Ibiza-Video: Erstes Interview des Detektivs schlägt Wellen in U-Ausschuss

Der in Deutschland inhaftierte Julian H. meldet sich erstmals per Interview zu Wort. Er beteuert, dass für das Video kein Geld geflossen sei. Den Versuch, es zu verkaufen, bestätigt er aber. Außerdem will er die Hofburg vorab über die Veröffentlichung informiert haben.

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Eine Szene aus dem legendären „Ibiza-Video".
© APA/Spiegel Online

Wien – Die am Mittwoch in mehreren Zeitungen erschienenen Interviews des Ibiza-Detektivs Julian H., der die Video-Falle gegen den ehemaligen Vizekanzler und FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache organisiert hatte, hat am Mittwoch für Aufregung im U-Ausschuss gesorgt. SPÖ-Fraktionsführer Jan Krainer sah darin eine „Bombe", die zu Konsequenzen führen werde. „Skandalöse Enthüllungen" ortete auch FPÖ-Fraktionsführer Christian Hafenecker.

Julian H. beklagt „konstruierte" Vorwürfe

Der in Deutschland inhaftierte Julian H. beteuert in den Interviews, dass für das Video kein Geld geflossen sei und beklagt „konstruierte" Vorwürfe. Den Versuch, das Video zu verkaufen, bestätigt er aber. Außerdem will er die Hofburg vorab über die Veröffentlichung informiert haben. Dort wird aber dementiert. Bestätigt wird nur ein Mail mit „vagen Andeutungen", das man routinemäßig ad acta gelegt habe.

Die Idee, den damaligen FP-Chef Heinz-Christian Strache mit verdeckten Aufnahmen aufs Eis zu führen, kam Julian H. nach eigenen Angaben gemeinsam mit dem Anwalt Ramin M. im Sommer 2016. Erste Versuche seien aber „amateurhaft" gewesen. Daher sei die Idee entstanden, über den Strache-Vertrauten Johann Gudenus und mit Hilfe einer falschen Oligarchennichte Zugang zum FP-Chef zu suchen.

Das Treffen in der mittlerweile berühmten Villa auf Ibiza empfand der Privatdetektiv nach eigenen Angaben zuerst als Fehlschlag: „Es war mehr das Gefühl von Misserfolg, weil es meine Ambition gewesen war, von Strache ein direktes 'Ich will das, dafür mache ich das' zu bekommen." Erstaunt habe ihn allerdings, wie unglaublich einfach es gewesen sei, Strache im Sommer 2017 in die Finca zu locken. Zumal Gudenus nach Angaben des Detektivs schon zuvor vor einer drohenden Videofalle gewarnt worden sei – und zwar aus dem Umfeld von VP-Chef Sebastian Kurz, dessen Partei wohl über einen Journalisten von den Plänen erfahren habe.

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Gudenus bestreitet Aussagen des Detektivs

„Ich wurde natürlich nie und von niemandem konkret vor dieser Videofalle gewarnt", bestreitet Gudenus gegenüber der APA die Aussagen des Detektivs. Allerdings habe es im Vorfeld der Nationalratswahl 2017 „ein eigenartiges Klima und Gerüchte" gegeben, „die an Strache und mich herangetragen wurden, dass diverse Fallen a la Silberstein gestellt werden könnten". Im Fall von Julian H. habe er dies aber ausgeschlossen, bedauert Gudenus. Auch beim Treffen selbst habe es keine Bedenken gegeben.

„Ansonsten bin ich zu Tränen gerührt", kommentierte Gudenus die Interviews mit H. und fügt ironisch hinzu: „Die Glaubwürdigkeit von diesem armen Hascherl bestreitet sicher niemand." Inhaltlich will der ehemalige Freiheitliche Spitzenpolitiker die Aussagen nicht weiter kommentieren, „da ich meine Infos von Anfang an mit den Ermittlungsbehörden geteilt habe".

Bestätigt wird von Julian H., dass der Anwalt Ramin M. versucht habe, das Ibiza-Video im Wahlkampf 2017 zu verkaufen – allerdings ohne Erfolg. Ziel sei gewesen, den von M. vertretenen Leibwächter Straches finanziell abzusichern, der bereits seit 2015 versucht habe, belastendes Material über den FP-Chef an den Mann zu bringen. Aus seinen Beständen stammen auch die Aufnahmen von Sporttaschen mit mutmaßlich aus Osteuropa stammendem Bargeld in Straches Auto. „Das Video wurde nicht verkauft", versichert H.

