Stich auf Arbeitskollegen im Zillertal war Mordversuch: 34-Jähriger verurteilt

War ein Messerstich im vergangenen Sommer im Zillertal ein Mordversuch? Das Opfer glaubte nicht daran, die Geschworen am Innsbrucker Landesgericht schon. Es ergingen elf Jahre Haft nicht rechtskräftig.

Der 34-Jährige wollte zum Schluss nicht einmal bewusst zugestochen haben. Das widersprach jedoch früheren Aussagen nach der Tat.
© Fellner Reinhard

Von Reinhard Fellner

Innsbruck, Fügen – Mordversuch, Notwehr oder unglücklich verlaufener Streit mit Körperverletzung? Diese diffizile Frage hatte am Mittwoch ein Schwurgericht unter dem Vorsitz von Richterin Helga Moser zu lösen. Sachverhalt und Prozessverlauf machten ein Urteil nicht einfach.

Elf Jahre Haft für Mordversuch ergingen nicht rechtskräftig.
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Mit lebenslanger Haft bedroht war ein 34-jähriger Tischler aus Polen. Mit Landsleuten hatte er bis zum 4. Juli im Zillertal Fertighäuser hergestellt. Dann ein Abend mit reichlich Bier und Wodka – und eine belanglose Streiterei, die es in sich hatte. War der 34-Jährige doch vom Vorarbeiter erst in den Rücken getreten und später so massiv mit Faustschlägen traktiert worden, dass daraus Brüche im Gesicht resultierten. Auch um sich zu säubern, rettete sich der 34-Jährige in die Unterkunft. Dort soll er allerdings von den teils schwer Alkoholisierten wiederum beschimpft worden sein. Darauf verschanzte er sich im Kücheneck erst mit einem Schneebesen.

Als weitere Kollegen hinzukamen, fühlte sich der Verletzte bedrängt und griff nach dem Küchenmesser in der Spüle. Ein 41-Jähriger, der einzig in der Nähe des 34-Jährigen stand, verspürte dann plötzlich ein Wärmegefühl. Das Messer (22 Zentimeter Klingenlänge) hatte sich zehn Zentimeter in den Bauch gebohrt. Laut der medizinischen Sachverständigen Marion Pavlic „ein ausgesprochenes Glück, dass keine inneren Organe verletzt worden waren“. Medizinerin Pavlic: „An sich ein Stich, mit dem Lebensgefahr verbunden ist. Dass das Opfer nie in konkreter Lebensgefahr war, ist absoluter Zufall!“

Opfer schüttelte Angeklagtem die Hand

Das Opfer sprach als Zeuge von einem „geschenkten zweiten Leben“. An eine Tötungsabsicht glaubte er nicht: „Er ist ein ruhiger, guter Mensch, er könnte das nie“, sagte er und schüttelte dem Angeklagten zum Abschied – trotz Corona – im Saal die Hand.

Der 34-Jährige wollte sich entgegen früheren Aussagen nicht einmal mehr sicher sein, ob er überhaupt bewusst zugestochen hatte. Wenig glaubhaft. Hatte er doch bislang immer betont, dass er sein Gegenüber mit dem Stich nicht töten wollte. Die extra aus Polen angereisten Zeugen waren da wenig Hilfe. Von „lange her“ bis „Filmriss“ reichte da die kolportierte Erinnerung.

Die Geschworenen sahen mit 6:2 der Stimmen letztlich weder einen Unfall beim Messerfuchteln noch Notwehr: Elf Jahre Haft für Mordversuch ergingen nicht rechtskräftig.


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