Ein Leben für den Terrorismus: Bin Ladens Tod jährt sich zum zehnten Mal

Bin Laden war der Gründer und Anführer der Terrororganisation Al-Kaida und plante unter anderem die von ihr ausgeführten Terroranschläge vom 11. September 2001. Mit der Jagd nach ihm und seinen Anhängern sowie seinem Tod vor zehn Jahren durch US-Soldaten konnte der islamistische Terror nicht beendet werden – im Gegenteil.

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Osama bin Laden.
© REUTERS

Wien – Mit den Anschlägen am 11. September 2001 wurde Osama bin Laden im negativsten Sinne weltberühmt. Für seine Anhänger avancierte er zum ewigen Helden, für die USA und den Rest der westlichen Welt zum Staatsfeind Nummer eins.

Am 2. Mai jährt sich der Todestag von Osama bin Laden zum zehnten Mal. Bis zu seiner Erschießung durch Spezialeinheiten der US-Armee im pakistanischen Abbottabad war er mit einem Kopfgeld von 50 Millionen Dollar (41,43 Mio. Euro) der weltweit am meisten gesuchte Terrorist. Er gründete die Terrororganisation Al-Kaida, zu deutsch die Basis, das Fundament, zeichnete für zahlreiche schwere Anschläge und dutzende Todesopfer verantwortlich.

Bin Ladens Leben und Radikalisierung

Kindheit und Jugend

Geboren wurde Bin Laden als Spross einer schwerreichen saudi-arabischen Bauunternehmer-Dynastie zwischen März 1957 und Februar 1958 in Riad. Bin Ladens Vater Muhammad stammte aus dem Jemen und stieg mit seiner "Saudi Binladin Group" zum Multimillionär und einer einflussreichen Persönlichkeit im wahhabitischen Königreich auf, er erhielt sogar ein ehrenamtliches Ministeramt. Nach seinem Tod bauten seine Söhne das Unternehmen zu einem transnationalen milliardenschweren Mischkonzern aus.

Bin Ladens Mutter Alia Ghanem (später Hamida Al-Attas) stammte aus einer sunnitischen Familie im syrischen Latakia und wurde zur zehnten von mindestens 22 Frauen ihres Mannes, der sich aber von vielen scheiden ließ, da ein Mann nach islamischem Recht nur maximal vier Ehefrauen gleichzeitig haben durfte. Als Bin Laden vier oder fünf Jahre alt war, trennte sich sein Vater auch von seiner Mutter und arrangierte eine Ehe mit einem Angestellten für sie. Bin Laden blieb das einzige Kind seiner Mutter und das 17. seines Vaters, der bis zu 57 Nachkommen gezeugt haben soll.

Zunächst ging er an die renommierte Universität von Jeddah, um Bauingenieurswissenschaften zu studieren. Ab 1973 wandte er sich islamistischen Gruppen zu und dürfte sich von da an zunehmend radikalisiert haben. Nach der sowjetischen Invasion in Afghanistan ging bin Laden ins Nachbarland Pakistan, wo er mehrere Führer der afghanischen Widerstandsbewegung traf. Dem späteren Präsidenten Burhanuddin Rabbani bot er damals seine Hilfe an.

In der Kindheit hatte er mit Glaubensfragen nicht viel am Hut. Umso schneller radikalisierte er sich ab 1973.
© AP

Radikalisierung

Seine erste Basis richtete bin Laden in der pakistanischen Grenzstadt Peshawar ein. Dort erwarb er sich sehr schnell den Ruf eines mutigen Kämpfers und band sich an die radikalsten Fundamentalistenführer. Unter ihnen war der Ägypter Ayman al-Zawahiri, der die rechte Hand bin Ladens werden sollte. Allmählich baute bin Laden sein Netzwerk auf: Bald finanzierte er eine Brigade mit mehreren tausend Männern, die größtenteils aus arabischen Ländern stammten. Bei seinem erbitterten Kampf gegen die Sowjetarmee wurde der Extremist vom US-Geheimdienst CIA unterstützt. Experten datieren die Gründung seiner Terrororganisation Al Kaida auf 1988.

