Unmenschliche Zustände auf Lesbos: „Das Allerschlimmste ist die Kälte"

Helferinnen berichten von katastrophalen Zuständen im Lager Kara Tepe. Es gebe keine Heizmöglichkeiten, selber zu kochen sei wegen Brandgefahr verboten. Der Appell an die Regierung lautet weiter, zumindest Familien mit Kindern zu evakuieren.

7500 Menschen harren im Lager Kara Tepe auf Lesbos aus.
© ANTHI PAZIANOU

Lesbos, Wien – 7500 Menschen, ein Drittel davon Kinder, harren bei Nachttemperaturen unter Null in ungeheizten Zelten aus. Sie dürfen nicht selber kochen und nur einmal pro Woche in begrenzter Zahl das Areal verlassen. Drei Helferinnen, die sich derzeit vor Ort befinden, berichteten am Dienstag in einer von der österreichischen Organisation B4HP (Bridges for Hope and Peace) arrangierten Videokonferenz über katastrophale Zustände im Lager Kara Tepe auf der griechischen Insel Lesbos.

Die Sozialmanagerin Sabine Sommerhuber: „Das Allerschlimmste ist die Kälte. Es gibt überhaupt keine Heizmöglichkeiten." Auch die wenigen, aus Generatoren gespeisten Stromanschlüsse im Lager dürften nicht für Heizgeräte benützt werden, so Sommerhuber. Ein großes Problem sei auch, dass die Menschen im Lager als Folge des Brandes im Lager Moria nicht selber kochen dürfen. Die Versorgung mit Lebensmitteln erfolge durch das griechische Militär und eine kleine lokale, „praktisch aus einem Ehepaar bestehende" NGO. Auch gebe es innerhalb des Lagers keinen Spielplatz für die Kinder.

„Kinder kriegen alles mit – von Missbrauch bis Messerstecherei"

Die Kinderärztin und Kinderpsychiaterin Michaela Fried arbeitet derzeit ehrenamtlich im Gemeinschaftszentrum „One Happy Family", das sich in rund 600 Meter Entfernung vom Lager befindet, und wohin sich Kinder und Eltern aus dem Lager wenden können, wenn sie es einmal in der Woche verlassen dürfen. Sie habe viel mit Albträumen, schlafwandelnden und bettnässenden Kindern zu tun, aber auch mit traumatisierten Eltern: „Wir sehen zum Teil sehr depressive Mütter." Diese könnten dann den Kindern nicht die Zuwendung und den Trost geben, die sie brauchen: „Die Eltern reden und die Kinder kriegen alles mit – vom Missbrauch bis zur Messerstecherei".

Tabletten gegen psychische Probleme oder Schlafschwierigkeiten könne sie hier nicht verschreiben. Der Medikamentenmissbrauch sei absehbar, berichtet Fried. Ihre Kinderpsychiaterkollegin Birgit Ulla Wurm beschreibt die seelische Lage der Menschen in Kara Tepe als „Pendeln zwischen Hoffen und Zermürbt werden." Immer wieder treffe sie Eltern, die die Hoffnung jedoch verloren hätten.

Hilfe aus Österreich lässt auf sich warten

Wenig Hoffnung auf baldige Hilfe aus Österreich hat Kollegin Michaela Fried: „Ich habe die Antwort des Bundeskanzlers gelesen, 'Wir helfen vor Ort'" – die versprochenen Wärmezelte gebe es jedenfalls in Kara Tepe bisher nicht. Es heiße, sie befänden sich noch am griechischen Festland, in Athen. Ihren Beitrag sieht Fried in der Bewusstseinsbildung in der Öffentlichkeit: „Vielleicht sät das ,Witnessing' Hoffnung".

Auf die Frage, was sie sich wünschen würden, wenn sie den ominösen Brief ans Christkind schreiben könnten, sagt Ulla Wurm, wenn sie einen großen Wunsch frei hätte, „dann würde ich mir wünschen, dass die Zustände für alle beendet werden." Unbedingt notwendig sei jedenfalls die Evakuierung von Familien mit Kindern. Zur Illustration dieser Forderung erzählt sie von einem Kind aus dem Lager, dass aus Angst begonnen hatte, überall ein Monster zu sehen. Als sie das Kind aufforderte, das Monster zu zeichnen, hätten das die Eltern unterbunden. Daraufhin habe das Kind gesagt: „Ich weiß, das Monster wäre weg, wenn wir nicht mehr im Lager wären". (APA)


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