Schlammschlacht zwischen Premier Johnson und Ex-Vertrautem Cummings

Vom Chefberater zum Intimfeind: Dominic Cummings befindet sich derzeit mit schweren Anschuldigungen auf einem Rachefeldzug gegen seinen früheren Chef Boris Johnson. Das könnte erst der Anfang sein.

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Ein Bild aus besseren Tagen: Cummings (links) und Johnson
© TOLGA AKMEN

London – Dominic Cummings hat sich als Berater des britischen Premierministers Boris Johnson einst den Ruf erarbeitet, keiner Auseinandersetzung aus dem Weg zu gehen. Sein jüngster Feldzug richtet sich nun ausgerechnet gegen seinen früheren Chef. Mit brisanten Enthüllungen setzt er Johnson seit Tagen unter Druck.

Cummings hatte Ende 2020 nach einem Machtkampf im Spitzenteam des Premierministers seinen Posten als Chefberater räumen müssen. Am Freitag meldete er sich mit einem Rundumschlag gegen Johnson zurück. In einem Blogeintrag erhob er schwere Anschuldigungen gegen den konservativen Regierungschef.

Unter anderem warf er ihm vor, dass er heimlich private Spender für die Renovierung seiner Wohnung in der Downing Street aufkommen lassen wollte. Er habe sich damals geweigert, Johnson bei diesen Plänen zu helfen und ihm gesagt, dass dies "unethisch, töricht und möglicherweise illegal" sei, schrieb Cummings. Er bezichtigte Johnson zudem, eine interne Untersuchung wegen eines Leaks im Zusammenhang mit Corona-Maßnahmen blockiert zu haben, weil der dafür Verantwortliche ein enger Freund seiner Verlobten Carrie Symonds gewesen sei.

Der britische Medienrummel rund um Cummings ist groß.
© DANIEL LEAL-OLIVAS

„Sollen sich doch die Leichen zu tausenden stapeln"

Johnson hat bereits mit einem Lobby-Skandal zu kämpfen, in den Mitglieder seiner Regierung verwickelt sind, und mit einer Reihe angeblicher eigener Fehltritte. Am Montag geriet er zusätzlich unter Druck, als ein angebliches Zitat veröffentlicht wurde, mit dem er sich im vergangenen Herbst gegen einen dritten Corona-Lockdown gewehrt haben soll.

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"Keinen verdammten Lockdown mehr - sollen sich doch die Leichen zu tausenden stapeln", zitierte ihn die Zeitung "Daily Mail". Laut dem Blatt, das seine Quelle nicht preisgab, soll der Satz im Oktober bei einem internen Treffen in der Downing Street gefallen sein. Am Ende kam der dritte Lockdown zum Jahresbeginn dann doch. Johnson selbst dementierte die Berichte über die umstrittene Äußerung.

Skrupelloser Cummings

Cummings sei ein Mann, der "Atomwaffen bei einer Polsterschlacht einsetzt", schrieb Tim Shipman, Politikjournalist bei der "Sunday Times", und fügte mit Blick auf dessen Zeit in der Downing Street hinzu: "Er hatte Monate Zeit, um E-Mails und Mitteilungen zu kopieren. Gerüchten zufolge verfügt er über Audioaufnahmen." Die Umfragewerte des Premiers, der mit der erfolgreichen Impfkampagne in Großbritannien punkten konnte, seien zwar stabil. "Aber Wähler hassen Chaos und Spaltung, und die Tory-Abgeordneten haben eine Abneigung gegen Melodramen", schrieb Shipman.

Zu spalten und Chaos zu stiften, zählen zu Cummings' bevorzugten Strategien. Er war der Strippenzieher der von Johnson angeführten Brexit-Kampagne. Sein aggressives Vorgehen machte ihn zur Hassfigur für die Gegner des britischen EU-Austritts. Der frühere konservative Premierminister David Cameron nannte Cummings einst einen "Karriere-Psychopathen". Auch bei vielen Abgeordneten der Regierungspartei und selbst unter entschiedenen Befürwortern des Brexit war er umstritten.

Wenn aus Freunden Feinde werden

Im vergangenen Frühjahr sorgte Cummings für einen Skandal, als er die Corona-Ausgangssperre missachtete und trotz Infektionsverdachts mit Frau und kleinem Sohn quer durchs Land zu seinen Eltern fuhr. Johnson stellte sich damals entschlossen hinter seinen Berater und lehnte es ab, ihn zu entlassen.

Nun könnte sein ehemaliger Vertrauter zu einer Bedrohung für ihn werden. Cummings bekundete seine Bereitschaft, einem Parlamentsausschuss detaillierte Auskünfte zum mutmaßlichen Fehlverhalten des Regierungschefs zu geben. Er werde den Abgeordneten Rede und Antwort stehen, "so lange, wie sie wollen".

Während die Downing Street alle Anschuldigungen zurückweist, sind die Vorwürfe für die oppositionelle Labour Party ein gefundenes Fressen. "Wen interessiert es, ob Johnson lügt oder ob Cummings lügt?", sagte die Vizeparteichefin Angela Rayner. Entscheidend sei, dass sie "kindische Spiele" spielten und die Regierung immer mehr in einem Sumpf von Korruption versinke. (APA/AFP)


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