„Faust" in der Wiener Staatsoper: Gretchens Triumph auf dem Boulevard

Frank Castorf ist mit seiner Stuttgarter Inszenierung des Gounod-„Faust“ in der Wiener Staatsoper angekommen.

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Marguerite (Nicole Car) wird von Faust (Juan Diego Flórez) bedrängt: Charles Gounods Oper, inszeniert von Ex-Volksbühnen-Intendant Frank Castorf.
© Staatsoper/Pöhn

Von Stefan Musil

Wien – Das Spinnrad hat ausgedreht. Dafür zieht sich das Opern-Gretchen Marguerite nach ihrem Dienst als Küchenhilfe ein Pfeifchen rein. Ob Gras oder Opium drin ist? Egal, hier, in Frank Castorfs Faust-Welt, die aus Stuttgart nach Wien übersiedelt ist – vorerst fürs TV, ab 19. Mai womöglich auch für Publikum.

Bühnenbildner Aleksandar Denić hat ein hinreißendes, schmuddelig pittoreskes Stückchen Fantasy-Paris, zwischen Place Stalingrad und Boulevard Maxim Gorki, samt Café, Metro-Station, Dachkammer und Metzgerei auf die Drehbühne getürmt, bekrönt von einem gotischen Kathedralen-Bogen.

Doch die Gotik spricht hier nicht Goethe-Deutsch, sondern Muttersprache, also Französisch. Passt. Hatte doch Charles Gounod vor allem das Schicksal von Marguerite im Auge, samt tränentreibender Himmelfahrt. Heraus kam ein in süßeste Musik gegossenes Herz-Schmerz-Rührstück als Publikumshit.

Mit möglichem Bildungsballast der Vorlage hält sich auch Castorf nicht weiter auf. Er erzählt, in einem zeitlichen Ungefähr zwischen Frankreichs Algerienkrieg (1954–62) und Heute, das Schicksal der Marguerite, deren Unschuld hier nicht mehr sexueller Natur entspringt, sondern eher der Opferrolle eines von den sozialen Umständen aufgeriebenen Mädchens. Wieder einmal sitzengelassen, kommt sie ins Café. Es ist ein Leichtes für Mephisto, sie mit einer prall gefüllten Designer-Tüte zu bezirzen. Faust kann seine Verführung beginnen, bis die zerstörte Marguerite wieder im Café sitzt und einen letzten, tödlichen Drink kippt.

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Frank Castorf spielt das lustvoll bilderstark, trashig, schonungslos, aber auch mit Augenzwinkern aus. Natürlich schickt er seinen Protagonisten Kameramänner nach. Doch was in manchen seiner stundenlangen Sprechtheaterarbeiten gerne geschwätzig aufgesetzt wirkt, trägt hier zum Gewinn bei. Es eröffnet mannigfaltige Perspektiven, assoziative Einblicke, bunt, vielschichtig wie ein Kaleidoskop, wenn es den Protagonisten durch das Bühnenparis folgt. Oder filmisch kommentiert, etwa im Liebesduett die Sehnsucht nach dem kleinen Glück mit Filmchen alter Waschmittelwerbung.

Das Notenkorsett zwingt Castorf zur Verdichtung, lässt ihm wenig Platz zum Schwadronieren. So gelingt packendes Erlebnistheater, ein Schauspektakel, das eine wunderbare Erzählung zur Musik abliefert, die mit den einsatzfreudigen Sängern ebenfalls ausgezeichnet gelingt. Ganz besonders im Graben, wo Bertrand de Billy mit dem Orchester die Partitur herrlich zum Leuchten und Schwingen bringt, vielschichtig, luzide und packend.

Auf der Bühne steht Nicole Car im Zentrum, deren Marguerite mit leuchtkräftigem Sopran als starke heutige Frau, die dennoch am Schicksal zerbricht, überzeugt. Juan Diego Floréz gelingen die zärtlichen Phrasen seines „Salut, demeure chaste et pure“ berückend, daneben ist er vor allem das Verführungsinstrument für Mephisto, den Adam Palka mit kernig kompakter Basskraft ausstattet. Kate Lindsey ist ein Luxus für den Siébel, Étienne Dupuis ein martialisch baritonstarker Valentin. Martin Häßler und Monika Bohinec sind höchst präsent als Wagner und Marthe, während sich der Chor als Revuevolk im Fummel oder strenge Soldatentruppe prächtig singend an der Rampe dieses Pariser Faust-Wunderstädtchens tummeln darf.

Faust aus der Wiener Staatsoper wird am 1. Mai um 19.30 Uhr in Radio Ö1 übertragen und am 9. Mai um 20.15 Uhr in ORF III.


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