TFV-Vizepräsident Arno Bucher: „Kinder brauchen Gemeinschaft“

Arno Bucher, der Vizepräsident des Tiroler Fußballverbandes, geizt nicht mit seiner Meinung. Der Kematen-Obmann, Krankenpfleger und Familienvater bezieht in Corona-Zeiten fürs Unterhaus Stellung.

  • Artikel
  • Diskussion
TFV-Vizepräsident Arno Bucher findet klare Worte.
© Thomas Böhm

Sie haben zuletzt auf S­ocial-Media-Kanälen immer wieder mit Ihren Einträgen mitgeteilt, wie stark Sie das Ungleichgewicht z. B. zwischen Skilift und Fußballplatz sehen. Auch die Schulen sind wieder offen, die Plätze für den Nachwuchs bleiben aber geschlossen ...

Arno Bucher: Das ist deswegen schwer nachvollziehbar, weil sie mittlerweile eben wieder in die Schule gehen dürfen – was ja richtig und wichtig ist. Aber so gut das Home-Schooling und Distance Learning auch ausgebaut sein mag, es geht um direkten Kontakt. Der gehört zu einer schulischen Ausbildung dazu. Aber zum Ungleichgewicht: Die Kinder dürfen mit vorangegangenen Tests von 8–13 Uhr in der Schule in einem geschlossenen Raum sitzen, fahren ab und zu gemeinsam mit öffentlichen Verkehrsmitteln hin und zurück und dann dürfen sie am Nachmittag nicht auf ein Riesenfeld, um an der frischen Luft Fußball zu spielen.

Im leistungs- und Profi-orientierten Nachwuchs dürfen in der Talenteschiene die Akademien, Landesausbildungszentren und auch gewisse Nachwuchsteams von Bundesliga-Mannschaften wieder trainieren. Es wäre wohl an der Zeit, für alle zu öffnen?

Bucher: Ich denke, dass die Vereine, und ich spreche hier für die Fußballvereine im Mai 2020, vielleicht bei wärmeren Temperaturen bewiesen haben, dass sie achtsam und sorgsam mit diesen besonderen Bedingungen umgehen. Es ist nichts passiert im Trainingsbetrieb.

TT-Geburtstag: Jetzt eine von 76 Torten gewinnen

TT-ePaper gratis ausprobieren, der Gratiszeitraum endet automatisch.

Das Wichtigste war und bleibt, dass die Kabine vorerst geschlossen bleibt?

Bucher: Klar. Und die Verhaltensregeln waren teilweise so, dass die Eltern angehalten wurden, die Kinder gestaffelt zum Eingang der Sportanlage zu bringen. Man wird nie ganz verhindern können, dass Kinder entweder in der Schule oder am Platz irgendwann aufeinanderpicken.

Abgesehen von Ihrer Funktion beim Tiroler Fußballverband sind Sie ja auch zweifacher Familienvater. Wie sehr schmerzt Sie da die gegenwärtige Situation?

Bucher: Es macht mich traurig, weil meine Buben (Matthias/18 und David/16) von klein auf gewöhnt sind, dass sie dreimal die Woche Training haben – im Winter eh weniger, weil man da Ski fahren geht – und dann am Wochenende eben ein Spiel. Das ist ihr Rhythmus, das sind sie gewöhnt. In diesen Altersklassen kann man das auch durch die beste Zoom-Einheit nicht abfangen. Kinder brauchen einfach Gemeinschaft.

Sie sind selbst langjähriger Vereinsobmann des SV Kematen und im Verband für die Vereine zuständig. Wie zäh ist die Situation für die Vereine mit dem 2020 ausgefallenen Spielbetrieb, keinen Einnahmen aus Kantine oder anderen Veranstaltungen, die ein intaktes Vereinsleben begleiten?

