Klimaschutzgesetz sieht notfalls automatische Steuererhöhungen vor

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Wien – Ein Entwurf für das von ÖVP und Grünen geplante Klimaschutzgesetz sieht laut einem Krone-Bericht unter anderem automatische Steuererhöhungen vor, sollte der CO2-Ausstoß von den gesteckten Klimazielen abweichen. Umweltministerin Leonore Gewessler (Grüne) bestätigte am Sonntag in der ORF-"Pressestunde", dass dies ein Vorschlag ihres Ressorts sei, um zu verhindern, dass Klimaziele wieder wie in der Vergangenheit verfehlt werden.

"Wir müssen uns auch überlegen, was wir tun, wenn wir die Ziele nicht erreichen", so die Ministerin. Sie geht davon aus, dass der "Mechanismus als letzte Maßnahme einer Kaskade" gar nicht schlagend wird, weil "wir werden die Klimaziele erreichen". Dies soll über die angekündigte ökosoziale Steuerreform geschehen, die einen Preis für den Ausstoß von CO2 vorsieht und gleichzeitig für einen sozialen Ausgleich sorgen soll.

Nichtstun kostet laut Gewessler bis zu neun Milliarden Euro

Gewessler kritisierte, dass Teile des Entwurfs publik geworden sind. Das genau dieser Aspekt herausdrang, sei nicht verwunderlich. "Genau so macht man es, wenn man etwas verhindern will", meinte die Grün-Politikerin. Aus ihrer Sicht ist ein Handeln alternativlos. "Wenn wir nichts tun, kostet uns das bis zu neun Milliarden Euro bis 2030", sagte Gewessler zu drohenden Strafzahlungen. Mit Blick auf die Corona-Pandemie meinte sie, es mache Sinn, auf die Wissenschaft zu hören.

Im Klimaschutzgesetz soll neben einem "Klimacheck" neuer Gesetze und einem "Klimakabinett" bis 2040 für jedes Jahr ein Emissionshöchstwert verankert werden. Bei Abweichen sieht der Entwurf eine "zusätzliche Kohlenstoffbepreisung" vor, laut Kronen Zeitung würden sich Mineralölsteuer und Erdgasabgabe um die Hälfte erhöhen.

Laut Standard sieht der Entwurf auch einen Zukunftsinvestitionsfonds vor, in den Bund und Länder einzahlen, wenn die Klimaziele in einzelnen Sektoren überschritten werden. Pro Tonne Kohlenstoffdioxid zu viel sollen 100 Euro in dem Topf landen, zu 60 Prozent vom Bund, zu 40 Prozent von den Ländern.

Weiters soll ein wissenschaftlicher Beirat und das Klimakabinett, das Kanzler und Umweltministerin anführen dürften, bei einer drohenden Verfehlung der jährlichen Ziele Maßnahmen vorlegen. Die Regierung müsse dann innerhalb von drei Monaten handeln. Zur Absicherung gegen politisches Scheitern ist dann als Ultima Ratio eine Erhöhung der Mineralölsteuer (MöSt) und Erdgasabgabe nach einem Jahr vorgesehen.

Bei Diesel würde eine Anhebung der MöSt um 50 Prozent einen Preisanstieg um rund 20 Cent pro Liter bedeuten. Derzeit beträgt die MöSt bei Diesel 39,7 Cent und bei Benzin 48,2 Cent. Der Verkehr ist neben dem Heizen und der Industrie für den größten Teil der klimaschädlichen Treibhausgase verantwortlich.

Kritik von Opposition und Autofahrer-Lobby

Kritik kam aus der Opposition und der Autofahrer-Lobby. SPÖ-Umweltsprecherin Julia Herr sieht im Entwurf zum Klimaschutzgesetz "automatische Massensteuererhöhungen", weil etwa das Heizen betroffen wäre. Soziale Begleitmaßnahmen seien im Gesetz aber nicht vorgesehen. "Eine Klimapolitik auf dem Rücken derer, die ohnehin mit geringen Einkommen zu kämpfen haben, ist das 'Schlechteste' aus beiden Welten", befand Herr.

"Grüne Enteignungspolitik" ortet gar FPÖ-Verkehrssprecher Christian Hafenecker. "Eine erhöhte Normverbrauchsabgabe, Riesensteuern und kalte Enteignungen, das alles versammelt sich unter dem Deckmantel Klimaschutz und Ökosteuerreform", sprach Hafenecker in einer Aussendung von "grünen Gemeinheiten".

Natürlich brauche man ambitionierte Maßnahmen beim Klimaschutz, der Zukunftsinvestionsfonds oder der "Klimacheck" seien auch dringend notwendig und gut, meinte NEOS-Klima- und Umweltsprecher Michael Bernhard. "Eine CO2-Strafsteuer hätte aber überhaupt keinen Lenkungseffekt und würde nur die Akzeptanz von Klimaschutzpolitik untergraben." Notwendig sei "eine radikale Reform des Steuersystems, die positive Anreize setzt und klimaschonendes Verhalten belohnt, nicht bloß eine neue Steuer obendrauf".

"Steuern, Steuern über alles", kritisierte auch der Autofahrerklub ÖAMTC. Alternativen wie nachhaltige Kraftstoffe würden dagegen blockiert. "Offenbar geht es in erster Linie nicht darum, die Klimaziele zu erreichen, sondern für einkommensschwache Bevölkerungsschichten Autofahren unmöglich zu machen", glaubt Bernhard Wiesinger vom ÖAMTC.

Auch die Wirtschaftskammer stemmt sich gegen "unpraktikable, ideologisch-motivierte nationale Alleingänge" sowie "Verbote oder steuerliche Diskriminierungen, wo Alternativen fehlen", wie Generalsekretär Karlheinz Kopf in einer Aussendung erklärte. Man müsse bei den Klimazielen die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft im Auge haben. Die Kammer fordert geeignete Rahmenbedingungen für klimafreundliche Investitionen.

Die Umweltschutzorganisation Global 2000 lobt, dass ein "wirksamer Sofortmechanismus nach Schweizer Vorbild" eingeführt werden soll. Dort sei die CO2-Bepreisung längst Realität: Die Einnahmen würden mit einem "Ökobonus" rückvergütet, um einkommensschwache Haushalte zu unterstützen. Werde das Klimaziel verfehlt, steige der CO2-Preis. "Dieses in der Schweiz erfolgreich umgesetzte Konzept kann auch Österreich helfen, seine Klimaziele zu erreichen und Milliarden an Strafzahlungen zu vermeiden", so Johannes Wahlmüller, Klimasprecher von Global 2000. (APA)


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