Kinder in der Pandemie: Es dauert, bis verletzte Seelen wieder heilen

Vermehrt leiden Kinder unter Angst- und Traumasymptomen. Die Folgen dieser Entwicklung werden Mediziner über das Ende der Pandemie hinaus beschäftigen.

Kleinkinder haben vermehrt somatische Symptome wie Bauchschmerzen, zeigt eine Studie der Uniklinik Innsbruck. Mehr als 700 Familien aus Nord- und Südtirol haben an der Erhebung teilgenommen.
© APA/dpa/Julian Stratenschulte

Von Benedikt Mair

Innsbruck – Sie kapseln sich ab oder werden aggressiv, zeigen andere Verhaltensauffälligkeiten und haben diffuse Schmerzen. Kinder leiden unter der Pandemie. Und mit deren Dauer scheint die Belastung anzuwachsen. Vermehrt treten bei den Drei- bis Zwölfjährigen Angst und Traumasymptome auf. Darauf lassen Zwischenergebnisse einer Studie der Universitätsklinik Innsbruck schließen, die gestern vorgestellt wurden.

703 Familien und zusätzlich 224 Kinder aus Nord- und Südtirol haben an den Befragungen teilgenommen. Es war der zweite Durchlauf der Erhebung, die im März 2020 gestartet war und auf insgesamt zwei Jahre angelegt ist. „Die Kinder sind deutlich belasteter, die Symptome haben sich summiert“, sagt Kathrin Sevecke, Studienleiterin und Primaria an der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Hall in Tirol. „Die Pandemie hinterlässt Spuren. Mittlerweile zeigen rund 15 Prozent der Kinder Symptome, die auch klinisch relevant sind. Im März waren es nur drei Prozent.“

Psychologin Silvia Exenberger, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Studie beteiligt ist, berichtet, „dass sich die Auffälligkeiten verschlechtert haben“. Oft lägen diese im „behandlungswürdigen Bereich. Die Kinder geben sogar selbst an, dass die Angst gestiegen ist. Buben zeigen wesentlich mehr Aggressionen als Mädchen.“ Zugenommen hätten wütendes und zorniges Verhalten aber bei beiden Geschlechtern. „Die Jüngeren, etwa Kindergartenkinder, weisen eher somatische Symptome auf. Sie haben Kopf- und Bauchweh, ziehen sich eher zurück. So nehmen es zumindest die Eltern wahr“, sagt Exenberger. „Die gefühlte Lebensqualität ist derzeit so niedrig wie zu Zeiten der Quarantäne im März 2020.“ Obwohl die Beschränkungen wesentlich milder seien.

Und wenn die Maßnahmen zurückgenommen werden, ist alles wieder gut? Nein, glaubt Studienleiterin Sevecke. „Ich habe den Eindruck, durch die Pandemie wachsen psychisch belastete und kranke Kinder heran. Und eine Krankheit nimmt nicht sofort ab. Das kann mitunter Monate dauern, eventuell auch länger.“ Bereits jetzt seien die psychiatrischen Einrichtungen übervoll, täglich gebe es neue Akut- und Krisenaufnahmen, schildert sie die Lage in Hall. Anderen Instituten in Österreich gehe es ähnlich. Sevecke, die auch Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Kinder-und Jugendpsychiatrie ist, forderte mehr Therapieplätze und Ressourcen für die Behandlung.

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Die Studie der Uniklinik wird in den kommenden Monaten fortgesetzt, jetzt sollen Pädagogen, Kindergarten- und Schulleiter zu Wort kommen, um Modelle für die Bewältigung künftiger Krisen zu entwickeln. Interessierte sollen eine E-Mail an hall.kjp.seelische-gesundheit@tirol-kliniken.at schreiben.

Jugend fühlt sich nicht gehört

Die 16- bis 25-Jährigen haben nach einem Jahr Corona-Ausnahmezustand das Gefühl, ignoriert und von der Politik nicht ausreichend gehört zu werden. Viele von ihnen blicken trotz starker Belastung optimistisch in die Zukunft, sie wollen nicht als „verlorene Generation“ angesehen werden. Das geht aus einer gestern präsentierten Umfrage des Radiosenders Ö3 hervor. 35.000 junge Menschen haben daran teilgenommen, 15.000 der beantworteten Online-Fragebögen hat das Sozialforschungsinstitut SORA ausgewertet. Mit dem Ergebnis, dass die meisten Freunde und Freundinnen (92 Prozent) und Musik (90 Prozent) für ihr Wohlbefinden brauchen. Die Hälfte der Umfrageteilnehmer leidet sehr unter den eingeschränkten sozialen Kontaktmöglichkeiten, ein Viertel befürchtet, den anfallenden Schuldenberg nach der Pandemie alleine tragen zu müssen. (TT, APA)


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