Bucher: Ich war sehr positiv überrascht, wie gut die Tiroler Klubs gesattelt sind. Sie haben es fast als sportliche Herausforderung gesehen, unter diesen besonderen Bedingungen weiterzumachen und die Maßnahmen umzusetzen. Es ist z. B. ohne Kantine und Ausschank noch gespielt worden, ohne dass viel darüber gejammert wurde. Das zeichnet die vielen Vereine im Fußball-Unterhaus aus. Es ist schwer zu eruieren, wie es einem Verein langfristig ohne Vereinsaktivitäten geht – aber das Finanzielle ist das eine, das andere ist das Soziale. Deswegen hat man ja vor 120 Jahren Vereine gegründet, weil man gemeinsam Fußball spielen wollte. Wenn das verloren geht, haben wir sehr viel verloren. Und jeder Verein ist so strukturiert – er braucht Funktionäre, Spieler, Trainer, Zuschauer, das ist doch eine Mischung aus den diversesten Bevölkerungsgruppen. Wenn nicht am Fußballplatz, wo dann? Diese Inklusionskraft darf nicht verloren gehen.

Inwieweit vermissen Sie selbst ein gepflegtes Becherbier bei einem Unterhaus-Spiel?

Bucher: Sehr. Ich bin ja wahrscheinlich nur im falschen Land auf die Welt gekommen und wäre gerne Engländer, weil dann hätte ich das ganze Jahr, auch über Weihnachten, live Fußball. Es geht mir ab.

Zeitlichen Horizont, wie es im Sport weitergehen kann, gibt es keinen? Wie groß ist die Hoffnung, dass der Unterhaus-Vorhang für einen Spielbetrieb im Frühjahr aufgehen kann?

Bucher: Es ist ja noch keine neue Verordnung heraußen. Es wurde zuletzt von Gastro und Kultur gesprochen, Sport hat schon gar niemand mehr in den Mund genommen bei der letzten Pressekonferenz. Ich weiß nicht, was mit Kulturöffnung ab April gemeint ist, es müsste konkretisiert werden. Was heißt das? Es muss ja einen Weg dorthin geben. Der heißt im Sport trainieren, spielen ohne Zuschauer, spielen vor Zuschauern. Zum Theater gehören ordentliche Proben, zum Sport ordentliches Training. Es braucht einen Fahrplan. Es ist alles sehr unglücklich. Man sieht eh, wie der Sport verankert ist, wobei ich schon sagen möchte: Wichtig ist, dass die Leute eine Arbeit haben und die Kinder in die Schule gehen können, und ich bin der Letzte, der ein Hobby voranstellen will. Aber der sozialökonomische Effekt von (Sport-)Vereinen ist hinlänglich bekannt und deswegen sollte man das jetzt nicht so auf die lange Bank schieben.

Man kann Ihnen als diplomiertem Krankenpfleger vermutlich nicht vorwerfen, dass Sie medizinische Aspekte beiseiteschieben?

Bucher: Stimmt. Im Verein wären wir vorbereitet, wir haben Tests angekauft, nehmen es alles andere als leicht, könnten Eintrittstests machen – wie oft und wie sinnvoll das ist, müssen dann andere sagen. Ich denke, da würden viele Vereine mitmachen. Ich glaube, da ist viel Potenzial vorhanden und ich glaube auch, die Tests sollten zur Verfügung gestellt werden. Die Vereine organisieren sich schon geeignetes Personal, um die Tests ordnungsgemäß durchzuführen. Das nimmt keiner auf die leichte Schulter.

Mit welchem romantischen Bild bezüglich Fußball-Unterhaus hält sich der Obmann der Kemater Blues mental über Wasser?

Bucher: Wir trinken nach einer Flutlicht-Partie gemeinsam ein Bier, reden über das Match und ich kann dann schon wieder weiterdenken, was am nächsten Tag passiert: Wann zum Beispiel der Rasen wieder gemäht wird. So will ich es wieder haben.

Viele Freunde bescheinigen Ihnen das Potenzial für eine politische Laufbahn?

Bucher (lacht herzhaft): Nein. Da müssten schon sehr gute Angebote hereinkommen.

Das Gespräch führte Alex Gruber


Kommentieren


Schlagworte