© CARE/OCHA/ M. LEVIN

Auf Platz sieben wurde Pakistan gereiht, das von Gewalt, Armut und Naturkatastrophen geplagt wird und dem die Corona-Krise besonders schwer zusetzte. Auf Platz neun landete Papua-Neuguinea in der Liste der am wenigsten erwähnten Krisen. Mehr als 4,6 Millionen Menschen, und damit über die Hälfte der Bevölkerung, war nach einer UN-Schätzung 2020 auf Hilfe angewiesen, nur 46 Prozent hatten Zugang zu sauberem Trinkwasser.

Die Folgen der Pandemie

Andrea Barschdorf-Hager, Geschäftsführerin von Care Österreich, sagte, dass zu Konflikten, Naturkatastrophen, dem Klimawandel und seinen Folgen, die Covid-Pandemie noch hinzugekommen sei. Eine der Folgen: „2021 brauchen mehr Menschen humanitäre Hilfe denn je.“ Die UNO schätzt die Zahl der Bedürftigen heuer auf 235 Millionen Menschen, eine Steigerung um 40 Prozent gegenüber 2020. Barschdorf-Hager wies auch auf die steigende Zahl chronischer Krisen hin.

Das Problem: Die wirtschaftlichen Zeiten mit steigenden Arbeitslosenzahlen und Menschen in Kurzarbeit werden härter, dabei benötigen Hilfsorganisationen wie Care mehr Mittel. „Wir brauchen einen enormen Zuwachs an Mitteln zum Kampf gegen die Folgen der Corona-Pandemie. Den größten Fehler, den wir machen könnten, wäre alles herunterzufahren und nur auf uns selbst zu schauen. Die Pandemie wird in einem oder zwei Jahren vorbei sein, aber es könnte sein, dass die Welt danach ganz anders aussehen wird.“

Barschdorf-Hager und Claudine Awute von Care Westafrika, die besonders auf die katastrophale Situation in Mali einging, nannten eine konkrete Auswirkung der Krise auf Schulkinder: In Österreich geht es um die Probleme von Kindern beim Distance Learning, in vielen Ländern mit humanitären Krisen fallen viele Kinder hingegen ganz aus dem Schulsystem, und das unwiederbringlich. Besonders Frauen und Mädchen sind betroffen. „In Mali werden 46 Prozent der Mädchen vor dem Abschluss des 18. Lebensjahres verheiratet“, schilderte Awute.

Die vergessenen Krisen 2020

Die Länder mit den zehn am wenigsten berichteten Krisen des Jahres 2020:

1. Burundi – 2,3 Millionen Menschen benötigen humanitäre Hilfe.

2. Guatemala – Zehn Millionen Menschen leben unterhalb der Armutsgrenze.

3. Zentralafrikanische Republik – Ein Viertel der Bevölkerung wurde vertrieben.

4. Ukraine – 3,4 Millionen Menschen benötigen humanitäre Hilfe.

5. Madagaskar – Fast die Hälfte der Kinder leidet wegen Mangelernährung unter Wachstumsverzögerungen.

6. Malawi – 2,6 Millionen Menschen brauchen Nahrungsmittelhilfe.

7. Pakistan – 49 Millionen Menschen fehlt es an ausreichend Nahrung.

8. Mali – 1,3 Millionen Menschen leiden Hunger.

9. Papua-Neuguinea – 4,6 Millionen Menschen benötigen humanitäre Hilfe.

10. Sambia – 2,6 Millionen Menschen brauchen Nahrungsmittelhilfe.


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