Grund zur Sorge wegen neuer Virus-Mutation in Indien? Das ist bisher bekannt

Die Situation in Indien spitzt sich zu. Täglich werden Hunderttausende neue Corona-Fälle registriert, Medikamente und Sauerstoff werden zur Mangelware. Eine neue Virus-Mutation macht mittlerweile rund 60 Prozent der Neuinfektionen aus. Auch in 18 weiteren Ländern wurde die Variante bereits festgestellt.

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Medizinisches Personal mit Schutzanzügen transportiert die Leiche eines Covid-Patienten in einem Krankenhaus in Amritsar ab.
© NARINDER NANU

Neu-Delhi, Wien – Indiens Gesundheitssystem droht unter der Corona-Last zusammenzubrechen. Das Land meldete am Montag mit 352.991 Neuinfektionen den fünften Tag in Folge einen weltweiten Höchstwert. Dieser rasante Anstieg der Zahlen hat zu einer Knappheit an Medikamenten und medizinischem Sauerstoff geführt. Viele Kliniken werden des Ansturms nicht mehr Herr und weisen Patienten ab. Selbst Bahren, um die Toten wegzubringen, wurden knapp. In stark betroffenen Städten wie der Hauptstadt Neu-Delhi wurden die Leichen in provisorischen Krematorien verbrannt.

Mitverantwortlich für die dramatische Lage könnte die neue Virus-Mutation B.1.617 sein. B.1.617 wurde bisher in Österreich nicht nachgewiesen, betonte der Virologe und Immunologe Andreas Bergthaler Montagfrüh auf Twitter. "Ob diese Variante mit Fluchtmutationen infektiöser ist bzw. zu schwererer Krankheit führt ist unklar. Die Infektionswelle in Indien könnte auch andere Gründe haben", erläuterte der Experte vom Forschungszentrum für Molekulare Medizin (CeMM) der Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Die katastrophale Situation in Indien sei wohl vorrangig dem katastrophalen Pandemie-Management geschuldet und eventuell erhöhter Übertragbarkeit, schrieb auch der Molekularbiologe Martin Moder in dem Kurznachrichtendienst. Gegen die Mutation aus Indien "dürften die Impfstoffe gut wirksam sein", betonte er.

⁉️ Was über die indische Mutation bisher bekannt ist:

Woher kommt die Mutation?

Viren sind ständig im Wandel. Das Virus, das die weltweite Corona-Pandemie ausgelöst hat, hat bereits Tausende Mutationen durchlaufen, einige davon sind bedenklicher als andere. Indien meldete der Sequenzdatenbank der Global Initiative for Sharing All Influenza Data (Gisaid) erstmals im Oktober 2020 das Auftreten des Genoms B.1.617.

Das indische Gesundheitsministerium wies Ende März 2021 auf die Variante hin. Zu diesem Zeitpunkt wurde sie demnach bei 15 bis 20 Prozent der analysierten Proben in dem am stärksten von der Pandemie betroffenen Bundesstaat Maharashtra nachgewiesen. Jüngsten Angaben zufolge macht B.1.617 in Indien mittlerweile rund 60 Prozent der Corona-Neuinfektionen aus. Auch in 18 weiteren Ländern wurde die Variante bereits festgestellt.

📽️ Video | Variante B.1.617: Internationale Hilfe für Indien läuft an

❓ Besteht Grund zur Sorge?

Die Mutation B.1.617 wurde von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bisher als "von Interesse" eingestuft. Anders als die Varianten, die zuerst in Brasilien, Südafrika und Großbritannien entdeckt wurden, gilt B.1.617 bisher nicht als "besorgniserregend".

Die Variante weist mehrere Mutationen auf, darunter E484Q und L452R. Mit diesen Abkürzungen wird die genaue Position der jeweiligen Erbgutveränderung im Virus-Genom angegeben. Die beiden Mutationen sind der Grund, warum B.1.617 auch als Doppel-Mutation bezeichnet wird.

E484Q ähnelt einer Mutation, die auch bei den südafrikanischen, brasilianischen und britischen Mutationen festgestellt wurde: der Mutation E484K. Diese wird von Experten als "Escape-Mutation" bezeichnet, da sie dem Virus hilft, dem Immunsystem des menschlichen Körpers zu entkommen. Die zweite Mutation, L452R, ist einer kalifornischen Studie zufolge ein "effizienter Verbreiter" für das Virus.

Ob die beiden Mutationen die Variante tatsächlich gefährlicher machen, ist noch nicht abschließend geklärt. Wissenschaftern zufolge sind weitere Daten nötig, um B.1.617 als gefährliche Variante einzustufen.

