„Alba Nera“: Ein Reißer ohne Risiken und Nebenwirkungen

Der italienische Bestsellerautor Giancarlo De Cataldo marschiert mit seinem neuen Buch „Alba Nera“ die Gemeinplätze des Thrillergenres ab.

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Giancarlo De Cataldo ist Richter in Rom. Seit den 1990er-Jahren schreibt er Romane. „Romanzo Criminale“ machte ihn 2020 berühmt.
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Innsbruck – Mit den gängigen Etiketten „Thriller“ oder „Kriminalroman“ ist das, was in Italien als „Giallo“ angepriesen wird, kaum zu fassen. Seinen Namen hat diese genuin italienische Spielart der Spannungsliteratur von einer Reihe Heftchenromane, deren bisweilen arg abseitige Inhalte das hochhonorige Verlagshaus Mondadori seit den 1930er-Jahren sicherheitshalber in gelben Umschlägen versteckte. Die Gleichförmigkeit dieser Hülle nützten Autoren bald auch als Tarnmantel: Leonardo Sciascia zum Beispiel füllte seine „Gialli“ früh mit zornigen Analysen mafiöser Strukturen, von denen das offizielle Italien nichts wissen wollte; Giorgio Scerbanenco ließ seinen Ermittler zum Zyniker werden, weil sich in der Wirtschaftswunderwelt Moral und Moderne nicht mehr verlustfrei zusammendenken ließen. Um 1970 erreichte der „Giallo“ das Kino. Die Rudimente einer klassischen Krimihandlung wurden zum Vorwand für grelle Grausamkeiten. Messer bohrten sich in nackte Haut. Die Ermittler waren mindestens so kaputt wie die Schurken. Und das Böse ließ sich zumeist auf verdrängte Schandtaten von vorgestern zurückführen. Auch in der Literatur verabschiedete sich der „Giallo“ von Realismus und Plausibilität: Die Plots waren unwahrscheinlich, die Auflösungen ungeheuerlich.

Erst in den späten 1990er-Jahren lassen sich die Anfänge einer Gegenbewegung ausmachen, die das Genre nobilitieren wollte. In schneller Folge erschien eine ganze Reihe beinahe dokumentarischer Romane, die den Krimi als Schlüssel zur italienischen Wirklichkeit nutzen. Ein Höhepunkt der Entwicklung war Giancarlo De Cataldos „Romanzo Criminale“, der schon im Titel unterstrich, kein „giallo“, sondern eben Kriminalroman sein zu wollen. De Cataldo, im Brotberuf Richter am Berufungsgericht in Rom, verdichtet die Verstrickungen von Politik und mehr oder weniger organisiertem Verbrechen zum Sittenbild. „Romanzo Criminale“ wurde 2002 zum internationalen Bestseller. Mit Romanen wie „Suburra“ und „Die Nacht von Rom“ festigte De Cataldo seinen Ruf als unbarmherziger Chronist verkommener Verhältnisse.

Nun liegt „Alba Nera“, der jüngste Roman des Autors, in deutscher Übertragung vor. Es ist sein erster „Giallo“: ebenso grausam wie generisch, ein spekulativer Reißer. Kurz: die Abkehr von De Cataldos bisheriger Erfolgsformel.

Eine verhaltensauffällige Kommissarin stellt einem monströsen Serienmörder nach. Es geht um Fesselspiele im Folterkeller, marodierende Machos, Missbrauch und Unterwerfung.

Giancarlo De Cataldo hat aus diesen Gemeinplätzen des Genres einen herausfordernd konventionellen Thriller zusammengebaut. Einen Thriller, der seine Konventionalität selbstbewusst ausstellt. Nichts ist wirklich neu in diesem Buch. Man kennt die Situationen, weiß um die Wendungen, die sich anbahnen. Selbst die geschilderte Grausamkeit gerinnt zum Klischee. Auf seltsam vertraute Art spannend ist „Alba Nera“ trotzdem. Oder gerade deswegen: Eine geradlinig heruntererzählte Einladung, Herz und Hirn auszuschalten – und sich vom Bekannten mitreißen zu lassen. Literatur ohne Risiken und Nebenwirkungen. (jole)

Übersetzt von Karin Fleischanderl. Folio, 253 Seiten, 22 Euro.


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