Angeklagter Mordversuch, aber nur ein Monat Haft wegen Körperverletzung

Krimi um sieben Messerstiche: Angeklagter Mordversuch wurde gestern als fahrlässig schwere Körperverletzung beurteilt. Ein Monat Haft für einen 18-Jährigen – Enthaftung noch gestern Abend.

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Der Angeklagte war zum Tatzeitpunkt 17 Jahre alt.
© TT/Fellner

Von Reinhard Fellner

Innsbruck – Im Jahr 2015 hatte sich ein heute 18-jähriger Syrer mit seinem älteren Bruder nach Tirol durchgeschlagen. Seither fiel er unter der Obhut der Kinder- und Jugendfürsorge im Raum Hall nur positiv auf. Schnell war die deutsche Sprache erlernt, dazu zeigte sich der Bursche wissbegierig. Ähnlich sein Bruder, der bereits den Weg in die Selbstständigkeit beschritt. Dann ein Abend im September. Mit einem Freund wollte man bei einem Pakistani etwas Marihuana kaufen. Als das Trio schon dahinspaziert war, ergriff der gestern wegen versuchten Mordes angeklagte Syrer jedoch das Handy des Pakistani und machte keine Anstalten mehr, es zurückzugeben. Über Versuche, das Telefon aus der Hosentasche zu ziehen, soll der damals 17-Jährige gelacht haben.

Unterschiedliche Versionen über Tathergang

Darauf gehen die Versionen auseinander. So schilderte der Pakistani, dass der Syrer während des Streits um das Handy plötzlich und ohne Vorwarnung auf ihn mit dem Messer siebenmal eingestochen hätte. Angesichts der Blutungen hätte der Syrer darauf die Flucht ergriffen.

Der Angeklagte schilderte wiederum, in Notwehr gehandelt zu haben. Den Geschworenen nannte er dafür viele Gründe. So habe der körperlich deutlich überlegene Pakistani erst etwas Glänzendes aus der Hose gezogen und den Syrer immer wieder an der Flucht gehindert. Zum Schluss habe er ihn mit dem Gegenstand in der Hand an die Wand gedrängt und die Faust geballt – erst da habe er sein kleines Messerchen in die Hand genommen und auf den Pakistani eingeschlagen. Vom Zustechen wisse er nichts, auch nicht, warum Stiche den Pakistani in den Rücken getroffen hätten – auch jener, der beim Opfer eine Eröffnung der Brustraums mitsamt Gasbrust und somit eine an sich lebensgefährliche Verletzung hervorgerufen hatte.

Verteidigerin Claudia Renner machte sich extra die Mühe, für das Plädoyer eine Skizze des kleinen Messers anzufertigen: Länge zehn Zentimeter, Klingenlänge 5,7 Zentimeter. RA Renner: „Mein Mandant hatte nur Angst, ein versuchter Mord liegt hier mit Sicherheit niemals vor!“

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Mein Mandant hatte Angst. Hier liegt mit Sicherheit kein versuchter Mord vor!
RA Claudia Renner (Strafverteidigerin)

Gerichtsmediziner Walter Rabl wies jedoch darauf hin, dass es schon ab einer Klingenlänge von fünf Zentimetern zu Todesstichen kommen kann. Ohne Behandlung wäre das Opfer aber wohl am Kollaps der Lungenflügel verstorben.

Staatsanwalt schließt Notwehr aus

Mögliches Ende einer Tat, die für Staatsanwalt Florian Oberhofer keinesfalls gerechtfertigte Notwehr war: „Alle diskutierten Varianten sind akademischer Natur – es liegt hier keine vor!“ Eine Notwehr müsse nämlich Reaktion auf einen gegenwärtigen oder unmittelbar drohenden Angriff und dabei noch angemessen sein. Oberhofer: „Sobald Ihnen das Opfer den Rücken zudreht, besteht keine Notwehrsituation mehr. Drei der Stiche gingen aber in den Rücken!“ Zudem gäbe es laut ständiger Judikatur im Zuge eines Raufhandels das Instrument der Notwehr nicht. Zuletzt könnte sich auch der Pakistani wegen seines Handys in Notwehr befunden haben – und Notwehr gegen Notwehr sei ebenso nicht vorgesehen.

Alle Varianten zur Notwehr sind akademischer Natur. Hier liegt nämlich keine vor!
Florian Oberhofer (Staatsanwalt)

Rechtlich eine harte Nuss für die Geschworenen. Sie urteilten differenziert. So war in Verletzungsabsicht Notwehr ungerechtfertigt überschritten worden. Übrig blieb da eine fahrlässig schwere Körperverletzung eines Jugendlichen (bis drei Monate Haft). Ein Monat Haft erging nicht rechtskräftig. Der 18-Jährige wurde somit noch gestern Abend enthaftet. Verteidigerin Renner prüft nun Entschädigungen für die U-Haft.


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