Nach dem Abzug der sowjetischen Truppen kehrte bin Laden zunächst nach Saudi-Arabien zurück. Doch als sein Heimatland der US-Armee beim Golfkrieg 1991 bereitwillig als Stützpunkt zur Verfügung stand, griff der Fundamentalist die Königsfamilie heftig an. Riad erklärte ihn zur "persona non grata", drei Jahre später wurde ihm die saudi-arabische Nationalität entzogen. Bis 1996 blieb Bin Laden im Sudan, wo er die Ausbildung seiner Al-Kaida-Leute in paramilitärischen Lagern vorantrieb. Doch dann verwies die Regierung in Khartum ihn auf Druck Washingtons des Landes. Bin Laden ging wieder nach Afghanistan, wo er mit immer glühenderem Hass gegen die "arrogante Supermacht" USA predigte. Nach der Machtübernahme durch die radikalislamischen Taliban wurde er deren "Ehrengast". Unter wohlwollender Patronage der Taliban errichtete der Terrorfürst Dutzende Al-Kaida-Camps für tausende Gefolgsleute.

1️⃣ Bin Laden als Staatsfeind Nummer eins

Der erste große Anschlag, der bin Laden zur Last gelegt wird, waren die Bombenattentate auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania, bei denen im August 1998 insgesamt 224 Menschen getötet wurden. 1999 setzte ihn die US-Bundespolizei auf die Liste der zehn meistgesuchten Verbrecher der Welt. Auch für den Sprengstoffanschlag auf das US-Kriegsschiff USS Cole vor der Küste des Jemen, bei dem im Oktober 2000 17 US-Soldaten getötet wurden, wurde bin Laden verantwortlich gemacht. Am 11. September 2001 schließlich starben bei den Terroranschlägen in den USA fast 3000 Menschen.

Das Ausmaß der Zerstörung beim World Trade Center.
© dapd

Sechs Tage später erklärte US-Präsident George W. Bush ihn zum Hauptverantwortlichen für die Anschläge und verlangte Bin Ladens Festnahme "tot oder lebendig". Am 18. September forderte der UNO-Sicherheitsrat das Taliban-Regime in Afghanistan auf, Bin Laden auszuliefern, was Taliban-Führer Mullah Omar ablehnte. Woraufhin die USA am 7. Oktober ihre Invasion in Afghanistan begannen, was sich schließlich zum längsten Krieg der Vereinigten Staaten von Amerika entwickeln sollte. Erst unter dem aktuellen US-Präsidenten Joe Biden sollen bis 11. September 2021 alle US-Truppen aus dem zentralasiatischen Land abziehen.

🏴 Bin Ladens Tod und dessen Folgen

Der Gebäudekomplex, in dem Osama Bin Laden getötet wurde.
© APA

Der Schießbefehl zur Tötung bin Ladens von 2011, ausgeführt vermutlich von einem Navy Seal namens Robert O'Neill, ist bis heute umstritten. Die US-Kräfte gingen in ein fremdes Land und töteten einen Mann - ohne jegliche gerichtliche Fundierung. Politiker begrüßten den Schritt damals, Menschenrechtlern war weniger wohl. Die US-Armee bestattete die Leiche Bin Ladens schließlich auf hoher See, um keinen Pilgerort für seine Anhänger zu schaffen.

Vom Arzt, der Osama bin Laden aufspürte

Der Freund des Feindes: In den Vereinigten Staaten gilt er als Held, in seiner Heimat Pakistan als Verräter. Shakeel Afridi lieferte dem US-Geheimdienst den Beweis, dass sich Bin Laden tatsächlich in dem vermuteten Haus in der Stadt Abbottabad aufhielt. Der Arzt startete ein Impfprogramm und gelangte so an eine DNA-Probe aus dem Versteck.

Ein hoher Preis: Wenige Wochen nach dem tödlichen Angriff auf bin Laden wurde Afridi am 2. Mai 2011 verhaftet. Mithilfe eines fragwürdigen Gesetzes aus der Kolonialzeit wurde er zu 33 Jahren Haft verurteilt. Heute, zehn Jahre nach der Tötung des Terrorbosses, sitzt er immer noch in Isolationshaft. Afridis Zelle im Gefängnis Sahiwal in der Provinz Punjab ist winzig, fünf Quadratmeter groß, wie seine Familie und sein Anwalt berichten - die einzigen, mit denen er Kontakt haben darf. Darin gehe er auf und ab und mache Liegestütze, um sich zu bewegen. Die einzige Lektüre ist der Koran, andere Bücher oder Zeitungen sind verboten. Zwei Mal im Monat darf ihn seine Familie besuchen. Jedoch ist es ihnen nicht erlaubt, sich in ihrer Muttersprache zu unterhalten.

Kein Mitleid für Afridi: „Wenn jemand in Pakistan für einen ausländischen Geheimdienst arbeitet, ist das ein unverzeihliches Verbrechen", sagt Asad Durrani, der ehemalige Chef der pakistanischen Spionagebehörde. Nur wenige Pakistani empfinden deshalb Mitleid mit dem Arzt. Vermutlich habe die Verhaftung den Arzt sogar vor Lynchjustiz bewahrt.

