Steigende Corona-Zahlen: Modellregion Vorarlberg bespricht Verschärfungen

Vor der für 19. Mai angekündigten Lockerung der Corona-Maßnahmen gilt zwei Bundesländern besondere Aufmerksamkeit: Wien entscheidet Dienstag, ob es den seit April laufenden harten Lockdown als einziges Land verlängert. Vorarlberg – seit Mitte März Modellregion für großflächige Öffnungen – kämpft dagegen mit stark steigenden Infektionen.

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Seit der Öffnung von Gastronomie, Kultur- und Sportveranstaltungen hat sich die Zahl der Neuinfektionen in Vorarlberg mehr als verdreifacht: von 16 am 15. März auf 116 am Montag.
© EXPA/JOHANN GRODER

Bregenz – In Vorarlberg haben die Gespräche des Landes mit den Gemeinden des Bregenzerwalds und Lustenau über eine Verschärfung der Corona-Maßnahmen den ganzen Montagvormittag angedauert. Landesrätin Martina Rüscher (ÖVP) besprach sich mit den Bürgermeistern darüber, wo in den Kommunen ab Dienstag eine Masken-und Testpflicht gelten wird. Im Bregenzerwald werden etwa zehn Gemeinden betroffen sein. Keinen Einfluss hat das Infektionsgeschehen auf die Weiterführung der Modellregion.

Die Gespräche sollten noch bis etwa 16 Uhr fortgeführt werden, hieß es aus dem Landhaus. Erst dann werden Details bekannt gegeben. Klar ist mindestens: Sowohl im Bregenzerwald als auch in Lustenau werden ab Dienstag sämtliche Oberstufenklassen wieder im Distance-Learning geführt.

📽️ Video | Verschärfte Maßnahmen in Vorarlberg:

Ausreisetestpflicht für Bregenzerwald verlängert

Für die Talschaft Bregenzerwald mit rund 32.000 Einwohnern gilt seit 20. April eine Ausreisetestpflicht. Sie wurde zunächst für eine Woche angesetzt, wird aber verlängert, da sich das Infektionsgeschehen nicht beruhigt hat – im Gegenteil: Bis Sonntagabend waren im Bregenzerwald 316 Corona-Infektionen bekannt, deutlich mehr als zu Beginn der Ausreisetestpflicht. Die meisten Infizierten wurden in Schwarzenberg (47), Egg (45), Andelsbuch (43), Bezau (31) und Lingenau (27) verzeichnet, aber auch in anderen Gemeinden - Krumbach (17), Schoppernau (14) oder Mellau (11) - gab es vergleichsweise viele Infektionen. In manchen dieser Orte stiegen die Sieben-Tage-Inzidenzen über die 1000er-Marke. Bei 64 der 316 Infizierten handelte es sich um Minderjährige.

Ähnlich präsentierte sich die Lage in Lustenau, das mit knapp 24.000 Einwohnern Österreichs größte Marktgemeinde ist. Auch dort nahmen die Fallzahlen zuletzt stark zu. In einer Woche kamen 80 Ansteckungen hinzu, damit waren am Montagvormittag 145 Fälle vermerkt. Auch in Lustenau war der Anteil der Minderjährigen mit 80 hoch. Ausgangspunkt für die Häufung der Corona-Infektionen in Lustenau soll ein großer Cluster in einer Spielgruppe gewesen sein.

💬 Experte Fidler heißt verschärfte Maßnahmen in Vorarlberg gut

Gesundheitsexperte Armin Fidler hält die verschärften Maßnahmen, die in Vorarlberg ab Dienstag in Teilen des Bregenzerwalds und Lustenau gelten werden, für richtig. Durch die verschärfte Test- und Maskenpflicht erreiche man auch Personen, die von sich aus keinen Corona-Test machen würden, so Fidler auf APA-Anfrage. Auch den Umstieg auf Distance-Learning für die Oberstufenklassen hieß Fidler gut: „Es sind mittlerweile sehr viele Junge, dich sich anstecken", sagte der Experte.

Für viele in Vorarlberg seien die im März im Bereich Gastronomie, Sport und Kultur gesetzten Öffnungsschritte ein Anreiz, sich testen zu lassen – nach Angaben von Landesrat Christian Gantner (ÖVP) wurden in der vergangenen Woche 124.137 Personen auf das Coronovirus überprüft. Für andere führe man nun weiterführende Maßnahmen ein, sagte Fidler. Vorgesehen ist unter anderem eine Masken- und Testpflicht in Ortszentren. Der Public Health-Experte betonte, dass diese Maßnahme in anderen Ländern längst angewendet werde, es handle sich also nicht um ein Experiment. Eine Maskenpflicht auf öffentlichen Plätzen gebe es etwa in Deutschland, aber auch in Italien, Spanien oder Frankreich. „Das Tragen einer Maske in der Öffentlichkeit hat Signalwirkung", so Fidler.

Nachdem es auch immer mehr junge Menschen als Träger einer Corona-Infektion gebe, sei auch die Umstellung auf Distance-Learning gutzuheißen. „Das wird europaweit so gemacht", stellte Fidler fest. Dass im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung immer mehr Junge betroffen seien, liege zum einen daran, dass die Älteren schon geimpft seien, sagte Fidler. Ein weiterer Grund sei, dass man sich in jüngeren Lebensjahren unvorsichtiger gebe und sich nicht unbedingt an vorgegebene Maßnahmen halte.

Wichtig war Fidler zu betonen, dass die in Vorarlberg gestiegene Sieben-Tage-Inzidenz nicht auf die Öffnungsschritte im März zurückzuführen sei. „Das wird oft falsch kolportiert", sagte Fidler. Man schaue sich sowohl in Vorarlberg als auch bei der AGES in Wien jeden Tag genau an, wo sich die Leute ansteckten. „Die Öffnung per se hat nicht zu einer höheren Fallzahl geführt", unterstrich der Experte. Die Verschlechterung der Vorarlberger Zahlen habe vielmehr damit zu tun, dass die britische Mutation sich in Vorarlberg drei Wochen später als in Ostösterreich breitgemacht habe. „Das ist der Hauptfaktor", so Fidler

© APA

Modellregion soll bleiben, Kurz zufrieden

Keine Auswirkungen haben vorerst die stark angestiegenen Infektionszahlen auf die Fortführung der Modellregion Vorarlberg. Die Landesregierung betont immer wieder, daran festhalten zu wollen, solange die Intensivkapazitäten nicht an ihre Grenzen stoßen. Die Sieben-Tage-Inzidenz habe als Hauptkriterium zur Lagebeurteilung ausgedient. Man müsse auch die Lage auf den Intensivstationen, den Impffortschritt und die Zahl der Tests, aber auch die wirtschaftliche Situation und die Bereitschaft der Bürger, die Maßnahmen mitzutragen, einbeziehen. Ansteckungen passierten vorwiegend im privaten Bereich, heißt es.

In dieser Haltung unterstützt wurde Vorarlberg am Montag von Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) bestärkt. In einem auf ORF Radio Vorarlberg gesendeten Interview bewertete er die Entwicklung in Vorarlberg als „sehr, sehr positiv". Er hätte sich einen wesentlich schnelleren Anstieg der Infektionszahlen erwartet, sagte er. Die Ansteckungszahlen befänden sich auf einem Niveau wie in anderen Bundesländern bei rund 60 Prozent mehr an Testungen. Darüber hinaus gebe es in Vorarlberg kein Kapazitätsproblem in den Spitälern. Die Zahl der Intensivpatienten lag in Vorarlberg am Montag bei acht, 23 Intensivbetten waren noch frei. (APA)


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