Prozess wegen Mordversuchs: Zahnverlust löste brutale Attacke aus

Ein Lkw-Fahrer hatte einen Kollegen schwerst verletzt. Kontrollverlust für den Täter, Mordversuch für den Ankläger.

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Symbolfoto.
© Thomas Böhm

Von Reinhard Fellner

Innsbruck – Im Oktober wollten polnische Lkw-Fahrer am Autobahnparkplatz bei Zirl ihre Ruhepause verbringen. Whisky und Wodka sollten die Wartezeit verkürzen. Abends waren sich ein am Montag wegen Mordversuchs angeklagter 32-Jähriger und ein älterer Landsmann aus Polen derart in die Haare geraten, dass der Ältere lebensgefährliche Kopfverletzungen erlitt. Fünf Wochen lag er im Koma und leidet heute an einer Gehbehinderung sowie an Gedächtnisstörungen.

Direkt nach dem Übergriff deutete gleich vieles auf die Täterschaft des mit Blut überströmten 32-Jährigen hin. Dessen Angaben und die schwierige Tatortarbeit am nächtlichen Autobahnparkplatz erhärteten jedoch den Tatverdacht des Mordversuchs nicht. Anstatt obligatorischer Untersuchungshaft (wegen Fluchtgefahr) hieß es deshalb 2019 „freie Fahrt“ für den Polen. DNA-Gutachten zeichneten bald ein anderes Bild von der Täterschaft: So stammt die gesamte DNA in Blutspuren alleinig vom 32-Jährigen und vom Opfer.

Wohl um den Anklagevorwurf zu entkräften, war der 32-Jährige noch am Freitag freiwillig zum Prozess angereist – und übernachtete aus Geldnot wieder auf jenem Parkplatz, der einst Tatort war.

Am Montag vor dem Schwurgericht unter Vorsitz von Richterin Heide Maria Paul erklärte deshalb Strafverteidiger Mathias Kapferer, dass sein Mandant den Kollegen wohl im Zuge der Rauferei schwer verletzen, aber keinesfalls töten wollte. Dafür gäbe es laut Kapferer weder Zeugen noch Beweise oder Anhaltspunkte.

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Der Angeklagte hatte am ersten Prozesstag dazu erklärt, dass er abends von hinten gestoßen worden war und dabei einen Zahn verloren hatte. „Warum tust du mir das an?“, habe er darauf den Zechpartner gefragt und unkontrolliert auf den Mann eingeschlagen. Der 32-Jährige: „Da habe ich rotgesehen!“ Dass er noch gegen den Oberkörper getreten hatte, als der Kontrahent schon am Boden gelegen war, erklärte er mit Angst vor dem Opfer: „Er drohte mich umzubringen. Ich wollte nicht, dass er aufsteht.“ Einen Kontrollverlust wegen einer Alkoholisierung von 1,6 Promille wollten Gutachter und Gericht dem Angeklagten nicht zugestehen. Dieser konterte mit seiner Vita. So wäre er zu dieser Zeit praktisch auch immer unter Drogeneinfluss gestanden. Das habe sein Verhalten verändert und öfters zu Erinnerungslücken geführt – wie auch hier zu Einzelheiten der Tat. Ähnlich schien es gestern leider auch einem bulgarischen Fernfahrer als Zeugen zu ergehen.

Am Donnerstag soll das Urteil ergehen. Es droht lebenslange Haft.


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