Durch die Tötung Bin Ladens gelang es den Amerikanern zwar Al-Kaida in Motivation und Struktur entscheidend zu schwächen. Das von den USA mitausgelöste Chaos im Irak, das Ungleichgewicht in Nahost und auch die undurchsichtige Situation in Afghanistan und Pakistan haben dem Terror jedoch geholfen. Im Irak konnte der IS (Daesh) entstehen - brutaler, entschlossener und menschenfeindlicher als Bin Ladens Al-Kaida.

Kurz und knapp: Osama bin Ladens Leben für den Terrorismus

1957 oder 1958: Der Sohn eines Bauunternehmers aus dem saudi-arabischen Jeddah wird geboren.

1979: Nach dem Einmarsch der Sowjets in Afghanistan kämpft er mit islamistischen Jihadisten gegen die Besatzer.

1988: Von Bin Laden befehligte Gotteskrieger bilden das Terrornetzwerk Al-Kaida ("Die Basis"), dessen Angriffe später auf die USA und Westeuropa zielen.

1993: Bei einem Sprengstoffanschlag auf das World Trade Center in New York sterben sechs Menschen. US-Behörden machen bin Laden für diese Tat und viele nachfolgende verantwortlich.

1994: Der mittlerweile von den USA Gesuchte verliert seine saudi-arabische Staatsbürgerschaft. Das Königshaus friert seine Konten im Land ein.

1996: Er flieht nach Afghanistan und wird Verbündeter der Taliban.

1998: Bei Anschlägen auf US-Botschaften in Nairobi (Kenia) und Daressalam (Tansania) sterben 224 Menschen. Der Drahtzieher: Bin Laden. Die USA setzen ein Kopfgeld von fünf Millionen Dollar aus.

1999: Das FBI setzt ihn auf die Liste der zehn Meistgesuchten.

11. September 2001: Al-Kaida-Terroristen entführen vier Passagierflugzeuge und greifen damit das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington an. Rund 3.000 Menschen sterben. bin Laden wird "Staatsfeind Nummer eins" der USA. Washington erhöht das Kopfgeld auf 25 Millionen Dollar (22,01 Mio. Euro).

Nach 2001: Nach dem Sturz der Taliban in Kabul taucht Bin Laden unter und meldet sich nur noch mit Botschaften aus dem Untergrund. Er wird in der pakistanisch-afghanischen Grenzregion vermutet.

2007: Der US-Senat verdoppelt das Kopfgeld auf 50 Millionen Dollar.

2010: Der US-Sender CNN meldet unter Berufung auf einen hochrangigen NATO-Vertreter, der Terrorchef lebe im Nordwesten Pakistans.

2. Mai 2011: US-Spezialkräfte töten Bin Laden in dessen Haus im pakistanischen Abbottabad.

Amerikas ewiger Krieg?

„Auch wenn es in Afghanistan noch dunkle Tage geben wird, ist das Licht eines sicheren Friedens in der Ferne zu sehen. Diese langen Kriege werden zu einem verantwortungsvollen Ende kommen", sagte der damalige US-Präsident Barack Obama im Juni 2011. Das war knapp zehn Jahre nach Beginn des US-geführten Einsatzes am Hindukusch. Noch heute ist das Militär in dem Land stationiert, ein "sicherer Friede" ist noch immer nicht in Sicht. In keinen anderen Krieg waren die USA länger verwickelt. Der Konflikt zeigt eindrücklich, wie viel einfacher es ist, in ein Land einzumarschieren, als es wieder zu verlassen.

Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 dauerte es keine vier Wochen, bis die USA die ersten Bomben über Afghanistan abwarf. Das Taliban-Regime hatte sich geweigert, den mutmaßlichen Drahtzieher und Al-Kaida-Chef Osama bin Laden auszuliefern. Bald darauf folgten Bodentruppen. Ende 2001 stürzte das Regime.

Mit Anfang Mai sollten alle US-Soldaten aus Afghanistan abziehen.
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In dem Glauben, dass der Konflikt in Afghanistan weitgehend entscheiden war, lenkten die Amerikaner mit Beginn der US-Invasion im Irak 2003 Ressourcen und Truppen dorthin um. Wie sehr die Lage dann aber kippte, beweist eine Bush-Aussage vier Jahre später bei einem NATO-Gipfel in Bukarest: "Wir dürfen Afghanistan nicht verlieren - koste es, was es wolle."

