UN und Parteien: Pandemie könnte Genitalverstümmelung verschlimmern

Durch die Schulschließungen und Unterbrechung wichtiger Präventionsprogramme steigt die Gefahr, dass Mädchen und Frauen von Genitalverstümmelung betroffen sind. UNICEF und UNFPA sind aber entschlossener denn je, FGM bis 2030 zu beenden.

Frauen- und Integrationsministerin Susanne Raab (ÖVP) warnte davor, die Augen vor der Thematik nicht zu verschließen.
© APA/Fohringer

Wien – Rund zwei Millionen Mädchen und Frauen könnten durch die Corona-bedingten Schulschließungen und durch die Unterbrechung wichtiger Präventionsprogramme in den nächsten zehn Jahren zusätzlich von Genitalverstümmelung betroffen sein, warnten die UN-Organisationen UNICEF und UNFPA in einer Aussendung. Am heutigen Samstag ist der internationale Tag gegen weibliche Genitalverstümmelung, weswegen auch NEOS, FPÖ und SPÖ in Aussendungen darauf aufmerksam machten.

Laut UNICEF und UNFPA, dem Kinderhilfswerk und dem Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen, war das Ziel, weibliche Genitalverstümmelung bis 2030 zu beenden, bereits ein ehrgeiziges Vorhaben, bevor die Corona-Pandemie wichtige Fortschritte in Gefahr brachte. Nun seien die Organisationen entschlossener denn je, die vier Millionen Mädchen und Frauen zu schützen, denen jährlich eine Genitalverstümmelung drohe.

Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung entscheidend

Um das zu erreichen, müssten verschiedene Interessengruppen, wie Entscheidungsträger, die Zivilgesellschaft, Lehrende, Gesundheitspersonal, religiöse Führer sowie Strafverfolgungs- und Justizbeamten, zusammenarbeiten. Auch Männer und Buben würden dabei eine entscheidende Rolle spielen.

Zusätzlich würden für die nächsten zehn Jahre etwa 2,4 Milliarden US-Dollar benötigt. „Dies entspricht weniger als 100 US-Dollar pro Mädchen. Das ist ein sehr geringer Preis für die Wahrung der körperlichen Unversehrtheit der jungen Frauen, ihrer Gesundheit und ihres Rechts, „nein" zu jeglicher Verletzung ihrer Rechte zu sagen", hieß es.

Mädchen bräuchten auch Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung, sexueller und reproduktiver Gesundheitsdienste sowie angemessene Lebensgrundlagen. Dieselben Maßnahmen würden auch die Stellung und Entscheidungsfreiheit von Mädchen und Frauen fördern. Wäre die Gleichberechtigung der Geschlechter Realität, würde es keine weibliche Genitalverstümmelung geben, wurde betont.

„Auch in Österreichen tausende Opfer"

NEOS-Frauensprecherin Henrike Brandstötter machte in einer Aussendung ebenfalls auf die Thematik aufmerksam: „Weibliche Genitalverstümmelung ist leider nicht nur etwas, das in fernen Ländern und auf anderen Kontinenten passiert. Auch in Österreich leben tausende Opfer dieser Form der geschlechterspezifischen Gewalt". Der Eingriff an den weiblichen Geschlechtsorganen müsse vor allem durch Bildung und Aufklärung bekämpft werden. Sie forderte dazu eine niederschwellige Aufklärungsoffensive, vor allem an Schulen.

FPÖ-Frauensprecherin Rosa Ecker betonte, dass man in Bezug auf die Genitalverstümmelung nicht wegsehen dürfe. „Nulltoleranz muss nicht nur bei häuslicher Gewalt, bei Zwangsheirat, sondern auch bei Genitalverstümmelung gelten. Wir dürfen nicht unter dem Deckmantel der falschen Toleranz in Duldsamkeit schweigen", so Ecker. Neben Aufklärungsarbeit forderte sie ein nachdrückliches Hinweisen auf die „österreichische Kultur und unser Rechtssystem".

Auch die Frauen- und Integrationsministerin Susanne Raab (ÖVP) warnte davor, die Augen vor dieser Thematik nicht zu verschließen. Ebenfalls machten die grünen Sprecherinnen für Integration- und Frauen, Faika El-Nagashi und Meri Disoski, auf das Thema in einer Aussendung aufmerksam.

