US-Stardirigent James Levine 77-jährig gestorben

Levine wurde einst als „Amerikas Top-Maestro“ gewürdigt, 2018 kamen im Zuge der MeToo-Debattte jedoch heftige Vorwürfe gegen ihn auf. Nun starb der Dirigent an natürlichen Ursachen.

James Levine im Jahr 2007.
© MIGUEL MEDINA

New York – Eine große Musikkarriere, die unschön zu Ende ging: Auf diese knappe Formel lässt sich der Berufsweg von James Levine bringen. 2018 schied der Stardirigent nach vier Jahrzehnten im Zuge von heftigen MeToo-Vorwürfen gegen ihn von der New Yorker Metropolitan Opera, worauf gegenseitige Schadenersatzprozesse folgten, die man 2019 außergerichtlich beilegte. Nun ist der US-Maestro, wie erst jetzt bekannt wurde, bereits am 9. März in Palm Springs im Alter von 77 Jahren gestorben.

So prägend Levine später für die Musikwelt der Ostküste werden sollte, sein Debüt feierte der gelockte Klaviervirtuose, der am 23. Juni 1943 geboren wurde, weder in Boston noch New York, sondern 1953 mit dem Cincinnati Orchestra und damit in seiner Heimatstadt. Er lernte bei der legendären Klavierpädagogin Rosina Lhévinne und an der Juilliard School in New York. Der ungarische Dirigent George Szell holte ihn zum Cleveland Orchestra, wo Levine von 1965 bis 1972 auch am Cleveland Institute of Music (CIM) lehrte. Aus dieser Zeit und bis in die 1980er-Jahre reichten die #MeToo-Vorwürfe von vier Männern. Drei von ihnen behaupteten, Levine habe sie erstmals missbraucht, als sie noch Teenager waren.

„Leviniten“ Vorschriften gemacht und bedrängt

Der „Boston Globe“ deckte die Affäre nach Gesprächen mit mehr als 20 Studenten und Ex-Kollegen Levines auf. Seinen als „Leviniten“ bekannten Verehrern soll Levine vorgeschrieben haben, „was sie lesen, wie sie anziehen, was sie essen, wann sie schlafen – sogar, wen sie lieben“, schrieb die Zeitung. Bei ihm Zuhause soll er sie musikalischen Tests unterzogen und auch zum Sex gedrängt haben.

Die Schlagzeilen über Levines Suspendierung und seine Entlassung versetzten vor drei Jahren der Operngemeinde einen Schock. Schließlich hatte Levine seit seinem Debüt 1971 mehr als 2.500 Aufführungen von 85 Opern am Haus dirigiert und war 1983 vom Time-Magazin auf der Titelseite als „Amerikas Top-Maestro“ gewürdigt worden. Nun wurde er gemeinsam mit Startenor Placido Domingo, der seinen Posten an der Oper von Los Angeles aufgab, der ranghöchste Vertreter der Klassikwelt, der im Zuge der #MeToo-Debatte seinen Job verlor. Nicht nur die Met distanzierte sich vom Dirigenten, auch das Boston Symphony Orchestra, wo Levine von 2004 bis 2011 als musikalischer Direktor tätig war, nahm Abstand von Engagements.

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Auch in Europa kein Unbekannter

So prägend Levine für das Musikgeschehen im Big Apple war, war der Maestro auch in Europa kein Unbekannter: Zusätzlich zu seiner Tätigkeit in New York war er als Nachfolger von Sergiu Celibidache von 1999 bis 2004 Chefdirigent der Münchner Philharmoniker. Bei den Bayreuther Wagner-Festspielen war er zwischen 1982 und 1998 häufig zu Gast.

Doch bereits damals wurde Levine immer wieder von gesundheitlichen Beschwerden heimgesucht und dirigierte zuletzte im Rollstuhl mit Hilfe zweier Assistenten. Nun verstarb die prägende Figur der Klassikwelt der US-Ostküste in Palm Springs und damit an der Westküste – an natürlichen Ursachen, wie sein Arzt bestätigte. (APA)


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