Das Urgestein der Moderne: Komponist Friedrich Cerha wird 95

Der Wiener Komponist 
Friedrich Cerha wird am Mittwoch 95 Jahre alt. Auch wenn der Wiener als Dirigent, Interpret und Wissenschafter tätig war, bleibt sein umfangreiches musikalisches Œuvre dominant, das sich ungebrochener Beliebtheit erfreut.

Friedrich Cerha gehört zu den herausragenden Avantgarde-Komponisten Österreichs.
© HERBERT PFARRHOFER

Wien – Mit seinen bald 95 Jahren hat sich Friedrich Cerha als das Urgestein im Gebirge der österreichischen Avantgarde­musik festgesetzt. Am 17. Februar feiert Cerha den halbrunden Geburtstag. Auch wenn der Wiener als Dirigent, Interpret und Wissenschafter tätig war, bleibt sein umfangreiches musikalisches Œuvre dominant, das sich ungebrochener Beliebtheit erfreut.

Geboren wurde Cerha am 17. Februar 1926 in Wien. Schon als Sechsjähriger begann er Geige zu spielen. Die ersten Kompositionen folgten nur zwei Jahre später, und auf eigene Initiative erhielt er Unterricht in Harmonielehre und Kontrapunkt. 1943, noch vor Abschluss des Gymnasiums, wurd­e Cerha zur Wehrmacht eingezogen. Der erklärte Gegner des NS-Regimes desertierte allerdings und flüchtete auf eine Tiroler Almhütte.

Nach dem Krieg studierte er an der Wiener Hochschule für Musik und darstellende Kunst Komposition, promovierte in Germanistik – und begann an der Musikhochschule zu lehren.

1958 entstand das von Cerha mitbegründete Ensemble die reihe, das als Kammerensemble für Neue Musik mit exemplarischen Aufführungen gegen die in Österreich herrschende Ödnis im Bezug auf die Musik des 20. Jahrhunderts anspielte. Nicht zuletzt wurde in dieser Zeit Cerhas Affinität zur zweiten Wiener Schule um Berg, Webern und Schönberg geschärft. Eine Folge davon war die Fertigstellung von Alban Bergs Opernfragment „Lulu“, das von Cerha um den dritten Akt ergänzt und 1979 von Pierre Boule­z in Paris uraufgeführt wurde.

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Bis zur ersten eigenen Oper „Baal“ sollten noch Jahre vergehen. Das Werk nach einem Drama von Bertolt Brecht brachte endgültig den internationalen Durchbruch für Cerha und wurde 1981 bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt. Daneben gehören vor allem die musikdramatischen Werke „Spiegel“ und „Netzwerk“ sowie die Literaturoper „Die Rattenfänger“ nach Carl Zuckmayer zu seinen bekanntesten Kompositionen. Cerha hat mit Vorliebe Werke für große Orchesterbesetzung komponiert, die stilistisch weiterhin im Boden der zweiten Wiener Schule wurzeln.

Schon einige Jahre steht der Komponist selbst nicht mehr am Pult, von vereinzelten Auftritten wie 2007 im Rahmen der Wiener Festwochen mit dem Klangforum abgesehen. Das Dirigieren hat er zugunsten seines kompositorischen Schaffens zurückgestellt. Und die Ergebnisse sind umfangreich: 2002 wurde die mit Peter Turrini entstandene Oper „Der Riese vom Steinfeld“ an der Wiener Staatsoper uraufgeführt, 2004 folgte mit Cerhas Requiem sein „Opus summum“. „Les Adieux“ wurde 2007 bei der Biennale in Venedig uraufgeführt, „Like a Tragicomedy“ 2010 in Manchester. 2013 stand mit „Onkel Präsident“ die Uraufführung einer Komischen Oper im Münchner Prinzregententheater auf dem Spielplan. Im gleichen Jahr erklang bei den Salzburger Festspielen erstmals sein „Etoile für 6 Schlagzeuger“, 2016 schließlich „Eine blassblaue Vision“. (APA, TT)

Feierlichkeiten für den Jubilar

Wien – Die Corona-Pandemie macht derzeit Kulturvorhaben einen Strich durch die Rechnung. Das gilt auch für die Feierlichkeiten zu Ehren Friedrich Cerhas. Das Festkonzert von Klangforum Wien und dem Boulanger Trio im Wiener Musikverein wurde auf den 21. Juni verschoben.

Das Festkonzert am 22. März im Radiokulturhaus hingegen soll nach jetzigem Stand stattfinden. Hier sind gleich drei Uraufführungen Cerhas angesetzt, die als Video-Livestream übertragen werden sollen.

Der ORF feiert Friedrich Cerha am nächsten Sonntag (21.2.). Um 10 Uhr wird im Rahmen der „matinee“ auf ORF 2 der Dokumentarfilm „Friedrich Cerha – So möchte ich auch fliegen können“ gezeigt. ORF III strahlt ab 23.20 Uhr die „Hommage an Friedrich Cerha – das RSO ehrt Öster­reichs großen Komponisten!“ aus.

Der Radiosender Ö1 lässt den Jubilar bereits heute hochleben. Um 22.10 Uhr läuft ein Cerha gewidmeter „Zeit-Ton extended“. Morgen Montag ist ab 23.03 Uhr eine Auswahl seiner „Minnelieder“ im Rahmen von „Zeit-Ton“ angekündigt. (TT)


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