Frauenministerin Raab will auf Prävention und Aufklärung setzen

Für Raab gelte bei jeder Form von physischer und psychischer Gewalt gegenüber Frauen und Mädchen null Toleranz: „FGM (Anm. Female Genital Mutilation) ist eine grausame Menschenrechtsverletzung. Betroffene Frauen und Mädchen haben mit ernsthaften gesundheitlichen Folgen zu rechnen und leiden meist lebenslang unter großen Schmerzen." FGM dürfe zudem nicht durch Religion, Tradition oder Kultur gerechtfertigt werden. „Es ist ein brutales Verbrechen an Mädchen und Frauen, das wir nicht tolerieren dürfen."

Die Ministerin setze dabei vor allem auf Prävention und Projekte zur Aufklärung und Beratung. So hob sie etwa das Frauengesundheitszentrum FEM Süd im Kaiser-Franz-Josef-Spital oder die Beratungsstelle Orient Express hervor. Auch der Österreichische Integrationsfonds (ÖIF) unterstütze Projekte, die sich direkt an von FGM Betroffene und Gefährdete sowie deren Familien richten, so Raab.

Auch die grüne Frauensprecherin, Meri Disoski, betonte in einer Aussendung: „Weibliche Genitalverstümmelung ist eine massive Verletzung der körperlichen Integrität von Frauen und Mädchen. Sie hat weitreichende Folgen auf ihre reproduktive Gesundheit und ist mit Traumata und extremem körperlichen Schmerzen verbunden."

Faika El-Nagashi, Integrationssprecherin der Grünen, dankte besonders den zivilgesellschaftlichen Initiativen, die seit Jahren ehrenamtlich als Brückenbauer gegen die grausame Praxis der weiblichen Genitalverstümmelung arbeiten würden. Namentlich nannte sie das Engagement von Ishraga Mustafa Hamid und Tarafa Baghajati. Beide würden in ihrer Arbeit „niederschwellig vermitteln, dass FGM gegen den Islam verstößt und auch nicht Teil einer bestimmten Kultur ist." Das führe zu nachhaltigen Veränderungen und müsse daher auch Teil künftiger Präventionsstrategien sein, so El-Nagashi. Weitere Ansatzpunkte gebe es mit der Toolbox Weibliche Genitalverstümmelung für Opferschutzgruppen des Bundes sowie einem eLearning-Programm zum Thema „Weibliche Genitalverstümmelung" der Stadt Wien.

Kampf gegen FGM soll bis 2030 weltweit beendet werden

Die SPÖ-Abgeordnete Petra Bayr und Carlien Scheele, Leiterin des European Institute for Gender Equality (EIGE) in Vilnius, riefen in einer Pressekonferenz dazu auf, den Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung weiterzuführen und diese bis 2030 weltweit zu beenden – vor allem in Hinblick auf die Corona-Pandemie: „Durch Corona steigen international die Fälle von FGM (Anm. Female Genital Mutilation). Grund dafür sind Verarmung der Familien aufgrund von Jobverlusten, die soziale Isolierung und auch die Schulschließungen." Bayr sieht im Mutter-Kind-Pass eine zentrale Rolle in der Prävention und forderte zudem Fortbildungen des Gesundheitspersonals sowie eine systematische Datenerhebung und Sensibilisierung für das Thema.

Laut dem European Institute for Gender Equality (EIGE) sind Schätzungen zufolge in Österreich zwischen 12 und 18 Prozent der Mädchen aus Ländern, in denen FGM praktiziert wird, betroffen. „Auch wenn FGM in allen EU-Ländern verboten ist und in Österreich polizeilich gemeldet werden muss, gibt es laut unseren Schätzungen weiterhin zwischen 735 und 1083 Mädchen, die dieser Praxis zum Opfer fallen", so die Leiterin des Instituts laut Aussendung.

Weltweit sind laut den Organisationen der Vereinten Nationen mindestens 200 Millionen Mädchen und Frauen von weiblicher Genitalverstümmelung betroffen. Die Zahl beziehe sich auf 31 Länder, in denen repräsentative Zahlen vorliegen. Die meisten Mädchen seien bei dem Eingriff nicht älter als 15 Jahre. (APA, TT.com)


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