Feller: "Wie viele Kinder können noch einen vernünftigen Purzigagl?"

Manuel Feller, Tirols Sportler des Jahres, über anonyme Kritik, fettleibige Kinder und das Suchtpotenzial von Online-Spielen.

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Manuel Feller ist die Spielkonsole nicht fremd. Im Gegensatz zu vielen Kindern und Jugendlichen arbeitet der Fieberbrunner täglich an seiner körperlichen Fitness.
© gepa

Haben Sie seit dem Weltcupfinale in der Lenzerheide n o c h einmal die Ski angeschnallt?

Manuel Feller: Es war geplant, dass ich noch die ÖSV-Meisterschaften am Glungezer fahre. Aber wie so oft, wenn nach einem Winter Druck und Anspannung abfallen, habe ich es stärker im Kreuz gespürt. Nichts Tragisches, aber wir wollten auch kein unnötiges Risiko eingehen. So war ich mit meiner Familie vier Tage in Kärnten, ich habe ein bisserl gefischt -und wir hatten traumhaftes Wetter und es ist schon so etwas wie Sommerfeeling aufgekommen.

Ist dort das idyllische Foto entstanden mit Söhnchen Lio und Ihrer schwangeren Lebensgefährtin?

Feller: Genau, da haben wir diesen Post gemacht, dass wir zum zweiten Mal Nachwuchs erwarten. Und seit drei Wochen bin ich schon wieder im Training, wobei es derzeit vor allem um Grundlagenausdauer und die Rumpfstärkung geht. Im Mai wären dann noch ein paar Gletschertage geplant.

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Wenn wir noch kurz auf den Winter zurückblicken. Was löst mit drei Monaten Abstand das Wintermärchen von Flachau, als Sie Ihren ersten Weltcupsieg feiern konnten, heute aus?

Feller: Gänsehaut, auch wenn es im Rückblick eigentlich das unangenehmste Rennen für mich war. Mein Sager von der Märchenwiese ist medial derart aufgeblasen worden, dass sich da schon ein ganz besonderer Druck aufgebaut hat. Dass die Geschichte derart kitschig ausgeht, war natürlich ein Traum.

Emotionaler haben Sie aber am 21. Dezember reagiert, als Sie im Slalom von Alta Badia Zweiter geworden waren.

Feller: Das war der Vorgeschichte geschuldet. Das Jahr, eigentlich die eineinhalb Jahre davor, waren richtig, richtig schwierig. Mit Bandscheibenvorfall, dem schnellen Comeback und immer wiederkehrenden Rückenproblemen. Ich habe auch in dieser Phase alles versucht, mein Bestes gegeben, wurde aber phasenweise ordentlich durch den Dreck gezogen. Noch am Vortag des Slaloms, nach meinem dritten Riesentorlauf-Nuller in Folge, gab es Nachrichten, was ich eigentlich noch in diesem Sport zu suchen habe. Ob ich mich nicht schäme den rot-weiß-roten Dress zu tragen. Und dann fährst du am nächsten Tag aufs Podest -da hat's mir die Tränen rausgedrückt.

Zu einem anderen Thema. Der Breitensport verharrt seit über einem Jahr Corona-bedingt in der Schockstarre, die Anzahl der fettleibigen Kinder steigt weiter - was löst das in einem bald zweifachen Vater aus?

Feller: Der Trend, dass sich Kinder immer weniger bewegen, hat schon lange vor Corona eingesetzt. Kinder dürfen nicht mehr viel machen, vor vielen Aktivitäten steht ein imaginäres Stoppschild. Denn "blöd hergehen" gibt es heutzutage nicht mehr, immer muss jemand schuld sein und für einen etwaigen Schaden zahlen. Dann haben wir die Online-Spiele mit Suchtpotenzial hoch zehn, viele Kinder kommen da gar nicht mehr weg. Und zuletzt hat sich das ganze Dilemma zugespitzt. Die Kinder sind durch die Verordnungen regelrecht dazu gedrängt worden, dass sie daheimbleiben, dass sie vor dem Fernseher hocken, vor dem Computer.

Ein Teufelskreis?

Feller: Sicher, auch weil man weiß, wie wichtig Bewegung für das Immunsystem und eine gesunde Entwicklung ist. Die Zahlen sind erschreckend: Viele Kinder im Kindergarten-und Volksschulalter können nicht mehr rückwärts gehen, geschweige denn rückwärts laufen, viele können nicht schwimmen und wer kann denn heute noch einen vernünftigen Purzigagl? Stattdessen wird auf den Spiel-Konsolen auf Teufel komm raus gezockt - oft stundenlang, manche auch rund um die Uhr. Und wenn ich sehe, dass immer mehr Gelder in den E-Sport fließen, weil dort das große Geschäft gewittert wird, ist das eine traurige Entwicklung. Wir müssen umdenken.

Das Gespräch führte Max Ischia


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