Wie real auch heute die Gefahr ist, Afghanistan zu verlieren, machte eine vom US-Kongress eingesetzte Expertengruppe in einem Bericht im Februar deutlich. Die Fachleute entwarfen verschiedene Szenarien, keines davon optimistisch, manche katastrophal: eine Rückkehr der Taliban an die Macht, einen erneuten Bürgerkrieg, eine wachsende Terrorbedrohung für die USA und eine weitere Flüchtlingskrise mit Auswirkungen auch auf die EU. Laut US-Geheimdienst werde die jetzige afghanische Regierung Schwierigkeiten haben, die Taliban in Schach zu halten, sollte die Koalition mit den USA zu einem Ende kommen.

Biden will sein Wahlversprechen einlösen.
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Genau das ist aber eines der Wahlversprechen des neuen US-Präsidenten Joe Biden. Mit 1. Mai sollten alle Truppen aus Afghanistan abgezogen sein – trotz anhaltender Angriffe der Taliban auf Sicherheitskräfte und Zivilisten. "Es ist an der Zeit, Amerikas längsten Krieg zu beenden. Es ist der Zeit für die amerikanischen Truppen, nach Hause zu kommen", sagt Biden. Das ist eine Abkehr der bisherigen Linie, welche ein US-Regierungsvertreter als "Rezept für einen ewigen Verbleib" bezeichnet. Die Terrorbedrohung für die USA aus Afghanistan sei nicht mehr so groß, dass eine Truppenpräsenz notwendig wäre. Innerafghanische Probleme könnten aber nicht von ausländischen Soldaten gelöst werden. Das kann man nach fast 20 Jahren Einsatz als Bankrotterklärung werten - oder als späte Anerkennung der Realitäten.

Islamistischer Terrorismus prägt das bisherige 21. Jahrhundert

Islamistische Terroristen haben im 21. Jahrhundert eine Menge schwerer Anschläge mit vielen Todesopfern verübt. Der Kampf gegen den Terrorismus war aber vielmehr ein Katalysator dessen. Bei dem Einmarsch in den Irak 2003 wollten die USA das Regime von Saddam Hussein stürzen. Islamistische sunnitische Gruppen verbündeten sich mit Offizieren der von den Amerikanern aufgelösten Armee Saddam Husseins und entfesselten einen Bürgerkrieg zwischen Sunniten und Schiiten.

Islamistischer Terror ist nach wie vor ein großes Problem.
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Die islamistischen Gruppierungen eroberten nach und nach weite Teile des Iraks, ehe der 2010 zum Anführer erkorene Abu Bakr al-Baghdadi seine Kämpfer nach Syrien lotste, um das Regime von Bashar al-Assad in Damaskus zu bekämpfen und in weiterer Folge den IS zu gründen. Erst durch unglaubliche Kraftanstrengungen der USA, Russland und anderer Verbündeter arabischer und westlicher Staaten konnte der IS zumindest in den Untergrund verdrängt werden.

Ein jihadistischer Wanderzirkus war entstanden, ein Ende des Terrors ist nicht abzusehen und er wird die Menschen weltweit wohl auch die nächsten Jahre weiter beschäftigen. Die meisten Opfer der muslimischen Extremisten: Muslime. (TT.com/APA)

Al-Kaida zehn Jahre nach bin Ladens Tod:

Während ein Ende des islamistisch motivierten Terror nicht in Sicht ist, ist Bin Ladens Al-Kaida laut dem Terrorismusexperten Barak Mendelsohn zehn Jahre nach dem Tod von Bin Laden und 20 Jahre nach dem 11. September 2001 nur mehr ein "Schatten seiner selbst" und mit dem starken Terrornetzwerk von früher nicht mehr zu vergleichen.

Nach Bin Laden übernahm Ayman al-Zawahiri die Führung der Terrororganisation. Der ist seitdem nicht groß in Erscheinung getreten, immer wieder gibt es Gerüchte, dass Zawahiri längst tot sei. Laut Mendelsohn ist Al-Kaidas Führungsspitze keine mächtige Schaltzentrale mehr. Die Entscheidungsgewalt liege hauptsächlich in den Händen der Anführer der zahlreichen Ableger.

Die USA haben zwar ein Kopfgeld von 25 Millionen Dollar, gut 20 Millionen Euro, auf Zawahiri ausgesetzt und ihn ganz oben auf ihre Liste der meistgesuchten Terroristen gesetzt. Die US-Regierung halte ihn laut Experten aber nicht für eine allzu große Gefahr und unternehme auch keine größeren Anstrengungen, um ihn zur Strecke zu bringen.


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