US-Gouverneure lockern Corona-Regeln, Normalität aber nicht absehbar

In den USA kehrt mit einer fortschreitenden Impfkampagne wieder mehr Normalität ein. Eine Rückkehr zu Vor-Pandemiezeiten wird jedoch noch dauern. Denn die Angst vor Ansteckungen bleibt vorerst.

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In Texas wurde die Maskenpflicht und andere Maßnahmen bereits wieder aufgehoben. Dafür setzte es harsche Kritik der Bundesregierung.
© JUSTIN HAMEL

Von Walter Pfaeffle/APA aus Hilton Head Island

Hilton Head (South Carolina) – Das Dienstleistungsgewerbe in den USA kann wieder hoffen: Unter dem Druck der Bevölkerung sehen sich immer mehr Gliedstaaten der USA gezwungen, die Einschränkungen im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie zu lockern. Wann wieder normale Zustände herrschen ist allerdings nicht absehbar. Der Grund: Viele Menschen werden aus Angst vor Ansteckungen ihr Verhalten auch nach der Aufhebung der Einschränkungen nicht ändern, sagen Volkswirte.

Man stelle sich vor: Alle Restaurants sperren von einem Tag zum nächsten auf und keiner kommt. Und Fitness-Studios warten vergeblich auf die Rückkehr ihrer Mitglieder. Die rollen bis auf Weiteres die Trainingsmatte im Wohnzimmer aus, um der vermeintlichen Ansteckungsgefahr zu entgehen, sagen Clubbetreiber. Kneipiers, die trotz der staatlichen Überbrückungshilfen am Rande des Ruins stehen, sind frustriert. Zehntausende von Bars und Restaurants sind bereits pleite oder haben Konkursantrag gestellt. Etliche US-Staaten versuchen nun, den Menschen Mut zu machen, indem sie die Schutzmaßnahmen lockern.

44 Millionen US-Amerikaner vollständig geimpft

Die derzeitigen Massenimpfungen könnten helfen. Seit Beginn der Covid-19-Impfstoffverteilung am 14. Dezember wurden nach Mitteilung der Centers for Disease Control and Prevention (CDC) mehr als 126 Millionen Dosen verabreicht. Inzwischen sind 44 Millionen Menschen vollständig geimpft. Das sind 13,5 Prozent der Gesamtbevölkerung von 330 Millionen. Doch volkswirtschaftlichen Studien zufolge wird der Normalzustand erst dann zurückkehren, wenn der Verbraucher die Angst vor dem Corona-Virus endgültig abgeschüttelt hat.

"Sinkende Fallzahlen, nicht irgendwelche Anordnungen der Regierung, treibt die Menschen", sagt Chad Syverson, ein Wirtschaftswissenschafter an der Universität von Chicago, in einem Interview mit der Zeitung The New York Times. "Wenn die Zahlen sinken, verlassen die Leute zunehmend ihre Heime. Die amtlichen Lockerungen selbst spielen eine untergeordnete Rolle".

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Im Bundesstaat Texas sind laut CDC 7,1 Prozent der fast 30 Millionen Einwohner vakziniert. Der "Lone State" ließ die Maskenpflicht und andere Covid-19-Einschränkungen am 10. März auslaufen. Die vom republikanischen Gouverneur Greg Abbott getroffenen Beschlüsse stoßen aber auf Kritik. Ärztekammern und Abbotts politische Gegner warnen vor der Gefahr einer neuen Pandemiewelle. Selbst die eigenen Parteigenossen kritisieren ihn, obwohl schon zuvor die Maskenpflicht kaum durchgesetzt werden konnte.

