Mutationsfälle: Virologin will Tirol isolieren, Platter setzt auf Testen & Tracen

Die Virologin Dorothee von Laer von der Medi-Uni Innsbruck fordert angesichts der Ausbreitung der südafrikanischen Virus-Variante in Tirol scharfe Maßnahmen. Sie warnt vor einem „zweitem Ischgl". Das Land reagiert auf die Mutationsfälle mit „intensiviertem Testen und Tracen". LH Platter spricht von einer „ernsten Lage", ein exponentielles Wachstum sieht er noch nicht.

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Landeshauptmann Günther Platter.
© EXPA/JOHANN GRODER

Innsbruck – Nachdem in Tirol mehrere Fälle der britischen und vor allem der südafrikanischen Mutation des Coronavirus festgestellt wurden, warnte die Virologin Dorothee von Laer am Mittwoch eindringlich vor der Ernsthaftigkeit der Lage in Tirol und vor einem „zweiten Ischgl".

„Wir nehmen die Lage sehr ernst", erklärte LH Günther Platter (ÖVP). Von einem „Tiroler Subtypus" wolle er allerdings nicht sprechen, diese Formulierung sei „unglücklich gewählt". Von Laer hatte den Begriff ins Spiel gebracht und vor einer Öffnung am Montag gewarnt, sollten die Mutationsfälle in den kommenden Tagen nicht zurückgehen.

Das Land will unterdessen das Contact Tracing und Testkapazitäten massiv ausbauen. Das kündigte Platter am Abend an. Zudem setze man auf eine „eigene Analyse-Laborinfrastruktur". Schon bisher konnte man auf eine „umfassende Datenlage zurückgreifen", nachdem in Tirol „retrospektiv alle seit Anfang Jänner vorliegenden positiven Corona-Tests auf Auffälligkeiten untersucht werden". Bei 75 PCR-Proben wurde mittlerweile die südafrikanische Variante nachgewiesen, in 21 Fällen die britische, hieß es seitens des Landes.

📽️ Video | Große Sorge um „Tiroler Subtyp“:

Abriegelung von betroffenen Bezirke nicht angedacht

Ein „Tiroler Weg", wie ihn das Bundesland bereits beim ersten Lockdown im März des Vorjahres mit der Selbstisolation eingeschlagen hatte, ist für Platter aktuell jedoch kein Thema: „Nach derzeitiger Sicht bleibt es, wie es ist." Also bei der beschränkten Öffnung am Montag. Auch eine Abriegelung der besonders betroffenen Bezirke Schwaz und Osttirol sei derzeit nicht angedacht.

Vielmehr habe man in Abstimmung mit Experten im Land und im Bund einen Drei-Punkte-Plan aufgesetzt, mit dem man die Südafrika-Mutation in den Griff bekommen will. „Seit den ersten Auffälligkeiten bei den Testungen in Jochberg Anfang des Jahres haben wir jeden PCR-Test überprüfen lassen und daher auch ein klares Lagebild", so Platter. Bis dato liegen demnach 75 bestätigte Fälle der Südafrika-Mutation in Tirol vor. Fünf davon sind noch aktiv positiv.

Die Maßnahmen sehen vor, dass die Nachverfolgung der Kontaktpersonen der positiv Getesteten insbesondere im Bezirk Schwaz deutlich erhöht wird. Ebenfalls hochgefahren werden sollen mit dem kommenden Wochenende die Testkapazitäten, diese sollen auf 50.000 Testungen pro Tag erhöht werden.

Im Gesundheitsministerium hieß es, die möglichst breite Testung in der betroffenen Region sei der erste Schritt zu Eingrenzung. Sobald die Verdachtsproben ausgewertet seien, werde man mit dem Land Weiteres besprechen.

Platter: „Aktuelle Situation ist ernst"

LH Platter in der Stellungnahme: „Wir nehmen das Infektionsgeschehen in unserem Land – insbesondere das Auftreten der Virus-Mutationen und deren potenzielle Gefährlichkeit – sehr ernst. Seit den ersten Auffälligkeiten bei positiven Corona-Testungen in Jochberg zu Jahresbeginn testen und tracen wir intensiv und suchen aktiv nach Mutationen, um deren Verbreitung bestmöglich zu unterbinden. Wir können daher tagtäglich auf eine umfassende Datenlage zurückgreifen. Das hat damit zu tun, dass in Tirol retrospektiv alle seit Anfang Jänner vorliegenden positiven Corona-Tests auf Auffälligkeiten untersucht werden. Deshalb haben wir einen sehr genauen Überblick über das Mutationsgeschehen: Die aktuelle Situation ist ernst und fordert unsere volle Aufmerksamkeit. Dazu sind wir im Austausch mit den Experten und reagieren mit einer Intensivierung des Testens und Tracens.

