Covid-Früherkennung möglich: Daten aus dem Abwasser besser nutzen

Experten fordern, dass man Abwasseranalysen endlich stärker zur Früherkennung nutzt – man würde auch Mutationen schneller sehen. Die Daten sollten für die Bevölkerung transparent sein.

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Was im Abwasser landet – auch der Speichel vom Zähneputzen – gibt Mikrobiologen im Labor (kl. Foto) wertvolle Infos.
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Von Liane Pircher

Innsbruck – Der Datenstand des epidemiologischen Meldesystems zur Covid-19-Lage ist ein großer. Wer will, kann sich tagtäglich etwa über die Dashboards des Landes Tirol oder die AGES (Agentur für Ernährungssicherheit) rund ums Infektionsgeschehen informieren. Im Hintergrund laufen aber noch viel mehr Datenerhebungen, die nicht für die gesamte Bevölkerung ersichtlich sind – so gibt es auch seit Monaten ein Monitoring des Abwassers in Tirols Kläranlagen.

Das Land lässt flächendeckend nach ausgeschiedenem Virenmaterial suchen. Nicht nur in Ischgl oder zuletzt in Jochberg. Bereits seit Mitte April ist das Institut für Gerichtliche Medizin an der Medizinischen Universität Innsbruck dran. Der Corona-Krisenstab rund um Elmar Rizzoli bekommt diese Auswertungen und – so heißt es auf TT-Anfrage am Freitag – die Daten aus dem SARS-CoV-2-Abwasser-Monitoring würden nach wie vor für die Lagebeurteilung herangezogen werden. Das Monitoring würde wertvolle Daten liefern, mit welchem Trends erkannt, jedoch keine expliziten Prognosen erstellt werden könnten.

Die Abwasserdaten sind wertvoll, denn man weiß: Steigt die Virenlast im Abwasser, dann gibt es im Einzugsgebiet der Kläranlage eine Zunahme an Covid-19-Infizierten. Das lässt sich bereits messen, bevor die Betroffenen Symptome entwickeln oder auch dann, wenn nur eine geringe Virenlast vorhanden ist. Auf nationaler Ebene beschäftigt sich seit Monaten auch das Forschungsprojekt Coron-A mit Innsbrucker Beteiligung am Monitoring von Abwässern.

Das Team entwickelt seine bisherige Forschungsarbeit gerade zu einem fixen österreichweiten Prognosesystem und analysiert u. a. für Bregenz, Klagenfurt und Salzburg.

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Ähnlich wie bei den Testungen oder Impfungen habe sich hier in den letzten Monaten viel an Wissen angesammelt, erklärt der Mikrobiologe Heribert Insam: „Wir wissen jetzt, dass zwei Drittel der Infizierten eine Virenlast über Fäkalien ausscheiden, aber auch über den Speichel – etwa beim Zähneputzen gelangen Virenpartikel ins Kanalsystem.“

Insam plädiert dafür, dass man mehr Tempo machen könnte, wenn es darum geht, die Gesundheitsbehörden mit Abwasserdaten zu unterstützen: „Wenn es um die Früherkennung und neue Mutationen geht, kann man mit einer einzigen Abwasserprobe einen ganzen Querschnitt Tausender Menschen in einem Einzugsgebiet darstellen.“ In größeren Städten oder bei Abwasserverbänden am Land sei es machbar, auch Teilstränge des Kanalnetzes zu untersuchen, womit man Cluster auch Stadtbezirken oder Gemeinden zuordnen könne. Würden neue Herde „aufpoppen“, könnte man viel schneller reagieren. Denn Neuinfektionen sind mittels Abwasseranalysen bis zu sieben Tage vor einer klinischen Diagnose (gemeldete Fallzahlen durch Tests) zu sehen.

Das Konzept könnte vor allem in Zukunft gut genutzt werden, wenn Infektionszahlen nach unten gehen würden. Im föderalistischen Österreich gibt es aktuell allerdings keine einheitliche Vorgangsweise, was die Transparenz und Nutzung des Monitorings von Abwasser anbelangt. Das ist Ländersache. Für das nationale Monitoring gebe es demnächst grünes Licht für ein öffentlich zugängliches Dashboard, sagt Insam. In den Niederlanden seien solche Infoquellen bereits installiert.

Insam findet das gut, denn: „Ich würde mir wünschen, dass diese Daten für die gesamte Bevölkerung öffentlich zugänglich wären. Wenn die Menschen etwa sehen, dass in ihrem Einzugsgebiet die Daten im Abwasser kritisch sind, würden sie wahrscheinlich auch eher verstehen, wenn es in ihrer Region zu verschärften Maßnahmen kommt.“ Jetzt hinkt man oft hinterher.


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