Studie erregt Aufsehen: Asthma-Sprays dürften gegen Covid-19 helfen

Britische Forscher machten eine Beobachtung, was Asthmatiker unter Corona-Patienten betrifft. Daraus wurde eine Studie, die den Nutzen von Asthma-Inhalatoren zur Behandlung der Lungenkrankheit Covid-19 testen sollte. Die Ergebnisse sind ermutigend.

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Asthma-Sprays könnten helfen, den Verlauf von Covid-Erkrankungen zu mildern.
© Philipp von Ditfurth

London – Die Behandlung von Patienten, die mit dem neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2 infiziert sind und die Lungenkrankheit Covid-19 entwickelten, stellt Mediziner seit einem Jahr vor große Herausforderungen. Während in Rekordgeschwindigkeit gleich mehrere Impfungen entwickelt wurden, ist weiterhin kein konkretes Medikament auf dem Markt. Noch wird die Anwendung unterschiedlicher Medikamente, die eigentlich zu einem anderen Zweck entworfen wurden, getestet. Im schlimmsten Fall bleibt derzeit nichts anderes übrig, als Patienten mit schwersten Verläufen künstlich zu beatmen.

Doch nun lässt eine neue Studie Hoffnung aufkeimen, was eine mögliche Behandlungsmethode angeht. Das in der anerkannten Fachzeitschrift The Lancet vorgestellte Papier basiert auf einer Beobachtung, die im Laufe der Pandemie gemacht wurde: Demnach waren unter den Patienten, die mit Covid-19 im Spital landeten, Asthmatiker deutlich unterrepräsentiert. Eigentlich müssten Menschen mit einem chronischen Defekt der Lunge besonders anfällig für schwere Verläufe eines Virus sein, das vor allem die Lunge angreift. Es müsse einen Grund haben, wenn dem nicht so sei, dachten sich die Wissenschafter. Und stellten die Hypothese auf: Der Gebrauch von inhalierten Glukokortikoiden sei dafür verantwortlich.

Probanden wurden mit Inhalatoren behandelt

Nun muss eine solche Hypothese erst in einer wissenschaftlichen Studie bestätigt werden, um Aussagekraft zu haben. Mediziner in England teilten deshalb Patienten in zwei Gruppen auf. Eine Gruppe von Covid-19-Erkrankten wurde mit herkömmlichen Methoden behandelt. Die andere Gruppe wurde aufgefordert, zweimal am Tag je zwei Stöße von Budesonid zu inhalieren, einem weit verbreiteten Glukokortikoid. Einerseits wurde der Verlauf der Krankheit anhand von Besuchen im Spital oder stationärer Aufnahme beobachtet, andererseits beantworteten die Teilnehmenden laufend Fragebögen zu ihren Symptomen.

Und das ermutigende Resultat: In quasi allen Bereichen ging es den Patienten, die mit dem inhalierten Budesonid behandelt wurden, besser als ihren Kollegen in der zweiten Gruppe. Das Risiko eines Spitalsaufenthaltes wegen Covid-19 war in der Gruppe der mit dem Asthmay-Spray behandelten Patienten um 91 Prozent geringer. Und nicht nur das: Die Patienten litten durchschnittlich einen Tag weniger unter Symptomen und hatten weniger oder überhaupt nicht mit Fieber zu kämpfen. Schließlich, was besonders für die Behandlung von teilweise schweren Langzeitfolgen von Corona-Erkrankungen wichtig werden könnte: Patienten, die Budesonid einnahmen, litten signifikant weniger an Langzeitfolgen. Zum Drüberstreuen: Das Medikament ging mit nur wenigen unerwünschten Nebenwirkungen einher.

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Kurz gefasst: Die frühe Einnahme von Budesonid via Inhalator reduzierte das Risiko eines Spitalsaufenthaltes und verringerte die Erkrankungsdauer.

Daten zur Studie

167 Teilnehmer wurden als potentiell Kandidaten für die Studie ausgewählt.

146 Probanden blieben übrig, nachdem 21 ausgeschlossen werden mussten.

73 erhielten die übliche Behandlung, 73 das Budesonid.

