Von Imst in die Welt: Heute vor 70 Jahren öffnete das erste SOS-Kinderdorf

Seit am 15. April 1951 das erste Kinderdorf in Imst eingeweiht wurde, hat sich viel geändert. Doch das Ziel von Gründer Hermann Gmeiner, die „Sehnsucht nach einer intakten Familie" zu stillen, wird weiter hoch gehalten – und das in mittlerweile mehr als 540 SOS-Kinderdörfen weltweit.

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Gründer Hermann Gmeiner im ersten SOS-Kinderdorf in Imst mit einer SOS-Mutter und einem dort untergebrachten Kind. Die Kinderdörfer wurden zu einer globalen Erfolgsgeschichte.
© Sos-Archiv

Imst – Vor 70 Jahren, am 15. April 1951 ist in Imst das erste SOS-Kinderdorf eingeweiht worden. Viel habe sich seitdem geändert, berichtete der Leiter des SOS-Kinderdorfs in Imst, Jörg Schmidt. Neben der stationären Betreuung biete man heute etwa unterschiedlichste Formen ambulanter und zeitlich begrenzter Unterstützung, etwa ein „Eltern-Kind-Wohnen“. Die Integration der Eltern sah er als größte Herausforderung.

Mit der Gründung des Sozialnetzwerkes Societas Socialis (SOS) im April 1949 und dem Bau des ersten SOS-Kinderdorfes wollte Hermann Gmeiner „benachteiligten Kindern ein neues zu Hause ermöglichen“ und „die Sehnsucht jedes Menschen nach einer intakten Familie“ stillen. Bereits 1950 hatte auf dem Areal in Imst das „Haus Frieden“ seine Pforten geöffnet. Im April 1951 zogen dann 40 Kriegswaisen mit ihren SOS-Kinderdorf-Müttern in die ersten fünf Häuser ein.

Bereits 1950 hatte auf dem Areal in Imst das „Haus Frieden“ seine Pforten geöffnet. Im April 1951 zogen dann 40 Kriegswaisen mit ihren SOS-Kinderdorf-Müttern in die ersten fünf Häuser ein.
© SOS-Kinderdorf

58 Kinder leben heute im Imster Kinderdorf

Heute leben 58 Kinder im SOS-Kinderdorf in Imst, berichtete dessen Leiter Schmidt – in sieben Wohngemeinschaften und vier Eltern-Kind-Häusern. Das Areal hat sich ständig weiterentwickelt. Erst 2020 bezogen 18 auf zwei Wohngemeinschaften aufgeteilte Kinder und Jugendliche ein „nach modernsten ökologischen Standards und vom Scheitel bis zur Sohle barrierefreies“ neues Haus, erzählte Schmidt.

Schmidt leitet das Imster SOS-Kinderdorf seit neun Jahren. Den Bedarf beschrieb er als „konstant bis leicht steigend“, die Betreuung der Kinder und Jugendlichen sei heute aber „im Inhalt sehr herausfordernd“.

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Integration der Eltern als größte Herausforderung

Hermann Gmeiner auf einem undatierten Foto mit SOS-Kindern.
© APA

Die größte zu meisternde Herausforderung sei dabei die Integration der Eltern. „Es ist wichtig, dass wir als ‚Betreuungs-Profis‘ den Eltern den Platz machen“, stellte Schmidt klar. Sie seien deshalb bemüht, zwischen „Eltern und Betreuungspersonen, die die Kinder und Jugendlichen täglich begleiten und ihnen Schutz, Raum und Halt geben“ bewusst zu unterscheiden. „Die Eltern sind nicht per se böse“, stellte Schmidt klar. Für SOS-Kinderdorf würden sie – neben den Kindern und Jugendlichen und den SOS-MitarbeiterInnen – eine Art „dritte Dimension“ darstellen. Ein Ziel sei es „die Eltern wieder ins Boot zu holen“. Damit Eltern wieder Erziehungskompetenz erlangen, werden etwa begleitete Besuche und Beratungen angeboten.

Waren es zu Beginn der SOS-Kinderdorf-Geschichte vor allem Waisen, die in den Kinderdorffamilien aufgenommen wurden, seien es heute wegen „zum Teil auch unverschuldeter, gescheiterter Lebensentwürfe“ zerrüttete Familien, erklärte Schmidt. Auch wenn es „das klassische Konzept Kinderdorffamilie 2020“ mit einer Mutter-oder Vaterfigur in Österreich nach wie vor gebe, würden die Kinder heute oft von einem „Betreuungsteam“ begleitet, erklärte Schmidt. Die Kinder würden in Gruppen von üblicherweise neun Personen zusammenleben. „Pro Wohngemeinschaft fallen 216 Betreuungsstunden pro Woche an, die von sechs bis sieben Personen geleistet werden, die sich abwechseln“.