© ARUN SANKAR

❓ Ist die Mutation verantwortlich für den rasanten Anstieg der Fälle in Indien?

Nach Angaben des Direktors des Zentrums für Zell- und Molekularbiologie in Hyderabad, Rakesh Mishra, hat sich die indische Mutation bisher erfolgreicher verbreitet als andere Virus-Varianten. "Langsam wird sie sich durchsetzen und die anderen Varianten verdrängen", sagte er.

Das muss jedoch nicht heißen, dass die dramatische Corona-Lage in Indien allein auf die Mutation zurückzuführen ist. Schuld daran könnte ebenso die Unbekümmertheit sein, mit der Indiens Zentralregierung und die Behörden der Bundesstaaten der Pandemie in den vergangenen Monaten begegneten.

Als die Fälle im Oktober und November 2020 zu sinken begannen, lockerte die Regierung ihre Maßnahmen deutlich, es gab zahlreiche Großveranstaltungen, bei der sich die Menschen ohne Schutzmasken drängten.

Zahlen

Indien mit einer Bevölkerung von 1,3 Milliarden Menschen hat bisher 17,31 Millionen Infektionen und 195.123 Tote verzeichnet. Gesundheitsexperten gehen aber davon aus, dass die Dunkelziffer bei den Toten weitaus höher ist.

❓ Wirken Impfstoffe gegen die Mutation?

Die indische Mutation E484Q ist verwandt mit der britischen, südafrikanischen und brasilianischen Mutation E484K. Diese steht im Verdacht, den Schutz durch die Antikörper zu verringern, die ein Mensch nach einer vorangegangenen Erkrankung oder Impfung gegen das Corona-Virus aufgebaut hat, wie der Evolutionsvirologe Stephen Goldstein von der Universität Utah erklärt.

Nach Angaben des indischen Experten Mishra wird die Wirksamkeit von Impfstoffen gegen die indische Mutation derzeit getestet. Experten sind der Meinung, dass eine Impfung in jedem Fall einen gewissen Schutz bietet, insbesondere vor einem schweren Verlauf der Krankheit.

Wie lässt sich die Krise bewältigen?

Wenn es mehr Wirte für das Virus gibt – also mehr Menschen mit einer Corona-Infektion – kann das Virus schneller mutieren. Nach Angaben des Experten Mishra ist es daher dringend erforderlich, dass Indien den Ausbruch in den Griff bekommt. Kürzlich sorgte eine weitere neue Variante mit der Bezeichnung B.1.618 für Aufsehen. Sie hat sich in Indien offenbar bereits als drittgrößte Mutation verbreitet.

Evolutionsvirologe Goldstein verweist auf den Erfolg Großbritanniens bei der Eindämmung der britischen Variante: "Es kann ziemlich mühsam sein, aber es ist machbar." Die rasche Ausweitung der Impfkampagne habe den Briten dabei sicherlich in die Hände gespielt. "Aber es ist der Lockdown, der es ihnen ermöglicht hat, den Anstieg der Fälle zu bremsen und das Ruder herumzureißen." (TT.com, APA/AFP)

Menschen stehen an einer Sauerstoff-Nachfüllstation in Indien an.
© SANJAY KANOJIA

🛑 Gesundheitsministerium prüft noch Einreisestopp für Indien

Wegen der Ausbreitung der Coronavirus-Mutation B.1.617 prüft das Gesundheitsministerium noch verschärfte Einreisebeschränkungen für Personen, die aus Indien einreisen. Es gebe derzeit keine direkten Linienflüge zwischen Indien und Österreich, Maßnahmen für Personen, die über Zwischendestinationen anreisen, würden gerade geprüft, hieß es am Montag auf Anfrage aus dem Gesundheitsministerium.

Andere Länder, darunter Deutschland und Italien, hatten bereits am Wochenende Einreiseverbote für Indien verhängt. Man beobachte die Situation im sehr stark von Covid-19-Neuinfektionen betroffenen Indien momentan "sehr genau", sagte auch Kanzler Sebstaian Kurz (ÖVP) am Montag. Er verwies auf strenge Einreiseregelungen in ganz Europa. Zukünftig sollten diese Bestimmungen gegenüber Drittstaaten idealerweise europaweit einheitlich ausgerollt werden. Bis dato sei dies jedoch "nicht ideal gelaufen", betonte Kurz. Österreich befände sich aktuell im Austausch mit den indischen Behörden bezüglich Hilfsangeboten und Unterstützung bei der Bewältigung der dortigen Epidemie. Auf welche Art und Weise Österreich helfen wird, soll noch in dieser Woche präsentiert werden, wie Kurz in Aussicht stellte.


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