Finanziert wurde die Studie, die von Juli bis Dezember 2020 durchgeführt wurde, vom Pharmakonzern AstraZeneca.

Lauterbach spricht von "Game Changer"

Experten jubeln bereits vorsichtig, die Ergebnisse könnten den Verlauf der Pandemie ändern. Der Mediziner und SPD-Politiker Karl Lauterbach schrieb etwa per Twitter, er sehe darin einen potentiellen "Game Changer". Die Studie sei gut gemacht und zeige, dass Asthma-Sprays nicht für Asthmatikern helfe, sondern allen Covid-Erkrankten. Die Ergebnisse der Behandlung mit Budesonid machen für Lauterbach "klinisch Sinn, weil die antientzündliche Wirkung in der Lunge den Verfall der Lungenfunktion verhindern kann." Manche Ärzte würden bereits auf diese Behandlungsmethode setzen und er würde es nach Vorlage dieser Studie auch tun, so Lauterbach.

Nun wird sich zeigen, ob sich Asthma-Sprays als eine Methode zur Behandlung von Covid-19 durchsetzt. Sollte endlich ein effektives Mittel gegen die Erkrankung gefunden worden sein, verheißt das Hoffnung für den weiteren Verlauf der Pandemie.

Mittel in Tirol bereits im Einsatz

Das Mittel kommt bei Covid-19 in Österreich bereits zum Einsatz, erläuterte die Lungenfachärztin Judith Löffler-Ragg von der Medizinischen Universität Innsbruck, allerdings erst bei starken Beschwerden wie krampfartigem Husten: "In Einzelfällen ist es bereits im klinischen Einsatz. Und zwar ist das ein inhalatives Cortison, das anti-entzündlich wirkt", berichtete Löffler-Ragg im "Ö1 Mittagsjournal" am Montag.

Johannes Steinhart, Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer, forderte das Gesundheitsministerium auf, den Einsatz des Wirkstoffs Budesonid gegen Covid-19 "tatkräftig zu unterstützen". "Das kann ein bedeutender Fortschritt für uns sein, weil die Behandlung mit dem Wirkstoff drei Tage nach Symptombeginn erfolgt. Das macht einen Riesenunterschied", sagte Steinhart, auch Bundeskurienobmann der niedergelassenen Ärzte. Schon jetzt würden in Spitälern Steroide zur Behandlung eingesetzt werden. "Doch drei Tage nach Symptombeginn kommt niemand ins Spital, da sind die Erkrankten zuhause oder suchen ihren Hausarzt auf", betonte Steinhart.

Mittel zu Beginn der Infektion geben, um Spitäler zu entlasten

Die Studie lege nahe, dass es bereits am Beginn einer Infektion eine Chance gebe, schwere Verläufe zu verhindern und die Spitäler so zu entlasten. Dass der sofortige Schutz vor einer schweren Erkrankung auch helfen könnte, Long-Covid-Erkrankungen zu vermeiden, sei perspektivisch ebenfalls ermutigend.

"Wir müssen jede Möglichkeit nutzen, um Tote, Erkrankungen und Long-Covid-Fälle zu minimieren, bis wir endlich durchimpfen können. Das wird ja bekanntlich leider noch dauern, da wir einen gravierenden Impfstoffmangel haben", sagte Steinhart. "Das Ministerium sollte sich bei Budesonid um die Unterstützung von entsprechenden Folgestudien, internationale Vernetzung und standardisierte Therapieoptionen kümmern", forderte Steinhart abschließend. (mats, TT.com)

💬 Studienautoren: "Phase-III-Studie notwendig"

Die Studienautoren wiesen in einer Stellungnahme darauf hin, dass die Ergebnisse der Untersuchung mit relativ wenigen Patienten in einer breiter angelegten Studie bestätigt werden müssen. Man brauche "dringend" eine große Phase-III Studie mit etwa 1000 Patienten, meinte dazu der Leiter des Zentrums für klinische Studien des Universitätsklinikums Jena, Frank M. Brunkhorst, gegenüber der Nachrichtenagentur dpa.


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