Gräber ohne Namen: Brasilien auf dem Höhepunkt der Pandemie

Während Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro sich weiter weigert, strenge landesweite Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie zu erlassen, haben lokale Politiker den Ernst der Lage erkannt.

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Im Ausgehviertel Lapa von Rio de Janeiro ist Ruhe eingekehrt.
© ANDRE COELHO

Von Martina Farmbauer/dpa

Brasilia – Die meisten Bars und Restaurants in Rio de Janeiro haben am Samstag um 18 Uhr bereits geschlossen. "Rio de Janeiro ist eine Geisterstadt, nicht wahr?", sagt ein Fußgänger im Ausgehviertel Lapa. Die Nachlässigkeit gegenüber dem Coronavirus scheint nun der Vernunft gewichen zu sein. Das Stimmengewirr und die Musik machen der Stille Platz, an die Stelle des Barlichts tritt Dunkelheit. Es ist das erste Wochenende eines "Lockdown light" mit einer Art Ausgangssperre.

Rio de Janeiros Bürgermeister Eduardo Paes hatte erlassen, dass Bars und Restaurants ab Freitag um 17.00 Uhr schließen müssen, der Aufenthalt auf öffentlichen Straßen und Plätzen zudem nach 23 Uhr verboten ist. Kioske an den berühmten Stränden wie der Copacabana blieben gleich komplett geschlossen. Auch wenn Experten die Zögerlichkeit bei den nun ergriffenen Maßnahmen und das Fehlen einer Lösung für die überfüllten öffentlichen Transportmittel kritisieren – Politiker in anderen Bundesstaaten und Städten haben den Ernst der Lage ebenfalls erkannt und die Maßnahmen gegen eine rasante Ausbreitung des Coronavirus verschärft. So trat beispielsweise am Samstag auch São Paulo in die sogenannte rote Phase und die Geschäfte mussten zusperren.

10.000 Brasilianer alleine binnen einer Woche gestorben

Das Szenario heute erinnert sehr an den chaotischen Beginn der Pandemie im April und Mai – und ist der bisherige traurige Höhepunkt der Coronakrise in Brasilien, das gerade seine tödlichste Woche erlebt hat. Allein am Mittwoch starben 1.910 Menschen mit oder an SARS-CoV-2 – der höchste je registrierte Wert in Brasilien innerhalb von 24 Stunden. Innerhalb einer Woche sind laut offiziellen Zahlen rund 10.000 Brasilianer gestorben. Insgesamt haben sich im größten Land in Lateinamerika seit Beginn der Pandemie 11.019.344 Menschen mit dem Coronavirus infiziert, 265.411 sind im Zusammenhang mit Covid-19 gestorben. Brasilien hat 210 Millionen Einwohner.

"Das ist der schlimmste Moment, und es wird noch schlimmer werden", sagt der Epidemiologe Diego Ricardo Xavier von der Forschungseinrichtung "Fundacao Oswaldo Cruz" (Fiocruz) in Rio de Janeiro. Die angesehene Forschungseinrichtung schrieb in einem Bericht, dass sich die gleichzeitige Verschlechterung mehrerer Indikatoren im ganzen Land feststellen lasse. Und laut der Zeitung Valor rechnen hohe Beamte im Gesundheitsministerium damit, dass in den kommenden Wochen die Marke von 3.000 Corona-Toten täglich überschritten wird.

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In den Intensivstationen wird es eng. Viele sterben, ohne einen Platz dort zu bekommen.
© ANDRE COELHO

Nur noch Nummern auf den Gräbern

Auf verschiedenen Friedhöfen in Rio werden am Samstag flache Gräber in einem Bereich mit trockener Erde und Steinboden für Beerdigungen vorbereitet, der Bestatter Douglas Silva in Caju schreibt nur Nummern auf das Kreuz eines Begrabenen, das er austauscht. In Iraja steht auf der Rückseite auch der Tag der Beerdigung. Die sogenannten covas rasas sind die älteste und einfachste Art der Bestattung und zeigen die Abgründe der brasilianischen Gesellschaft auf. Ursprünglich für die Armen vorgesehen, sind die Gräber ohne Namen in der Corona-Pandemie zu eine der wenigen erschwinglichen Optionen für viele Familien geworden, Angehörige zu begraben.

