Säbelrasseln der USA im Vorfeld der Winterspiele in Peking

Ohne einen Boykott der Winterspiele 2022 zu erklären, wollen die USA mit Verbündeten über ein gemeinsames Vorgehen diskutieren. Peking reagiert verärgert, das ÖOC will sich nicht instrumentalisieren lassen.

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Schon im Vorfeld der Olympischen Sommerspiele 2008 in Peking kam es weltweit wie hier in Belgien zu Protesten. Das wiederholt sich.
© LIEVEN VAN ASSCHE

Von Florian Madl

Innsbruck – Die Stimme von Peter Mennel, Generalsekretär des Österreichischen Olympischen Komitees, hebt sich beim Wort Boykott merklich: „Es kann nicht sein, dass dieses Thema auf die Athleten abgewälzt wird. Wir lassen nicht zu, dass weltpolitische Maßnahmen auf dem Rücken von Sportlern ausgetragen werden.“ Als wären die Corona-Pandemie und deren Unabwägbarkeiten nicht genug, muss sich der Weltsport im Vorfeld der Winterspiele 2022 in Peking nun auch noch mit einer Menschenrechtsdiskussion befassen. Nicht neu übrigens, zuletzt erlebte man das Szenario vor den Winterspielen 2014 in Sotschi (RUS).

Wir lassen nicht zu, dass weltpolitische Maßnahmen auf dem Rücken von Sportlern ausgetragen werden.
Peter Mennel, Generalsekretär des ÖOC

Was war geschehen? Zwischen China und den USA entbrannte ein heftiger Streit über Forderungen eines möglichen Boykotts der Olympischen Winterspiele 2022 in Peking. Der Pekinger Außenamtssprecher Zhao Lijian übte gestern scharfe Kritik an den USA, nachdem der Sprecher des US-Außenministeriums in Washington am Vortag gesagt hatte, dass die USA wegen der Menschenrechtsverletzungen in China mit Verbündeten über einen möglichen Olympia-Boykott sprechen wollten. „Die Politisierung des Sports läuft der olympischen Charta zuwider, schadet den Interessen aller Sportler und der internationalen olympischen Bewegung“, sagte Zhao Lijian vor der Presse in Peking. Das Olympische Komitee der USA und der Rest der olympischen Bewegung würden da nicht mitmachen. China sei zuversichtlich, mit allen Parteien großartige Spiele sicherstellen zu können.

Die USA werfen China Menschenrechtsverletzungen vor, besonders im Umgang mit den Minderheiten der Uiguren und Tibeter sowie bei der Unterdrückung der demokratischen Kräfte in Hongkong. Im Februar hatte ein Bündnis von 180 internationalen Menschenrechtsgruppen und Vertretern von Minderheiten in China die Staatengemeinschaft aufgefordert, nicht an den Spielen im Februar 2022 teilzunehmen. „Alles andere wird als Unterstützung der autoritären Herrschaft und der unverhohlenen Missachtung von Bürger- und Menschenrechten durch die Kommunistische Partei Chinas angesehen“, hieß es in einem offenen Brief.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) mit dem deutschen Präsidenten Thomas Bach hat alle Boykott-Forderungen zuletzt zurückgewiesen. Im März sagte Bach, dass ein Boykott die „falsche Antwort auf solche Fragen“ sei. Sieben republikanische US-Senatoren riefen im Februar dazu auf, Peking die Spiele zu entziehen. Sie verwiesen auf die Verfolgung von Uiguren und Tibetern sowie Chinas Drohungen gegenüber Taiwan. Der Senator Rick Scott brachte dazu eine Resolution im US-Senat ein.

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Chinas Außenamtssprecher hob auch hervor, dass die USA selbst nichts in die Richtung gesagt hätten, dass sie den Spielen fernbleiben wollten. Er wies zudem die erhobenen Vorwürfe über einen „so genannten Völkermord“ in Xinjiang als „nichts anderes als eine Jahrhundert-Lüge“ zurück.

Dass China die Olympischen Spiele 2022 hat, weiß man seit dem Jahr 2015. Ich frage mich, warum man da nicht früher aktiv war.
Politikwissenschafter Peter Filzmaier

Politikwissenschafter Peter Filzmaier reiht die angedachte Boykott-Drohung in eine lange Liste ähnlich gearteter Ankündigungen ein. „Dass China die Olympischen Spiele 2022 hat, weiß man seit dem Jahr 2015. Ich frage mich, warum man da nicht früher aktiv war.“ Der Wiener sieht sich in seiner Wahrnehmung bestätigt: „Letztlich dienen solche Drohungen mehr dem Eigennutz, es kommt einer Fortführung des Kalten Krieges gleich.“

Chronologie der Olympia-Boykotte

  • 1936: Die USA wollten Spiele in Berlin wegen der Nazis boykottieren, was ihr nationaler Olympia-Präsident Avery Brundage verhinderte.
  • 1952: National-China (Taiwan) blieb den Spielen in Helsinki fern, weil die Volksrepublik China („Rotchina“) eine Einladung bekommen hatte.
  • 1956: Ägypten, Libanon und Irak sagten die Teilnahme in Melbourne wegen Israel ab, die Niederlande, Spanien und die Schweiz aus Protest gegen die sowjetische Vorgangsweise. China fehlte, weil Taiwan zugelassen wurde.
  • 1968: Nach Aufnahme Südafrikas in das IOC drohten 40 afrikanische Staaten mit Boykott, Südafrika wurde wieder ausgesperrt.
  • 1972: 40 schwarzafrikanische Staaten drohten in München wegen der Rassenpolitik in Rhodesien (Zimbabwe) mit der Abreise, das Land wurde ausgeschlossen.
  • 1976: Weil die Kanadier die VR China diplomatisch anerkannt hatten, sollte die „Republik China“ (so genanntes Nationalchina) in Montreal als „Taiwan“ starten und reiste ab. 22 afrikanische Staaten verlangten den Ausschluss Neuseelands, weil dessen Rugbymannschaft kurz zuvor in Südafrika gespielt hatte. Das IOC blieb hart, worauf sich die 22 afrikanischen Staaten zum Boykott entschlossen.
  • 1980/1984: Die meisten westlichen Länder reisten nicht zu den Spielen in Moskau, 1984 folgte in Los Angeles die Antwort.
  • 1988: Nordkorea boykottierte die Sommerspiele beim Erzrivalen in Seoul, dem schlossen sich allerdings nur Kuba, Äthiopien, Nicaragua, Albanien und die Seychellen an.

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