AstraZeneca-Impfung: Warum die Risiko-Abwägung vielen schwer fällt

„Soll ich es tun?“, fragen sich viele nach Berichten über Thrombosen im Zusammenhang mit dem Impfstoff von AstraZeneca. Warum die Risiko-Abwägung oft nicht rational geschieht.

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© AFP

Von Alexandra Stober und Sandra Trauner, dpa

London, München – Noch vor einigen Wochen hatten nur die wenigsten Menschen jemals von Sinus- und Hirnvenenthrombosen gehört. Schließlich kommen solche Probleme äußerst selten vor. Dann traten Fälle nach Corona-Impfungen mit dem Präparat von AstraZeneca auf – mehr als statistisch zu erwarten waren. Etliche Behörden, darunter die europäische Arzneimittelbehörde EMA, nahmen die Fälle unter die Lupe. Ergebnis: Der Nutzen der Impfung überwiege eindeutig das Risiko.

"Der Impfstoff rettet Leben", bilanzierte der leitende EMA-Datenanalytiker Peter Arlett. Dennoch haben einige Menschen beim AstraZeneca-Impfstoff ein ungutes Gefühl. "Durch diese ganzen Medienberichte und die Aufmerksamkeit auf dieses Thema wird das eigene Risiko, an einer Thrombose zu erkranken, eigentlich überschätzt", sagte die Virologin Sandra Ciesek vom Universitätsklinikum Frankfurt im NDR-Podcast "Das Coronavirus-Update". Es sei ganz klar, "dass der Impfstoff bei weitem sicherer ist als das Risiko einer Covid-19-Infektion".

"Menschen sind keine rationalen Wesen"

Eine weitere Erklärung nennt Petra Dickmann, deutsche Expertin für Risikokommunikation. "Menschen sind keine rationalen Wesen", erläuterte die Ärztin. Eine Wahrscheinlichkeit beziehe sich auf eine Gesamtpopulation, "aber es werden individuelle Entscheidungen getroffen: Was mache ich für mich?".

Das sagen die Zahlen: In Deutschland wurden bis Mitte April 59 Fälle von Hirnthrombosen nach mehr als 4,2 Millionen Erstimpfungen mit AstraZeneca gemeldet, darunter zwölf Todesfälle. Werden solche Thrombosen frühzeitig diagnostiziert und behandelt, stehen die Chancen relativ gut, wieder vollständig zu genesen.

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Hirnthrombosen kämen im Schnitt bei etwa einer von 100.000 geimpften Personen vor, geht aus der am Freitag vorgelegten Analyse der EMA-Experten zum AstraZeneca-Präparat hervor. Zum Vergleich: Eine Studie für München ergab für die erste Corona-Welle eine geschätzte Infektionssterblichkeit von 0,86 Prozent (Anteil der Todesfälle bezogen auf alle Infizierten einschließlich der Dunkelziffer). Die Zahl ist jedoch ein Durchschnittswert: Bei jüngeren Menschen ist der Anteil der Todesfälle deutlich geringer, bei älteren deutlich höher.

Selbst eine 20-jährige Frau habe ein höheres Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf als für eine Hirnthrombose nach der Impfung, sagte der Immunologe Carsten Watzl vom Leibniz Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund. Das bestätigt eine Studie der Universität Oxford: Demnach ist das Risiko für eine Hirnthrombose durch eine Covid-19-Erkrankung generell um ein Vielfaches höher als nach einer Impfung mit dem AstraZeneca–Präparat. Gleichzeitig deutet eine Studie aus Schottland darauf hin, dass die Impfung schwere Covid-19-Verläufe effizient verhindert – und zwar bereits nach der ersten Dosis. Beide Studien sind bisher nicht in Fachzeitschriften erschienen.

Am detailliertesten berechnen Forscher der Universität Cambridge anhand britischer Daten die Vorteile und Risiken der Impfung – getrennt für verschiedene Altersgruppen und verschiedene Corona-Inzidenzen. Ihre Resultate: Für 60- bis 69-Jährige in einem britischen Hochrisikogebiet liegt das Risiko, binnen 16 Wochen mit Covid-19 auf eine Intensivstation zu müssen, demnach mehr als 600 Mal höher als das Risiko einer Hirnthrombose nach einer Impfung mit AstraZeneca.

Selbst in der selten schwer betroffenen Altersgruppe der 20- bis 29-Jährigen ist demnach die statistische Wahrscheinlichkeit, bei für Großbritannien mittelhohen Fallzahlen (7-Tage-Inzidenz von 420) binnen 16 Wochen mit Covid-19 auf einer Intensivstation zu landen, doppelt so hoch wie das Risiko für ein Blutgerinnsel im Gehirn nach der Impfung. Einzige Ausnahme ist die Altersgruppe der 20- bis 29-Jährigen in Kombination mit einer – für britische Verhältnisse – geringen 7-Tage-Inzidenz von 140. Hier liegt das Covid-19-Risiko für den Zeitraum ein wenig niedriger als das impfbedingte Thrombose-Risiko – allerdings nur in den ersten 16 Wochen. Mit zunehmender Dauer des Impfschutzes steige der Nutzen, während das Impfrisiko nur auf die ersten Wochen nach der Impfung begrenzt ist.


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