Der Epidemiologe Diego Xavier hofft, dass es in Brasilien, dem Land der Wunder, nicht so weit kommt, wie die Beamten im Gesundheitsministerium befürchten. Aber bei einem ist er sich sicher: "Viele Leute werden sterben, ohne dass sie in ein Intensivbett kommen." Die Intensivbetten in 18 der 27 Bundesstaaten sowie dem Hauptstadtdistrikt sind laut Fiocruz zu mehr als 80 Prozent ausgelastet.

Kühlcontainer für Leichen

Nach der Amazonas-Metropole Manaus, der im Januar der Sauerstoff ausging, steht das Gesundheitssystem nun an mehreren Orten gleichzeitig vor dem Zusammenbruch, etwa auch in Regionen im Südosten und Süden, die über eine stärkere Infrastruktur verfügen. Alle zwei Minuten wird zum Beispiel im reichen Sao Paulo ein Patient ins Krankenhaus gebracht. In den von deutschen Einwanderern geprägten Bundesstaaten Santa Catarina und Rio Grande do Sul verlegen Hospitäler Patienten und stellen Kühlcontainer für die Leichen auf.

Jetzt passiert, was die Forschungseinrichtung Fiocruz im Dezember vorhergesagt hatte – bevor sich die Menschen an Weihnachten, Silvester, in den Sommerferien und der Karnevalswoche fast ohne Einschränkungen versammelten. "Hier in Rio ist alles 8 oder 80. Wenn wir nur ein bisschen am Jahresende und während des Karnevals eingeschränkt hätten, müssten wir jetzt nicht alles schließen", sagt eine andere Passantin. Hinzu kommt eine Virus-Variante, die ansteckender und unempfindlicher gegenüber Antikörpern zu sein scheint als das ursprüngliche Virus – und recht frei zirkulieren kann.

Militärpolizei vor einem Supermarkt in Rio.
© ANDRE COELHO

Präsident ruft zur Missachtung simpler Mindeststandards auf

"Das große Problem ist der Präsident", sagt Diego Xavier. "Er regt dazu an, dass die Leute sich versammeln, behauptet, dass eine Maske nicht hilft." Nun fordern Gouverneure einen nationalen Pakt mit einschränkenden Maßnahmen und mehr Impfstoffen. Präsident Jair Bolsonaro hat jedoch bereits klar gemacht, dass es mit ihm niemals einen landesweiten Lockdown geben werde. Am Tag, nachdem Brasilien zum zweiten Mal in Folge einen Höchstwert bei den Corona-Toten innerhalb von 24 Stunden registriert hatte, weihte Bolsonaro im Landesinneren das Teilstück einer Eisenbahnlinie ein, die Soja und andere landwirtschaftliche Produkte transportieren soll. "Ihr seid nicht zu Hause geblieben. Ihr seid nicht feige gewesen. Schluss mit dem 'Mimimi'", sagte er zu den Arbeitern. "Mimimi" ist ein umgangssprachlicher Ausdruck für Gejammere, den der Rechtspopulist und seine Anhänger benutzen, um das politisch Korrekte zu bekämpfen.

Bis zur Jahresmitte will Fiocruz, deren Impfstofffabrik im Norden Rios als die größte Lateinamerikas gilt, gut 110 Millionen Dosen des Corona-Impfstoffs von Astrazeneca auf der Basis von importiertem Arzneistoff herstellen; und in der zweiten Jahreshälfte dank Technologietransfers zudem weitere 110 Millionen Dosen völlig eigenständig produzieren können. Die Hoffnungen der Brasilianer ruhen nun auf einem Durchbruch bei den ins Stocken geratenen Impfungen – und darauf, dass, wie es im Land heißt, Gott Brasilianer ist.


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