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Blick auf Tirol bereitet Schmerzen: Interview mit Architekt Peter Lorenz

Architekt Peter Lorenz fordert eine tabulose Debatte über die Zukunft Tirols nach Corona: Abkehr vom Massentourismus, hin zu einer neuen Kultur in baulicher, raumordnerischer und gesellschaftspolitischer Hinsicht.

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Architekt Peter Lorenz.
© Rita Falk

Herr Lorenz, Sie haben sich wiederholt kritisch über das Erscheinungsbild Tirols geäußert. Was stört Sie daran?

Peter Lorenz: Die Zersiedelung Tirols wird trotz aller guten Vorsätze immer schlimmer. Es tut mir körperlich weh, durch Tirol zu fahren: rücksichtsloser Landschaftsfraß, krebsartige Gewerbegebiete und Tourismusdörfer in einem Wettbewerb der Hässlichkeiten, gestaltlose Ingenieurbauten. Was haben wir aus unserem schönen Land gemacht? Warum zerreißen wir Naturräume, „massakrieren“ Dörfer und lassen unsere historische Baukultur in ein tiefes Loch versinken? Welches Land wollen wir unseren Nachkommen hinterlassen?

Das ist eine vernichtende Bestandsaufnahme.

Lorenz: Wir haben eine paradiesische Natur geliehen bekommen, zu der unsere Vorfahren einen religiösen Res¬pekt gepflegt haben. Heute sehen wir nur noch eine Ware, die maximal verwertet werden kann. Wir könnten von unseren Nachbarländern lernen. Da werden für neue Lifte keine Berge weggesprengt und keine Seeufer verbaut – in St. Moritz haben Bürger Seen gekauft, um sie nicht zu verbauen. Wertschätzung der Natur geht Hand in Hand mit Hingabe zur Stadt und zur Baukultur. Unsere Natur lehrt uns Schönheit – warum produzieren wir so viel Grauenhaftes? Warum haben wir Tirol zum Dorado für „Ballermann“ und Massentourismus werden lassen? Warum brauchen wir die EU, um endlich „Natura 2000“-Gebiete auszuweisen, und den WWF, der sich für unseren Wald interessiert?

Was müsste sich ändern?

Lorenz: Ändern müssen wir unsere Einstellung zu zwei Tabus: Raumordnung und Tourismus. Beides schadet dem Land. Die örtliche Raumordnung liegt bei den Gemeinden, die aber in erster Linie um Einnahmen aus Gewerbegebieten oder um Infrastruktur kämpfen und nicht um die Raumordnung, die nur eine überörtliche sein kann. Also sind die Bürgermeister heillos befangen und überfordert. Das Ergebnis ist ein planerischer Misthaufen und keine professionelle Raumordnung. Unsere Nachbarn sind nicht perfekt, aber wesentlich weiter. Wir könnten von Vorarlberg lernen, von Graubünden oder von Südtirol.


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