Relativ neues Konzept der „Klein-WGs“

Relativ neu sei das Konzept der „Klein-WGs“ für solche Kinder und Jugendliche, die in den klassischen neunköpfigen WGs „nicht zu halten“ gewesen seien, berichtete Schmidt. Die Betreuung „verhaltenskreativer“ junger Menschen erfordere „viel Geduld, viel Präsenz und ein großes Aushaltevermögen“. In kleineren Gruppen schaffe man es, den Kindern und Jugendlichen „immer wieder das Angebot zu machen, in eine Beziehung zu kommen“. „Wir sind für die da, die sich auf der Schattenseite der Gesellschaft befinden“, beschrieb Schmidt seine innere Motivation.

Neben den WGs stünden in Imst vier Häuser für Eltern-Kind-Wohnen zur Verfügung. Dort würden Familien bis zu zwei Jahre wohnen und betreut werden, bis die Familienverhältnisse gefestigt seien und Eltern ihre Erziehungskompetenz (wieder) erlangten.

Rund 3500 Kinder und Jugendliche in Österreich werden betreut

251 Kinder und Jugendliche seien 2019 in Tirol von SOS-Kinderdorf stationär betreut worden, durch die von Innsbruck ausgehende ambulante Familienarbeit wurden 467 Heranwachsende in ganz Tirol in ihren Familien unterstützt. Österreichweit betreut und begleitet SOS-Kinderdorf jährlich rund 3500 Kinder und Jugendliche: Etwa 2000 von ihnen, die vorübergehend oder länger nicht bei ihren Eltern leben können, haben in Wohngruppen und SOS-Kinderdorf-Familien ein „stabiles, liebevolles Zuhause“. 1500 junge Menschen werden mobil betreut oder in (Krisen-)Pflegefamilien unterstützt.

SOS-Kinderdorf-Geschäftsleiter Wolfgang Katsch, der Imster Bürgermeister Stefan Weirather, Landesrätin Gabriele Fischer und der Leiter des Kinderdorfs Imst, Jörg Schmidt, letztes Jahr bei der Schlüsselübergabe für zwei neu gebaute Häuser im Kinderdorf Imst
© Parth

Als „Wachstumssegmente“ bezeichnete Schmidt die ambulante und auch stationäre Familienarbeit und das betreute Wohnen für junge Erwachsene zwischen 14 und 21 Jahren in eigenen Garconnières. Handlungsbedarf sah der SOS-Kinderdorf-Imst-Leiter auch weiterhin im Bereich der Elternarbeit.“Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen“, zitierte er ein altes afrikanisches Sprichwort.

Große Erfolge bei Stärkung der Ursprungsfamilien

In Imst wird dieses Sprichwort gewissermaßen gelebt: Im Rahmen eines derzeit noch SOS-intern finanzierten Innovationsprojekts würden sogenannte „Familienkonferenzen“ durchgeführt. Dabei würden, so Schmidt, all jene versammelt, die mit dem jeweiligen Kind zu tun hatten: Verwandte, Lehrpersonen, Nachbarn oder zum Beispiel Fußballtrainer. Dann stelle man sich gemeinsam die Frage, was es für diese Familie an Unterstützung braucht und was jede/r Beteiligte/r dazu beitragen kann, dass die Erziehung der Kinder und Jugendlichen zu Hause gelingen kann.

Die Erfolgsquoten seien hoch, häufig werde so erreicht, die Ursprungsfamilie so zu stärken, „dass das Kind dort liebevoll aufwachsen kann“. In Holland seien solche Familienkonferenzen gesetzlich verpflichtend durchzuführen, bevor ein Kind in einer Einrichtung fremdbetreut wird. „Das ist aus meiner Sicht grandios“, meinte Schmidt dazu. Für eine nachhaltige und umfassende Einbindung der Eltern und des Umfelds fehle aber noch das „öffentliche Interesse“ und der „politische Rückhalt“, schließlich sei dafür „substanziell mehr Personal und mehr finanzielle Mittel“ nötig.

Mittlerweile mehr als 540 SOS-Kinderdörfer weltweit

Auch wenn sich die Anforderungen ständig ändern, eines steht fest: SOS-Gründer Hermann Gmeiner hat Bleibendes hinterlassen. Als er im April 1986 verstarb, gab es 233 SOS-Kinderdörfer in 85 Ländern. 2019 war SOS-Kinderdorf International mit 541 Kinderdörfern und vielen weiteren Projekten wie Familienhilfe, Bildungseinrichtungen, Krankenstationen oder Nothilfe in 136 Ländern vertreten. Laut Jahresbericht 2020 wurden mit SOS-Familienstärkungsprogrammen bisher schon knapp 400.000 junge Menschen und Familien erreicht. (APA, TT.com)


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