EU geht in die Offensive: Von der Leyen offen für „Sputnik"-Zulassung

Wenn die russischen und chinesischen Hersteller Transparenz zeigten und „alle Daten" zu Sputnik V offenlegten, könnten sie möglicherweise Zulassungen erhalten, so die EU-Kommissionschefin.

Der Einsatz von Impfstoffen wie Sputnik V werde auch in der österreichischen Impfstrategie „natürlich genau geprüft", hieß es aus dem Gesundheitsministerium.
© AFP/Kolesnikova

Brüssel – EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat sich nach Angaben aus Parlamentskreisen offen für eine mögliche Zulassung des russischen Corona-Impfstoffs in der Europäischen Union gezeigt. Wenn die russischen ebenso wie die chinesischen Hersteller Transparenz zeigten und „alle Daten" zu ihren Vakzinen offenlegten, könnten sie möglicherweise Zulassungen erhalten, wurde von der Leyen am Dienstag von EU-Parlamentariern zitiert.

EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen.
© REUTERS

Die Kommissionschefin hatte mit den Abgeordneten über die Corona-Lage gesprochen. Sie steht wegen Verzögerungen bei der Lieferung von Impfdosen an die EU-Staaten derzeit stark in der Kritik.

Auch die deutsche Kanzlerin Angela Merkel zeigte sich offen für eine Zulassung des russischen Impfstoffs Sputnik V. Jedes Vakzin sei in der EU „herzlich willkommen", sofern die EU-Arzneimittelbehörde EMA dies empfehle, sagte sie in der ARD-Sendung „Farbe bekennen".

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Einsatz anderer Impfstoffe will man in Österreich „genau prüfen"

In Österreich hieß es am Dienstag aus dem Gesundheitsministerium, man werde den Einsatz anderer Impfstoffe im Rahmen der österreichischen Impfstrategie „natürlich genau prüfen", sollte es zu weiteren Zulassungen in der EU kommen. Grundsätzlich sei der Bedarf an Impfdosen durch den gemeinsamen europäischen Beschaffungsprozess aber gut abgedeckt. Zuvor hatte FPÖ-Bundesparteiobmann Norbert Hofer Sputnik V als „eine Chance für Österreich". Es wäre es an der Zeit, Kontakt zu Russland aufzunehmen, „so wie es Ungarn bereits erfolgreich getan hat", betonte er.

Eine am Dienstag veröffentliche Studie hatte ergeben, dass Sputnik V zu mehr als 90 Prozent wirksam ist (siehe Factbox). Laut der von der britischen Fachzeitschrift The Lancet veröffentlichten Untersuchung schützte das Vakzin in der dritten und letzten Phase der klinischen Studien 91,6 Prozent der Probanden vor einer symptomatischen Covid-19-Erkrankung. Nach Angaben der Autoren wurde der Impfstoff von den Studienteilnehmern zudem gut vertragen.

Russland hatte bereits im Dezember damit begonnen, Risikogruppen mit Sputnik V zu impfen, und im Jänner seine großangelegte Impfkampagne gestartet. Zugelassen worden war das vom Gamaleja-Forschungszentrum entwickelte und nach einem sowjetischen Satelliten benannte Vakzin in Russland schon im August – noch vor Abschluss der finalen Studien. Dieses Vorgehen war international auf scharfe Kritik und Vorbehalte gestoßen. (APA/AFP)

📽️ Video | Studie zu „Sputnik V“ bestätigt Wirksamkeit

Neue Studie zu russischem Corona-Impfstoff: Hohe Wirksamkeit

Nach Kritik an fehlenden belastbaren Studien haben russische Forscher weitere Details zu dem Corona-Impfstoff Sputnik V veröffentlicht. Demnach hat das Vakzin eine Wirksamkeit von 91,6 Prozent. Russland strebt eine Registrierung in der EU an. In mehr als 15 Ländern wird der Impfstoff mittlerweile im Kampf gegen das Coronavirus eingesetzt.

Die Wissenschaftler sprachen von „Zwischen-Analysen“ der wichtigen Testphase III unter rund 20 000 Freiwilligen. Die Ergebnisse decken sich mit früheren Angaben. Eine Wirksamkeit von 91,6 Prozent bedeutet, dass in der geimpften Gruppe 91,6 Prozent weniger Erkrankungen pro 100 Probanden auftraten als in der Kontrollgruppe. Damit hätte Sputnik V nahezu die gleiche Wirksamkeit wie die Impfstoffe von Moderna und Biontech/Pfizer, und eine höhere als das Mittel von AstraZeneca.

Schwere Nebenwirkungen nur in wenigen Fällen

Es habe bei Sputnik V nur in wenigen Fällen schwerwiegende Nebenwirkungen gegeben, die die Forscher aber nicht auf das Vakzin zurückgeführt hätten, erklärten die russischen Forscher. Die meisten Freiwilligen hätten von „milden“ Nebenwirkungen wie grippeähnlichen Symptomen und Schmerzen am Arm berichtet. Während der Studie habe es zudem vier Todesfälle gegeben, die den Wissenschaftlern zufolge aber nicht im Zusammenhang mit der Impfung gestanden hätten. Ein Freiwilliger habe einen Schlaganfall erlitten.

Den russischen Forschern zufolge wurde Sputnik V auch an mehr als 2000 Menschen über 60 Jahren getestet. In dieser Gruppe sei das Vakzin „ähnlich wirksam und gut verträglich gewesen“, hieß es in der Studie. Sie sei aber noch nicht abgeschlossen. Insgesamt sollte der Corona-Impfstoff an 40.000 Freiwilligen getestet werden. Die Freigabe in Russland erfolgte vor gut einem halben Jahr.

Kritik wegen schneller Entwicklung und mangelnder Transparenz

Damals gab es international Kritik, weil die Erlaubnis für eine breite Anwendung in der Bevölkerung vorlag, obwohl bis dahin wichtige Tests noch nicht begonnen hatten. Erste Details zu dem Wirkstoff hatten die Forscher Anfang September in The Lancet veröffentlicht. Mehrere internationale Wissenschaftler kritisierten diese Studie.

Die Forscherin Polly Roy von der London School of Hygiene & Tropical Medicine sagte, es habe Kritik an Sputnik V wegen dessen schneller Entwicklung und mangelnder Transparenz gegeben. Das nun vorliegende Ergebnis sei hingegen eindeutig. Das wissenschaftliche Prinzip der Impfung sei aufgezeigt worden, sagte sie The Lancet.

„Sputnik trägt zur Diversifizierung der Impfstoffe bei"

Denis Logunow vom Gamaleja-Forschungszentrum für Epidemiologie und Mikrobiologie in Moskau, das den Wirkstoff entwickelt hat, sagte: „Um die Covid-19-Pandemie zu stoppen, muss es verschiedene Impfstoffe geben, die auf unterschiedlichen Wirkmechanismen basieren.“ Sputnik V trage zur Diversifizierung der Impfstoffe bei.

Nach Angaben des russischen staatlichen Direktinvestmentfonds, der das Vakzin mitfinanziert und im Ausland vermarktet, werden bis Ende nächster Woche Registrierungen in neun weiteren Ländern erwartet. Produziert werde es bereits in Indien und Südkorea. Noch in diesem Monat solle es auch in China hergestellt werden. Danach folge Brasilien, teilte der Fonds der Agentur Interfax zufolge mit. (dpa)


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