Corona wirkt sich auf Samenqualität aus, Langzeitfolgen unklar

Die Innsbrucker Medizinerin Bettina Toth empfiehlt all jenen mit Kinderwunsch, nach einer schweren Corona-Erkrankung 90 Tage mit der Zeugung eines Kindes zu warten. Nur dann könne man davon ausgehen, dass alle Spermien „frisch" sind.

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Innsbruck – Nach Veröffentlichung einiger Studien über mögliche Auswirkungen einer Corona-Infektion auf die Fruchtbarkeit, beruhigt die Direktorin der Innsbrucker Universitätsklinik für Gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin, Bettina Toth. Zwar wirke sich eine Erkrankung – entweder durch die Einschränkung des Allgemeinbefindens oder eventuell durch das Virus selbst – auf die Samenqualität aus. Langzeitfolgen seien aber nicht abzuschätzen, so Toth im APA-Gespräch.

Toth ordnete die aktuelle Studienlage ein. Nach schwerer Erkrankung empfahl sie all jenen, die einen Kinderwunsch hegen, 90 Tage nach einer Covid-19-Erkrankung mit der Zeugung eines Kindes zu warten, dann könne man davon ausgehen, dass alle Spermien „frisch" sind. Die Bildung von Spermien von ihrer Ursprungszelle bis zur reifen Samenzelle würde 70 bis 90 Tage in Anspruch nehmen, erklärte der Innsbrucker Urologe Germar-Michael Pinggera. Männern mit konkreter Zeugungsabsicht nach einer schweren Covid-19 Erkrankung rät Toth zudem eine Überprüfung der Testosteronkonzentration sowie die Durchführung eines Spermiogramms 90 Tage nach Heilung.

„Große Verunsicherung, ob Fruchtbarkeit beeinflusst wird"

„Wir sehen eine große Verunsicherung. Viele Patienten fragen sich, ob eine überstandene Corona-Infektion die Fruchtbarkeit beeinflusst", beobachtete die Medizinerin. Sie habe sich daraufhin intensiv mit der aktuellen Studienlage beschäftigt. Grundsätzlich wurden, was die Fertilität von Männern betrifft, zwei Arten von Studien durchgeführt.

Einerseits wurde untersucht, ob das Virus im Ejakulat nachweisbar ist. „Es gibt derzeit keine gesicherten Anzeichen einer sexuellen Übertragung des Corona-Virus", fasste Toth die Ergebnisse zusammen. „Allerdings gibt es insgesamt nur wenige Daten, derzeit liegen nur acht Studien vor – bei zweien konnte das Virus im Samen nachgewiesen werden". Allerdings fehlten in einem Fall Details zum methodischen Nachweis. Außerdem gebe es noch „keine kommerziell erhältlichen Kits für den Nachweis von Virus-RNA im Ejakulat", merkte die Wissenschafterin an.

Spermiogrammanalysen zeigten eingeschränkte Beweglichkeit

Andererseits wurden in einigen internationalen Studien Spermiogrammanalysen nach einer Covid-19-Infektion durchgeführt. Hier werden, erklärte Toth, unter anderem Anzahl, Form und Beweglichkeit der Spermien im Ejakulat untersucht. Ein Spermiogramm gebe somit Auskunft über die Zeugungsfähigkeit des Mannes.

Spermiogrammanalysen nach einer Covid-19-Erkrankung hätten vor allem eine etwas eingeschränkte Beweglichkeit der Spermien gezeigt. „Insgesamt ist aber bei den meisten Patienten keine wesentliche Einschränkung der Fruchtbarkeit zu erwarten", gab Toth Entwarnung. In den bisherigen Studien waren die Spermiogrammparameter zwar signifikant schlechter im Vergleich zu den gesunden Kontrollen, bei der Mehrzahl der Männer zeigten sich aber nur wenige Abweichungen vom Normbereich. Vor allem Männer mit schwerem Krankheitsverlauf wiesen stärkere Abweichungen auf.

Über zwei Studien wurde in den vergangenen Tagen intensiv diskutiert. Eine aktuelle Studie zum Einfluss einer Covid-19-Infektion auf das Spermiogramm wurde in Teheran durchgeführt. Insgesamt wurden 84 Covid-19-positive Männer mit einer 105 Männer umfassenden, gesunden Kontrollgruppe verglichen. Von den Patienten hatte ein Prozent einen milden, 27 Prozent einen moderaten und 32 Prozent einen schweren und 39 Prozent einen kritischen Covid-19 Verlauf. Im Vergleich zu den Kontrollen wiesen die Patienten eine geringere Anzahl und Beweglichkeit der Spermien auf, allerdings erholte sich insbesondere die Beweglichkeit der Spermien im weiteren Verlauf, fasste Toth zusammen. Das Studiendesign weise allerdings deutliche Einschränkungen auf.

„Auswirkungen wahrscheinlich nicht virusbedingt"

Diskutiert wurde auch über eine italienische Studie, die eine Korrelation zwischen schwerem Krankheitsverlauf und Auswirkungen auf das Spermiogramm aufzeigt. Allerdings, gab Toth zu bedenken, ist die Samenqualität der untersuchten Männer vor der Covid-19-Erkrankung unklar und es gibt in dieser Studie keinen Langzeitverlauf. „Über langfristige Folgen kann man derzeit noch keine Aussagen treffen", meinte die Expertin.

„Die Auswirkungen einer Corona-Infektion auf das Ejakulat ist wahrscheinlich nicht virusbedingt", erläuterte Toth, „sondern auf das hochregulierte Immunsystem zurückzuführen". Auch Fieber spiele eine Rolle. Es sei bekannt, dass Viruserkrankungen, wie Mumps, HIV und das Zika-Virus, Auswirkungen auf die Fruchtbarkeit haben, da es zu einer Hodenentzündung (Orchitis) kommen kann. In einigen Studien wurde über Hodenschmerzen bei Patienten mit Covid-19 berichtet, auch eine Orchitis bei Infektionen mit SARS-CoV-2 ist dokumentiert, berichtete der Münchener Androloge Frank-Michael Köhn. Indirekte Effekte oder auch langfristige Schäden am Hoden durch eine Corona-Erkrankung aufgrund von Fieber, Entzündungszellen und antiviralen Therapien könne man laut der Medizinerin derzeit nicht ausschließen.

Corona wahrscheinlich nicht sexuell übertragbar

Was die Fruchtbarkeit von Frauen nach überstandener Covid-19 Erkrankung betrifft, gebe es bisher keinen Nachweis von SARS-CoV2 im Vaginalabstrich von postmenopausalen Frauen, berichtete Toth. „Auch das weist darauf hin, dass Corona nicht sexuell übertragbar ist".

Bisherige Studien mit wenigen Patientinnen würden auch keinen Virusnachweis in der Follikelflüssigkeit zeigen. Allerdings werde, gab Toth zu bedenken, in den meisten IVF-Zentren eine SARS-CoV2 Testung vor der Eizellenentnahme durchgeführt, es erfolge deshalb auch keine Punktion im Falle einer Infektion.

Insgesamt sei die Studienlage zu dem Thema noch überschaubar, weitere Ergebnisse blieben abzuwarten. „Da Männer und Frauen im reproduktiven Alter selten von einer schweren Covid-19-Erkrankung betroffen sind, gibt es aber derzeit wenig Grund zur Sorge", relativierte Toth. (APA)


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