SPÖ und NEOS sehen Erklärung für Handeln der ÖVP

Für Krainer erschließe sich nun das Handeln der ÖVP, die seit Wochen und Monaten versuche, der SPÖ die Schuld in die Schuhe zu schieben, das Video in Auftrag gegeben zu haben. Dazu passe, dass Julian H. nun erkläre, dass ihm zwei Mio. Euro angeboten worden seien, wenn er fälschlicherweise behaupte, dass der Industrielle Hans Peter Haselsteiner oder die SPÖ etwas damit zu tun habe. Auch für NEOS-Fraktionsführerin Stephanie Krisper liegt der Konnex auf der Hand: „Genau das ist das Narrativ, an dem die ÖVP festhält." Auch am gestrigen Befragungstag mit dem ehemaligen SPÖ-Kampagnenchef Johannes Vetter und dem SPÖ-nahen Werber Nikolaus Pelinka habe die ÖVP versucht, dieses zu befördern. „Langsam" passe alles zusammen, so Krisper.

📽️ Video | Zikmund (ORF) über den Ibiza-U-Ausschuss:

Hafenecker will Van der Bellen in U-Ausschuss laden

Als „skandalöse Enthüllungen" bezeichnete auch Hafenecker die Interviews, wenn auch aus anderen Beweggründen. Für den Freiheitlichen ergibt sich dadurch ein Bild, dass es sich um einen „Staatsstreich" gehandelt habe. „Das sind Dinge, die wir nicht auf uns sitzen lassen können", so Hafenecker, der sich vor allem daran stößt, dass Julian H. zu Protokoll gab, dass er die Bundespräsidentschaftskanzlei vorab in Kenntnis gesetzt habe. Das bedeute, dass Bundespräsident Alexander Van der Bellen und sein enger Mitarbeiter Lothar Lockl informiert gewesen sind und sich „de facto offensichtlich mit einem Kriminellen zusammengetan" hätten. Und was habe Van der Bellen gemacht, er habe sich „eingebunkert", so Hafenecker: „Mehr ist nicht passiert."

Hafenecker will nun Van der Bellen und Lockl in den U-Ausschuss laden, um zu klären, was da vorgegangen sei. Denn Van der Bellen sei kein unparteiischer Präsident und mache Parteipolitik, kritisierte Hafenecker. Zudem hielten sich „hartnäckig" Gerüchte, dass es nach Information durch den Ibiza-Detektiv einen „terminlichen Ablauf" mit mehren Besprechungen in der Präsidentschaftskanzlei gegeben habe. Das könne man zwar nicht belegen, so Hafenecker, das wolle man aber Lockl und – wenn nötig – Van der Bellen fragen. Eine „weitere Tangente" sah Hafenecker darin, dass Julian H. behaupte, dass der Ex-FPÖ-Klubchef Johann Gudenus offenbar aus Kreisen der ÖVP vor einer Video-Falle gewarnt worden sei. „Woher hat die ÖVP das gewusst, was hat es mit der Warnung auf sich", will Hafenecker wissen.

Die Präsidentschaftskanzlei wollte auf Anfrage der APA keine Stellungnahme zu der von Hafenecker beabsichtigten Ladung des Bundespräsidenten abgeben.

Gerstl ortet „ÖVP-Bashing" und beschuldigt SPÖ

Weniger aufgeregt zeigte sich wiederum ÖVP-Fraktionsführer Wolfgang Gerstl, der darin abermals ein „ÖVP-Bashing" ortete. Denn bei den Befragungen tags zuvor habe sich klar gezeigt, dass die SPÖ bereits 2017 von der Existenz des Videos wusste und der ehemalige Parteichef Christian Kern spätestens 2018 darüber informiert gewesen sei. Einen Tag später habe er dann mit Strache gewettet, dass er länger Parteichef bleibe als dieser, so Gerstl: „Die SPÖ war lange bevor dieses Video veröffentlicht wurde, über den Sachverhalt informiert. Die Frage ist, warum hat sie es nie zur Anzeige gebracht." (TT.com/APA)


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