„Zahlen konstant, derzeit keine exponentielle Ausbreitung"

Platter verwies darauf, dass laut Analysedaten des Tiroler Labors bis dato keine exponentielle Ausbreitung der Mutationen in Tirol zu erkennen und die Zahlen konstant seien. Auch LHStvin Ingrid Felipe berichtet aus dem Austausch mit den Experten, dass man die Mutationen „sehr ernst nehmen muss, auch weil wissenschaftlich noch nicht geklärt ist, welchen Wirkungsgrad eine Covid-Impfung gegen die südafrikanische Mutation hat.

Nach Rücksprache mit den Experten liegen dafür derzeit zu wenig valide Daten vor. Auch steht noch im Raum, wie sich eine bereits durchgemachte Infektion mit einer Mutation verhält. Das sind offene Fragen, die in der jetzigen Situation ein genaues Hinsehen auf die Entwicklungen erfordern.“

Testen und Tracen zur Bekämpfung der Mutationen

„Das bisher schon auf hohem Niveau durchgeführte Contact Tracing wird nun weiter verstärkt – und zwar durch ein Aufstocken der Mitarbeiter, um genaue Analysen der Infektionsketten durchführen zu können. Weiters gelte es, Risikogruppen zu schützen: Die Hygiene- und Sicherheitskonzepte der Alters- und Pflegeheime werden nochmals geprüft und gegebenenfalls nachgeschärft“, erklärte Elmar Rizzoli, Leiter des Einsatzstabes Corona.

Ein vollständiger Schutz durch die Covid-Impfung trete nämlich erst mit der zweiten Schutzimpfung ein, die in Tirol bereits angelaufen sei. Vor allem im Tiroler Unterland – insbesondere im Bezirk Schwaz, wo vorwiegend die südafrikanische Mutation aufgefunden wurde – wird das Testangebot für die Bevölkerung mit dem kommenden Wochenende erweitert. „Insgesamt werden die Testkapazitäten in den nächsten Tagen auf 50.000 Testungen pro Tag erhöht. Wir bitten alle Tirolerinnen und Tiroler, dieses Angebot zum eigenen Schutz und Schutz anderer anzunehmen und damit die Ausbreitung des Coronavirus in Tirol einzudämmen“, so Rizzoli weiter.

Virologin Von Laer will Tirol ein Monat isolieren

Die Virologin Dorothee von Laer von der Med-Uni Innsbruck hatte wegen der südafrikanischen Mutante hingegen mit drastische Maßnahmen gefordert. Das Land Tirol gehöre angesichts des Auftretens der neuen lokalen Corona-Varianten für ein Monat isoliert, meint sie. Gleichzeitig übt die Beraterin der Bundesregierung scharfe Kritik am Land Tirol im Umgang mit den Corona-Mutanten und warnt vor einem „zweiten Ischgl".

Laut von Laer seien zumindest zwei bis drei eigenständige Tiroler Mutationen der südafrikanischen Variante aufgetreten. Welche Eigenschaften diese haben, weiß man aber noch nicht.

Virologin Dorothee von Laer.
© MUI/Lechner

Zuvor hatte von Laer gefordert, dass der Lockdown für Tirol zumindest eine Woche lang fortgeführt werden solle. Zudem riet sie in diesem Falle zu einer „Einschränkung der Reisetätigkeit" von und in das Bundesland sowie zu zwei „Massentestungen".

„Die Frage ist, ob es nicht schon zu spät ist"

Derzeit würden die Verantwortlichen versuchen, durch eine „intensivierte Kontakttracing-Tätigkeit" die Mutation in den Griff zu bekommen. Dies könne man noch die nächsten ein, zwei Tage beobachten und schauen, ob die Fälle zurückgehen. „Die Frage ist, ob es nicht schon zu spät ist", meinte die Virologin. Von Laer gehörte zuletzt auch einem Quartett an Experten an, das die Bundesregierung vor der Ankündigung der Lockerung des Lockdowns beraten hatte. Ihre Anmerkungen hinsichtlich der südafrikanischen Mutation habe sie natürlich auch dort vorgebracht.

Bei an der Medizinischen Universität Innsbruck durchgeführten Sequenzierungen von positiven PCR-Proben würden derzeit 20 bis 30 neue Südafrika-Mutationsfälle auftauchen. Am Mittwoch seien es beispielsweise bisher 27 gewesen. Beide Mutationsvarianten – also die britische und die südafrikanische – würden an der Med-Uni zehn bis 15 Prozent der Gesamtfälle ausmachen, die Südafrika-Mutante rund sieben Prozent. (TT.com)


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