Gouverneur Greg Abbott setzt auf ein Ende der Corona-Maßnahmen.
© JOEL ANGEL JUAREZ

Biden: "Nicht die Zeit, um wie ein Neandertaler zu denken"

Und Kaliforniens demokratischer Gouverneur Gavin Newsom twittert laut der Nachrichtenagentur AP giftig: "Absolut rücksichtslos". Präsident Joe Biden, wie Newsom ein Demokrat, wird deutlicher. Dies sei nicht der Augenblick, um wie ein Neandertaler zu denken, maßregelt er Abbott und seinen Amtskollegen in Mississippi, dem Republikaner Tate Reeves, der ebenfalls die Maskenpflicht aufgehoben hat. Und in Chicago dürfen Bars, Restaurants und andere Kleinbetriebe die Kapazität in Innenräumen auf 50 Prozent erhöhen und bis 1 Uhr morgens geöffnet bleiben.

Abbott rudert sofort zurück. Die Aufhebung der landesweiten Vorschriften bedeute nicht das Ende der persönlichen Verantwortung, sagt er laut AP im überfüllten Speisesaal eines Restaurants in der Stadt Lubbock. Seine Anordnung sei so gemeint, dass staatliche Mandate nicht mehr benötigt würden. Target, einer der größten Einzelhändler des Landes, hält "bis auf Weiteres" an der Maskenpflicht in Texas fest.

Wie im Rest des Landes nimmt in Texas die Zahl der Ansteckungen und Todesfälle deutlich ab. Krankenhauseinweisungen sind auf den niedrigsten Stand seit Oktober gesunken, und der Sieben-Tage-Durchschnitt der positiven Tests beläuft sich aktuell auf etwa 7.600 Fälle, gegenüber mehr als 10.000 Mitte Februar. Studien zeigen aber, dass die Mehrheit der Menschen in Texas Angst hat, angesteckt zu werden und deswegen weitgehend an den Schutzmaßnahmen festhält.

Fluglinien notieren wieder Anstieg an Buchungen

Andererseits gibt es Hinweise darauf, dass die Dinge in die richtige Richtung laufen. Selbst Menschen, die sich aus Angst vor Covid-19 strikt an den Lockdown halten und Berührungen mit ihren Mitmenschen meiden, sehen Licht am Ende des Tunnels. Die Fluggesellschaften etwa melden einen deutlichen Anstieg der Buchungen. Beliebte Flugziele sind oft ausverkauft. Eine Maschine der American Airlines (AA) von New York nach Charlotte, North Carolina, war kürzlich voll besetzt.

Ein Fluggast konnte erst am nächsten Tag auf die Ferieninsel Hilton Head Island in South Carolina weiterfliegen, weil der Anschlussflug ausgebucht war. Aber: Wer gegen die Maskenpflicht verstoßt, darf künftig nicht mehr mit AA fliegen, warnt die Flugbegleiterin mit freundlicher Stimme. Und wie steht es um die Abstandsregeln? Die lassen sich selbst in der Business Class nicht einhalten; daher gibt es auch keine.

An Schutzmaßnahmen halten auch ohne staatliche Anordnung

Loni Lüke, früher Coach für Prominente aus Wirtschaft und Politik in Berlin, hat sich vor mehreren Jahren in Hilton Head Island als Immobilienverkäuferin niedergelassen. Sie hält strenge Schutzmaßnahmen gegen das Virus für absolut angebracht. Würde sie ihr Verhalten ändern, wenn die Behörden das Ende aller Einschränkungen verkündeten? Die Antwort ist ein klares Nein. Sie geht sogar einen Schritt weiter. "Würde die Maskenpflicht morgen aufgehoben, wäre ich vielleicht noch vorsichtiger im Umgang mit Menschen, die keine Maske tragen, sagt sie.

Hilton Head Island gehört zu den Gewinnern der Pandemie. Wohnungen und Häuser sind aufgrund der steigenden Nachfrage und der niedrigen Preise im Vergleich zu den Großstädten nur für kurze Zeit auf dem Markt. "Das größte Problem ist das dürftige Inventar an Häusern und Wohnungen", berichtet Lüke. Wegen Covid-19 sind auch die persönlichen Interaktionen mit Kunden eingeschränkt. Unter solchen Umständen ist es schwer, als Immobilienmakler Geld zu verdienen. Nach Mitteilung des Branchenverbands National Association of Realtors gibt es landesweit erstmals seit vielen Jahren mehr Makler als Immobilien zum Verkauf.


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