„Die von Europa träumen“: Šunjić gibt Geflüchteten eine Stimme

Die Migrationsexpertin und frühere UNHCR-Sprecherin Melita H. Šunjić schildert neutral und ungeschönt neun Geschichten von Geflüchteten und geht mit der aktuellen EU-Politik hart ins Gericht.

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Das Buch beschreibt auch, wie weit die Realität oft von den Erwartungen abweicht. (Symbolbild)
© Reuters

Wien – Seit Jahren steht das Thema Migration weit oben auf der politischen Agenda in der EU. Während dabei oft nur darüber diskutiert wird, wie man sich am besten abschottet und am schnellsten zurückschiebt, gibt die Migrationsexpertin Melita H. Šunjić betroffenen Menschen in ihrem Buch „Die von Europa träumen“ eine Stimme. Neun Fallgeschichten geben Einblicke in die dramatische Lebensrealität vieler Flüchtenden, in anschließenden Sachkapiteln erörtert Šunjić die aktuelle Politik.

Neutral und ohne zu emotionalisieren gibt Šunjić (Flucht-) Geschichten von Flüchtlingen und Migranten aus verschiedenen Ländern, auf verschiedenen Routen wieder. Sie geht dabei auf die oft recht nachvollziehbaren Fluchtgründe ein, schildert die meist dramatischen und traumatischen Erlebnisse während der Flucht und gibt Einblicke in die zermürbende Realität vieler bei der Ankunft in Europa.

Die Kurzgeschichten porträtieren zwar keine real existierenden Personen – wenn auch die Kapitel der Fallgeschichten Namen wie „Dorine aus Kamerun“, „Djamal und Becca aus Syrien“ oder „Imani und Idris aus Somalia“ tragen. Es sind vielmehr prototypische Beispiele, die sich wiederholende Muster und Erfahrungsberichte aus Tausenden Interviews zusammenfassen. Alle Inhalte, alle Details sind aber wahr, wie die Autorin und langjährige Pressesprecherin des Flüchtlingshochkommissariats der Vereinten Nationen (UNHCR) betont.

Das Bild bekommt Risse

Eines haben alle Protagonisten gemein: Als sie ihrer Heimat den Rücken kehren, ist keinem von ihnen bewusst, welch beschwerliche Zeit sie erwarten würde. „Weder zu Hause noch unterwegs hatte er je daran gedacht, dass das Leben in Europa schwierig sein könnte“, schreibt Šunjić etwa über Berhane aus Eritrea. Getrieben von Perspektivenlosigkeit wie Berhane oder Mamadou aus dem Senegal, Krieg wie im Falle von Djamal und Becca sowie Karim aus Syrien oder Angst vor Unterdrückung wie Asif aus Afghanistan oder Grace aus Nigeria, machten sie sich auf, mit dem Ziel eines besseren Lebens für sich und ihre Familie vor Augen.

Doch je näher sie Europa kommen, desto mehr Risse ziehen sich durch das geschönte Bild eines Kontinents der Freiheit und Möglichkeiten für alle – wie es über Social Media von jenen, die es bereits „geschafft“ haben, transportiert wird. Hier zeigt die Autorin einen traurigen wie gefährlichen Teufelskreis auf: Viele der Asylwerber berichten gegenüber ihren Familien in der Heimat aus Scham nicht über ihre Schwierigkeiten (keine Möglichkeit zu arbeiten so lange das Asylverfahren läuft, ergo wenig bis kein Geld, das nach Hause geschickt werden kann), geschweige denn über psychische Belastungen (Gewalt und Folter während der Flucht, Rassismus im Aufnahmeland). Sie gaukeln stattdessen ein gutes, neues Leben vor – das wiederum jene, die eine Flucht nach Europa in Erwägung ziehen, motiviert.

Motiviert werden diese freilich auch von Schleppernetzwerken, die immer schamloser und mächtiger werden. Aber: Da es so gut wie keine Möglichkeiten der legalen Einreise, etwa zur Arbeitsmigration, in die EU gibt, sind viele „gewissermaßen genötigt, Dienste von Schleppern in Anspruch zu nehmen“, erklärt Šunjić. Der Fokus auf Grenzschutz ist ihrer Ansicht nach deshalb irreführend und nicht effektiv. Interessant ist hier ein Aspekt, den die Autorin nur nebenbei erwähnt: Entlang der Balkanroute wurden Schleppernetzwerke laut ihrer Analyse erst so richtig aktiv, nachdem die Route – auch auf Betreiben von Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) – Anfang 2016 geschlossen wurde.

Harte Kritik an EU

In den sieben Sachkapiteln am Ende des kurzweiligen Buches analysiert die Migrationsexpertin vor allem die Probleme in Europa selbst. Mit der EU-Politik geht sie dabei hart ins Gericht und attestiert ihr „Doppelbödigkeit“, da sie einerseits auf Abschreckung abziele, man andererseits aber auf Zuwanderung angewiesen sei (Stichwort Erntehelfer und Pflegerinnen). Sie thematisiert die Notwendigkeit von Seenotrettung und erzählt, welche Migrationspolitik sich Betroffene selbst wünschen.

Im Laufe der Lektüre wird für den Leser eines immer deutlicher: Stimmen von Betroffenen hört man sehr (viel zu) selten. Und: Sehr viele Geflüchtete sind in Europa unglücklich und frustriert, haben aber gleichzeitig wenig andere Optionen. „Früher hatte sie sich nach Europa geträumt, wenn sie sich ein gutes Leben vorstellte. Heute hatte sie nicht einmal mehr Träume, nur diese schreckliche Angst vor dem Leben“, heißt es über Imani aus Somalia. Nur eine der neun Fallgeschichten hat ein Ende, das annähernd als „happy“ bezeichnet werden kann. (APA)

Buch

Melita H. Šunjić, "Die von Europa träumen. Wie Flucht und Migration ablaufen". Picus Verlag, Wien, 2021. 208 Seiten; 22 Euro. ISBN 978-3-7117-2095-5


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